Dreiundzwanzig Zoomgesichter

von Shirin Sojitrawalla

München / online, 22. Januar 2021. Die niederländische Dramatikerin Lot Vekemans hat sich hierzulande mit dem Zweipersonenstück "Gift" sowie den Monologen "Schwester" und "Judas" einen Namen erschrieben. Moralische Grundsatzfragen sind ihr Spezialgebiet. Für "Niemand wartet auf dich", uraufgeführt 2018, reiht sie drei Kurz-Monologe aneinander. Es sprechen eine Greisin, eine Politikerin und eine Schauspielerin.

Zwischen Drohung und Versprechen

Im Münchner Marstall werden sie alle von der Schauspielerin Juliane Köhler verkörpert. Die Zuschauer:innen schalten sich per Zoom zu. Während der Vorstellung sind sie zwar stumm geschaltet, sollen aber ihr Bild anlassen, was dazu führt, dass man sich beim Schauen beobachteter fühlt als in einem echten Theater. Die Organisation dieser Zoom-Sitzung ist übrigens 1a, da hat man echt schon anderes erlebt.

Niemandwartet2 1000 AdrienneMeisterGut ausgeleuchtet: Juliane Köhler und Kameramann Ben Halscheid © Adrienne Meister

Auftritt Juliane Köhler in der Rolle der 85 Jahre alten Gerda: unsicher, langsam, streng. Die Haare grau und hochgesteckt, der Pullover beige, die Stimmung auch. Granny-Style. Sie erzählt aus ihrem Leben und davon, dass sie den Müll der anderen aufhebt. Und sie erzählt von einem Buch mit dem Titel "Niemand wartet auf dich". Das Buch kommt in allen drei Monologen vor. Man kann den Satz auf dreierlei Weise sprechen, das 'Niemand', das 'wartet' oder das 'auf Dich' betonen. Mal tönt der Satz wie eine Drohung, mal wie ein Versprechen. Alle drei Frauen fragen sich, was sie tun möchten in dieser Welt, wie sie sich politisch engagieren können. Wir selbst denken an Mutant B117, Christian Drosten und Millionen Impfdosen.

KONZENTRATION! Juliane Köhler nimmt an einem Garderobentisch Platz und verwandelt sich in die Politikerin Ida de Boer, die ihren Rücktritt plant. Schwarzes Sakko, schwarze lange Haare und Tusche auf den Wimpern. Während Köhler als Gerda wie ein altes Mütterchen auf einem Stuhl saß, die schmalen Hände im Schoß, steht sie jetzt vor uns, knetet ihre Finger und ringt mit den Worten. Wiederum ist es ein Lamento auf unsere Modern Times.

Kopf in der Handtasche

Während ich in den Bildschirm starre, denke ich an die dänische Serie "Borgen" und das dort packend verhandelte Alltagsgeschäft Politik. Ehe ich mich versehe, ist Juliane Köhler wieder am Garderobentisch angekommen, zieht sich die schwarze Perücke vom Kopf, schlüpft in bequeme Hosen, einen grauen Pulli, bürstet sich die Haare und sieht auf einmal so aus wie sie selbst. Sie berichtet von Schlafproblemen und was sie so umtreibt, nicht sie selbst als Juliane Köhler, sondern als die Schauspielerin, die sich Lot Vekemans ausgedacht hat.

Atmen ist wichtig, länger aus als ein, sagt sie. Sie sitzt im Schneidersitz oder steht und schaut von oben in die Kamera. Ich sehe sie an und denke an Juliane Köhler in Doris Dörries Miniserie "Klimawechsel", wo sie als Lehrerin vor dem Klassenzimmer steht und sich vor lauter Furcht den Kopf in die Handtasche steckt. Zum Totlachen und Mitheulen war das. Im Marstall schlägt sie derweil vor, dass wir doch alle zusammen, also sie und die 23 Zoom-Gesichter gemeinsam die Augen schließen könnten und wer weiß, vielleicht schlafen? Ich schließe die Augen und merke, wie müde ich bin, nur einen Augenblick, und als ich sie schnell wieder öffne, ist die Bühne schwarz. Für die nächsten Vorstellungen sind Publikumsgespräche geplant, diesmal gibt's nur Applaus und an alle ein "wunderbar!" von Lot Vekemans per Chat.

Niemandwartet1 1000 AdrienneMeisterMit den Worten ringen: Juliane Köhler als Politikerin Ida de Boer © Adrienne Meister

Für so richtig wunderbar gibt ihr Stück in dieser Form allerdings nicht viel her. In den Niederlanden wurde es in Sitzungs- und Ratssälen aufgeführt. Die Nachgespräche mit dem Publikum dienen dazu, über das Verhältnis der Bürger zur Politik ins Gespräch zu kommen. Am Schauspielhaus Graz, wo "Niemand wartet auf dich" im vergangenen Jahr seine deutschsprachige Erstaufführung erlebte, hält man es eben so. Gute Idee, in Nicht-Coronazeiten.

Roter Teppich

So aber ist es nicht viel mehr als eine szenische Lesung mit auswendig gelerntem Text. Juliane Köhler, der man gern beim Spielen zusieht, wirkt dabei, als fehle ihr die Bühnenspannung, zuweilen fahrig, nicht auf dem Punkt, wie jemand, der sich nicht wohl fühlt in seiner Haut. Den meisten Zuschauer:innen geh's vermutlich ähnlich beim Theatergucken vorm Rechner. Unmittelbarkeit, oft ein Pluspunkt von Vekemans Stücken, stellt sich hier nicht ein.

Kurz: "Niemand wartet auf Dich" ist kein wahnsinnig aufregendes Stück, aber eines, das einer Schauspielerin den roten Teppich ausrollt und einen guten Anlass bietet, über gesellschaftliches Engagement ins Gespräch zu kommen. In der Inszenierung von Daniela Kranz ergibt sich daraus ein okayer Abend für die Seitenbühne. Keine vertane Zeit. Aber was ist im Lockdown schon vertane Zeit?

 

Niemand wartet auf dich
von Lot Vekemans
Aus dem Niederländischen von Eva M. Pieper & Alexandra Schmiedebach
Inszenierung: Daniela Kranz, Bühne und Kostüme: Marie Roth, Licht: Thorsten Scholz, Kamera: Ben Halscheid, Dramaturgie: Leila Etheridge
Mit: Juliane Köhler
Online-Premiere am 22. Januar 2021
Dauer: 1 Stunde, keine Pause.

www.residenztheater.de

 

Kritikenrundschau

Juliane Köhler habe "das Zeug zur großen Leidenden, Denkenden, Wütenden", schreibt Sabine Leucht in der taz (25.1.2021). Es sei also nicht Köhlers Schuld, sondern eher die der "bisweilen moralinsäuerlichen Ausführungen" des Texts von Lot Vekemans, "dass ich es zwischendurch interessanter finde, meinen Mitzuschauern, unter denen auch die sichtlich angetane Autorin ist, beim Zuschauen zuzusehen". Außerdem hätten "diese puren Instanttheaterformen, die eher erweiterte szenische Lesungen sind" es schwer, "die vierte Wand des heimischen Bildschirms zu durchstoßen und dauerhaft zu fesseln", so Leucht: "Die schönsten Momente für mich lagen zwischen den Kurzmonologen, als sich die alte Dame vor einem Garderobenspiegel in die Politikerin verwandelte – weiße Kurz- gegen schwarze Langhaarperücke, beigen Pulli gegen schwarzes Jackett getauscht, ein kurzes mascara- und pudergestütztes Einruckeln in die neue Figur, und: Tata! Das ist der Zauber der Verwandlung, durchsichtig gemacht."

In der Süddeutschen Zeitung schiebt Christiane Lutz ihre Enttäuschung auf Regisseurin Daniela Kranz und das Residenztheater: "Wer entscheidet, eine Inszenierung für das Netz zu machen, sollte es ernst nehmen. Sprich: mit der Kamera arbeiten, mit dem Bildausschnitt, mit Nähe, Distanz, Orten spielen. Es gibt viele Möglichkeiten. Keine davon nimmt Kranz wahr", so Lutz. "Diese Art von Nutz-Streams gab es vergangenes Frühjahr oft. Da war das zum Zuschauen schon nicht der Hit, aber legitim, weil auch die Theater vom Virus überrumpelt waren, und man so wenigstens in Kontakt bleiben konnte. Fast ein Jahr später aber eine Zoom-Inszenierung zu machen, der jegliche Regie-Idee für und jeglicher kreative Umgang mit dem Medium fehlt, ist ärgerlich und liegt weit unter den Möglichkeiten des Residenztheaters."

"Scheinbar ganz persönlich spielt Juliane Köhler die letzte der drei Frauenfiguren in diesem, nicht jeder Plattitüde aus dem Weg gehenden Monolog der niederländischen Theaterautorin Lot Vekemans", so Simon Strauß in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (26.1.2021). Köhler mache aus dem live gestreamten Abend eine Vorführung der stärksten Schauspiel-Waffe überhaupt: der Verwandlungsfähigkeit. Was die Zuschauer*innen bekämen, sei "das variantenreiche Spiel einer ausdrucksstarken Darstellerin".

Der kompakte Zuschnitt eigne sich für "eine Inszenierung mit digitalem Sendeauftrag", schreibt Margarete Affenzeller im Standard (28.1.2021): "frontale Rede, einfache Kameraführung". Vom Einstünder bleibe aber dennoch nicht viel übrig. "Theater ist kein Chatroom, auch wenn es gut gemeint ist. Der Verlust der realen Erfahrung vor Ort ist nicht wegzudiskutieren."

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Kommentare

Kommentare  
#1 Niemand wartet auf Dich, München: eindimensionalKonrad Kögler 2021-01-24 21:06
Eigentlich ist es die Stärke von Lot Vekemans, Figuren in verdichteten Texten plastisch werden zu lassen, wie zum Beispiel in ihrem Monolog „Ismene, Schwester von…“, in dem Susanne Wolff seit 2014 am DT Berlin zu erleben ist oder den „Judas“-Monolog, den Steven Scharf seit 2012 an den Münchner Kammerspielen performt.

Doch der „Niemand wartet auf dich“-Text von Vekemans bleibt blass und gibt auch theatralisch nur wenig her, so dass die Zoom-Vorstellung kaum über eine szenische Lesung hinauskommt. Wie Christiane Lutz in der SZ zurecht kritisierte, nutzt der von Daniela Kranz eingerichtete Monolog die Möglichkeiten des Online-Mediums überhaupt nicht. „Dreifach eindimensional“ bleibt der Abend und fällt damit hinter die „Superspreader“-Zoom-Performance zurück, bei der Florian Jahr am Ende in Großaufnahme auf die Kameralinse hauchte, aber sonst ebenfalls keine Interaktion mit den Zoom-Zuschauer*innen aufnahm.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2021/01/24/niemand-wartet-auf-dich-residenztheater-kritik/
#2 Niemand wartet..., München: BerührtDenkender 2021-01-31 23:37
Was braucht es zu einem guten Theaterabend? Eine gute Geschichte und jemanden, der diese verdammt gut erzählt. Und genau das macht die Schauspielerin Juliane Köhler mit dem Text von Lot Vekemans. Der Text fordert heraus, stellt Fragen an unser eigenes Handeln im Privaten und damit im Öffentlichen und damit im Politischen, die Schauspielerin schlüpft in die Rollen, verwandelt sich, erzählt. Die Kamera bleibt auf Distanz, kommt immer näher. Bei der 85jährigen bleibt sie weg, es gibt kein Spiel miteinander, die Politikerin ist Medienprofi und inszeniert sich, die Schauspielerin flirtet mit der Kamera, holt sie zu sich ... Ich möchte der Kritik widersprechen, denn die Inszenierung macht genau das, was die Kritik scheinbar nicht bemerkt. Mich hat der Abend berührt und er hat das gemacht, was eben gutes Theater eben auch macht, zum Gespräch anregen und das haben wir auf dem Sofa dann noch sehr lange gemacht - gesprochen, diskutiert, abgewogen. Es geht eben darum, dass man sich entscheidet, aufsteht und es macht, wie die drei Damen in den Monologen, die aus dem Heute kommen und trotzdem eine literarische Verdichtung erfahren haben.

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