In der falschen Galaxie

von Lara-Sophie Milagro

26. Januar 2021. Nachdem das Jahr begonnen hat, wie es geendet hatte, der Lockdown erneut verlängert wurde und seit Ende vorletzter Woche klar ist, dass das kulturelle Leben in Berlin und bundesweit (mindestens) bis Ostern auf Eis liegt, habe ich beschlossen, dass ich ein Paralleluniversum brauche, um dieses Jahr zu überleben. Am besten gleich mehrere. Einige Tage später erreichte mich aus der Kulturredaktion eines renommierten Senders eine Interviewanfrage zum Thema "Colorblind Casting", die tatsächlich aus einer anderen Galaxie zu kommen schien. In der Anfrage hieß es: "Anlass ist der Start der neuen Netflix-Serie Bridgerton, in der unter anderem die englische Königin mit einer afroamerikanischen Schauspielerin besetzt ist. Die Diskussion ist jetzt aufgekommen, ob die Besetzung geschichtsverfälschend sein könnte und wem am Ende damit gedient ist, wenn Rollen ohne Rücksicht auf Herkunft etc. besetzt werden."

Ein Historienfilm sorgt für Verwirrung

Eine Weihnachts-Schmonzette, die im England des frühen 19. Jahrhunderts spielt und in der ein paar nicht Weiße durchs Bild laufen – und das deutsche Feuilleton diskutiert unter Headlines wie "Vielfalt Baby" (FAZ), "Kann das Kino farbenblind sein?" (SZ) oder "Gut gemeint" (Der Freitag) wieder einmal aufgeregt das Für und Wider diverser Besetzung. Ich bin müde. Ich bin Schauspielerin, kein Papagei, der auf Zuruf immer wieder dasselbe erzählt. Ich möchte viel lieber bei "Bridgerton" mitspielen, als mich auf Anfrage ausgewiesener Kulturexpert*innen zum gefühlten millionsten Mal dazu zu äußeren, ob (B)PoC-Schauspieler*innen zur Geschichtsverfälschung beitragen könnten. Ich habe keine Lust mehr, erwachsenen Menschen zu erklären, dass die Hautfarbe, egal ob Schwarz oder weiß, nicht automatisch Rückschlüsse auf eine bestimmte Herkunft zulässt. Das hatten wir doch alles schon mal hier in irdischen Gefilden. Aus welchem Dreiecksnebel also kommen die Absender*innen solcher Interviewanfragen? Sind sie im Lockdown in eine Zeitschleife geraten und wurden so aus Versehen ins Jahr 2010 zurückkatapultiert?

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Das würde auch erklären, warum die ganzen Uraltkamellen wieder aufgewärmt werden: Da ist – etwa in der SZ – wieder von Schwarzen in "weißen Rollen" die Rede (ich habe schon in den 2010ern nicht verstanden, was das sein soll), und die FAZ merkt an, dass man "als Zuschauer die Blackness jenes Duke of Hastings nicht ganz so souverän ignorieren (kann) wie die Drehbuchfiguren" (souverän oder nicht – warum sollte es erstrebenswert sein, des Dukes Hautfarbe zu ignorieren?). Es wird im Freitag der Serie eine fragwürdige politische Haltung attestiert, da sie es "verpasst (…) den in der Serienwelt augenscheinlich überwundenen Rassismus der 'Regency Era' zu thematisieren" und auch (mangelnde) historische Korrektheit und "vorgeblich geschichtliche Logik" (Die Welt) sind Gegenstand zahlreicher kritischer Besprechungen, vor allem in Hinblick auf die Schwarze Schauspielerin Golda Rosheuvel in der Rolle der Queen Charlotte, die "angeblich irgendwo in ihrer Ahnenreihe eine portugiesische Adlige afrikanischer Abkunft haben soll. Was vermutlich ähnlich legendenhaft ist wie die Mär vom schwarzen Beethoven" (abermals Die Welt).  

Eine utopische Abwesenheit von Rassismus

Ich könnte jetzt ausholen und erklären, dass "Bridgerton" keine Dokumentation, sondern ein fiktionales Historiendrama ist, in dem unter anderem ein Streichquartett Musik von Billie Eilish spielt, die meines Wissen 1813 noch gar nicht auf der Welt war; dass ich es sehr erfrischend finde, dass acht Episoden lang das N-Wort nicht fällt, Schwarze, asiatisch oder arabisch aussehende Menschen nicht ein einziges Mal diskriminiert oder abgewertet werden und sich zur Abwechslung auch mal niemand über ihre Anwesenheit wundert – ja, dass ich es als Schwarze Zuschauerin sogar genossen habe, einen Serienabend lang in eine Utopie einzutauchen, die kühn behauptet, Menschen, die so aussehen wie ich, seien ganz selbstverständlich Teil der (adeligen) Gesellschaft.

Ich könnte anmerken, dass es an eine fragwürdige und zudem recht überholte Praxis im deutschen Film und Theater anknüpft, Diskurse um Diskriminierung zu thematisieren, indem man genau diese Diskriminierung auf der Bühne oder Leinwand nochmals in Wort und Tat reinszeniert und könnte die Frage in den Raum stellen, ob nicht die (utopische) Abwesenheit von Rassismus ein mindestens genauso starkes und für (B)PoC sehr viel empowernderes Statement ist. Und ich könnte abschließend im Interview jenem renommierten deutschen Sender erklären – natürlich ohne wütend oder emotional zu werden –, dass Golda Rosheuvel nicht Afro-Amerikanerin, sondern Afro-Britin ist, dass das nicht dasselbe ist und warum colourblind casting nicht bedeutet, dass man irgendeine Hautfarbe ignoriert, sondern, im Gegenteil, das künstlerische Konzept davon erweitert, wofür eine Hautfarbe steht.

"Die Funktion von Rassismus ist Ablenkung"

Aber wem ist am Ende damit gedient? Oder anders gefragt: Was haben (B)PoCs davon? "Die Funktion von Rassismus ist Ablenkung", hat die große Toni Morrison einmal gesagt. "Er hält dich davon ab, deine Arbeit zu tun. Er lässt dich immer und immer wieder erklären, warum du da bist. Jemand sagt, du hast keine Sprache, also verbringst du 20 Jahre damit, zu beweisen, dass du eine hast. Jemand sagt, dein Kopf ist nicht richtig geformt, also forschen Wissenschaftler*innen über die Tatsache, dass er es ist. (...) Nichts davon ist notwendig. Es wird immer noch eine weitere Sache geben." Solange künstlerische Debatten sich nach wie vor auf Narrative beziehen, die eine Geschichtsschreibung und Definition von Realismus sowie (vermeintlicher) Realität reproduzieren, die aus immer denselben verrosteten Zeitkapseln stammen, die Kolumbus und Bernhard von Bülow einst als Flaschenpost an die Nachwelt ins Meer warfen, solange kommen wir wohl nicht umhin, "in all den fasziniert staunenden Blicken noch etwas anderes zu sehen: eine Irritation, eine Überraschung, die sich nicht nur aus dem allgemeinen Begehren ergibt. Der Duke ist schwarz." (FAZ)

Milagro 600 FacebookIch, nach Fertigstellung meiner Kolumne © Lara-Sophie Milagro / Facebook

Ich stelle fest, dass es nicht genügt, sich irgendwelche Paralleluniversen zu wünschen, man muss da schon genau sein: Wo beziehungsweise wie kann eine (Black) Person of Colour zu Beginn des 21. Jahrhunderts ihr geistiges, seelisches und physisches Überleben sichern angesichts der Tatsache, dass, während Rechte auf den Treppen zum Reichstag herumhüpfen, das Capitol stürmen und wir den 15. Todestag des Mordes an Oury Jalloh begehen, hierzulande allen Ernstes immer noch darüber diskutiert wird, ob Queen Charlotte von einer Schwarzen Schauspielerin verkörpert werden sollte oder nicht? Come on. 2000einundf*****g20 : I have a dream – Deutschland, was geht?

Selbstfürsorge als Akt des Widerstandes

In seinem Meisterwerk "The Space is the Place" aus dem Jahr 1974 beschreibt der Afrofuturist Sun Ra die Flucht Schwarzer Menschen auf einen anderen Planeten als einzige Möglichkeit, sich einer gesellschaftlichen Realität zu entziehen, in der ihnen nicht mehr als die Rolle der Aliens zugestanden wird. Ich verehre Sun Ra sehr, habe aber beschlossen, hierzubleiben. Für die nächste Interviewanfrage Marke "Besetzung ungeachtet der Herkunft, ja oder nein?" werde ich eine Bücherliste vorbereiten, auf der unter anderen Werke von W.E.B. Du Bois, Frantz Fanon, Bell Hooks, Audrey Lorde, May Ayim, Peggy Piesche, Grada Kilomba, Tupoka Ogette und Krista Franklin gelistet sein werden, die Expert*innen-Antworten auf alle entscheidenden Fragen geben. Diese Liste gäbe im Übrigen auch ein empfehlenswertes Dossier für Redaktionen ab.

Da bei so vielen neu zu verarbeitenden Informationen auch Zeit zum Entspannen sein muss, werde ich noch eine Datei mit Musik von Sun Ra, Linton Kwesi Johnson, Starchild and The Parliaments, Lee Perry, Janelle Monáe und Solange Knowles anhängen. Das Zusammenstellen und Verschicken dieser Email wird nicht mehr als 5 Minuten in Anspruch nehmen, so dass ich an diesem Tag noch genug Zeit haben werde, mit meiner Tochter auf den Spielplatz zu gehen, danach eine Runde durch den Mauerpark zu joggen und mir ein Teilchen bei Bäcker Siebert zu holen, um mich dann bei Kaffee und Kuchen dem Drehbuch für ein Filmprojekt zu widmen, für das ich angefragt bin. Die Geschichte spielt in Berlin, in der Zeit von 1970 bis 2020 und wird sich streng an die historischen Gegebenheiten halten. Es werden also jede Menge (B)PoC darin vorkommen.

 

Lara-Sophie Milagro ist Schauspielerin, in der Leitung des Künstler*innen-Kollektivs Label Noir, Berlinerin in der fünften Generation und fühlt sich immer da heimisch, wo Heimat offen ist: wo sie singt und lacht, wo sie träumt und spielt.


In ihrer letzten Kolumne schrieb Lara-Sophie Milagro über die Emanzipation im Glitzerkleid und die nackten Zahlen darunter.

 
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