Gesellschaftliche Ränder

26. Januar 2021. Der schwedische Dramatiker und Schriftsteller Lars Norén ist tot. Das geht aus diversen Medien hervor, darunter die Süddeutsche Zeitung. Den Berichten zufolge starb Norén am 26. Januar 2021 im Alter von 76 Jahren.

Lars Norén wurde 1944 in Stockholm geboren und begann seine Karriere als Lyriker. Sein erster Gedichtband erschien 1963, sein erstes Theaterstück "Der Fürstenlecker" 1972. In den 1980er Jahren setzte sich Norén als einer der meistgespielten schwedischen Dramatiker durch. Seine Stücke nehmen oft gesellschaftliche Ränder und ihr Personal sowie Beziehungsabgründe ins Visier. 

In Deutschland wurde er insbesondere durch Thomas Ostermeiers Inszenierung seines Stücks "Personenkreis 3.1." bekannt, mit der Ostermeier 2000 seine Intendanz an der Berliner Schaubühne eröffnete. Das Stück, dessen Titel auf einem Begriff der schwedischen Behörden für gesellschaftliche Randgruppen beruht, spielt unter Drogensüchtigen, Obdachlosen, Prostituierten und psychisch Kranken quer durch alle Bevölkerungsschichten, die Norén auf einem verlassenen U-Bahnsteig zu einem existenzialistischen Reigen versammelt. Im Jahr zuvor hatte Norén mit straffällig gewordenen Rechtsradikalen in Stockholm das Gefängnisprojekt "Sieben-drei" entwickelte. Seit 1993 war Norén auch als Regisseur tätig. Zwei der Gefangen nutzten die Theaterarbeit zur Flucht und erschossen nach einem Bankraub zwei Polizisten.

Norén wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem in Schweden renommierten Pilotpriset, dem Dramatikerpreis der Nordischen Theaterunion und dem Nordischen Preis der Schwedischen Akademie. Von August 1998 bis Sommer 2007 war er Intendant des Riksteatern Norsborg/Stockholm. Von 2009 bis 2011 leitere Norén gemeinsam mit Ulrika Josephsson das Folksteatern Göteborg. Zuletzt machte er durch den wüsten Ton seiner Tagebücher von sich reden, deren 1000seitiger vierter Band im vergangenen November erschien. In einem Stockholmer Krankenhaus ist Lars Norén nun an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung gestorben.

(SZ / NZZ / Rowohlt / sle)

 


Presseschau

"Eine Ahnung davon, worum es bei seinen Dramen häufig geht, ist sogar in die Alltagssprache eingegangen: Einen 'norénare' nennt man auf Schwedisch eine besonders hässliche Szene zwischen Menschen, die sich gut kennen", schreibt Thomas Steinfeld in der Süddeutschen Zeitung (online 26.1.2021) und stellt Norén mittels seiner jüngst erschienen Tagebücher als Querulanten und Wüterich gegen den "Kulturpöbel" Schwedens vor, wobei der "Hass" mutmaßlich aus der "Enttäuschung darüber" resultierte, "den eigenen Idealismus nicht erfüllt zu sehen".

"Noréns Theater suchte stets das volle Risiko" und war sei durch "Drogensüchtige, Obdachlose, Prostituierte, Arbeitslose, Alkoholiker, Manisch-Depressive, Künstler" bevölkert gewesen, schreibt Rüdiger Schaper im Tagesspiegel (online 26.1.2021). "(W)enn irgendein zeitgenössischer Dramatiker sich darauf verstand, das familiäre, sexuelle, gesellschaftliche Chaos aufzureißen und meisterhaft zu dirigieren, so war das damals Lars Norén."

In den 80er-Jahren habe er keine Theaterstücke gesehen, die rabiater und radikaler die menschliche Seele seziert hätten, sagt Theaterkritiker Michael Laages auf Deutschlandfunk Kultur (26.1.2021). Noréns Texte lebten "von der Finsternis und der Erkenntnis, dass der Mensch des Menschen Wolf ist. Da ging man miteinander auf die Schlachtbank und legte das Innerste nach Außen, jede Sünde, jede Verfehlung, jeden Irrweg. Das sind gnadenlos rabiate Stücke, die nichts von der heilen Welt der bürgerlichen Mittelschicht im Schweden der 80er-Jahre übrig lassen."

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (28.1.2021) würdig Thomas Ostermeier in einem Interview mit Simon Strauß den Dramatiker: "Angefangen hat er in der Tradition von Ibsen, dessen glasklare Dramaturgie er bewundert hat, mit klassischen Kammerspielen wie 'Dämonen' oder 'Nacht, Mutter des Tages'. Ende der Neunziger hat er sich dann vom bürgerlichen Interieur abgewandt und eine andere Form des sozialrealistischen Schreibens für sich entdeckt, dabei die Ränder der Gesellschaft aufgesucht. Für 'Personenkreis 3.1' hat er lange Interviews mit Obdachlosen, Drogenabhängigen, physisch Kranken und Prostituierten geführt." Dieses Stück, das Ostermeier zu Beginn seiner Schausbühnen-Intendanz 2000 inszenierte, "gab jenen eine Stimme, die sonst keine haben".

 
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