Nichts im Lot auf dem Boot

von Andrea Heinz

30. Januar 2021. Es wirkt wie aus einer anderen, längst vergangenen Zeit, was eben am Theater in der Drachengasse gezeigt wurde: In der Uraufführung von Teresa Doplers "Das weiße Dorf", das als Mitschnitt online zur Premiere gebracht wurde, trifft sich ein Ex-Pärchen auf einer Amazonaskreuzfahrt. Letztere sind ja derzeit streng verboten, wer es trotzdem wagt, wird mit der Regierungsmaschine "Heiko Maas" kostenpflichtig abgeholt (oder so). Und Ex-Pärchen laufen sich dieser Tage auch eher selten über den Weg, weil ehemalige Partner*innen in der Regel nicht zum eigenen Hausstand gehören und vermutlich auch die wenigsten sie als die eine Person auswählen, die man sonst noch sehen darf.

Großartig, dieser Dauerstress!

Aber wie dem auch sei, in "Das weiße Dorf" treffen sich also Naemi Latzer als Ruth und Johannes Benecke als Ivan zufällig auf einem Kreuzfahrtschiff am Amazonas. Das kann passieren, vor allem wenn man so extrem erfolgreich ist wie die beiden. Davon zumindest handelt ein Großteil des Gespräches, das sie, bei erst zufälligen, dann immer offensichtlicher absichtlich herbeigeführten Treffen an der Reling führen – die es nicht gibt, auf der (abgefilmten) Bühne von Thomas Garvie sieht man lediglich zwei Türen, dahinter Treppenstufen, davor ein schmaler Steg, auf dem die beiden stehen und in die Weite sprich ins (nicht anwesende) Publikum schauen. Der restliche Bühnenraum ist von einem Wasserbecken ausgefüllt, aber dazu später mehr.

DasWeisseDorf 1 560 AndreasFriesspicturedesk uMusterleben an der Reling: Johannes Benecke und Naemi Latzer © Andreas Friess / picturedesk

Die beiden tragen Freizeitlook und seltsame Orient-Schlapfen, und die entspannte Kleidung (Kostüme: Thomas Garvie) beißt sich maximal mit der Anspannung der Körper, die darin stecken. Unter Zuhilfenahme hochgradig gekünstelter Gesten, grandios falscher, völlig übersteuerter Mimik und – vor allem im Fall von Naemi Latzer – einem tatsächlich wahnsinnig schönen, fast schon sympathisch gefakten Lachen erzählen die beiden einander davon, wie gut es ihnen nicht geht. Wie toll ihr Leben nicht ist, wie großartig der Dauerstress im Job und dass man auch im Urlaub ständig behelligt wird, das ist so wunderbar!, genauso wie ihre jeweiligen neuen Beziehungen. Alle sehen gut aus, führen tolle Gespräche und haben noch besseren Sex. Sie haben alles im Griff, stehen über den Dingen, mit Vernunft kann man alles lösen und hat außerdem noch den Vorteil, am Ende nicht blöd dazustehen. Und überhaupt, was kann schon wichtiger sein als der Beruf, die Karriere?! Eben.

Perfektionierte Fassaden

In Teresa Doplers wirklich feinem, mit dem Autor*innenpreis beim Heidelberger Stückemarkt 2019 ausgezeichneten Text und in Valerie Voigts gelungener Inszenierung wird natürlich schnell klar, dass doch nicht alles im Lot ist auf diesem Boot, sondern im Gegenteil unter dem manierierten Small-Talk tiefe Verletzungen liegen. Ihre beruflichen Pläne und die damit verbundenen Mobilitätszwänge hatten die beiden auseinander gebracht. Ivan ging nach Amerika, kam wieder zurück, und dann war man zwar zwischendurch in derselben Stadt, wusste auch davon, aber rief einander nicht an. So langsam kommen, sozusagen in den Pausen ihrer mit vollem Körpereinsatz gelieferten Selbstdarstellungsshow, echte Gefühle heraus, die Gesichter, die Stimmen werden plötzlich ganz nackt. Es sind die berührendsten, mit die besten Momente an diesem Online-Abend, wenn die beiden plötzlich ernst und verletzlich, wenn sie quasi "sie selbst" werden. Es ist da immer noch eine starke Anziehung zwischen ihnen, vielleicht sogar etwas wie Liebe. Kurz werden sie überlegen, ob sie nicht doch... – aber nein, irgendwann werden sie es vergessen haben, es wird besser sein, es ist nicht so wichtig.

DasWeisseDorf 3 560 AndreasFriess picturedesk uScheitern undenkbar: Johannes Benecke und Naemi Latzer (hinten) sowie Julia Müllner und Hugo Le Brigand (vorne) © Andreas Friess / picturedesk

Im Wasserbecken vor ihnen ist parallel dazu fast die ganze Zeit über ein weiteres Pärchen (Hugo Le Brigand, Julia Müllner) zu sehen, das, während Ruth und Ivan hüftsteif um Contenance ringen, geschmeidig im Wasser tanzt: Das Paar, dass die beiden sein könnten – oder vielleicht auch die Vorstellung, die sie sich von dem/der jeweils anderen und dessen/deren neuer/neuem Partner:in machen. Eine stimmige Idee, die im Kontrast noch einmal deutlicher macht, was Ivan und Ruth verloren geht bei all ihrem Souverän- und Überlegensein: Lebendigkeit.

Ob der Abend in Zukunft nochmals online, oder doch irgendwann live auf der Bühne zu sehen sein wird, ist noch unklar. Der Mitschnitt hat sein Gutes, durch die relativ nahen Aufnahmen sieht man die Gesichter deutlicher, auf denen sich ja letztlich die ganze Geschichte abspielt. Dafür wird der Blick auf das zweite, das tanzende Pärchen durch die Kameraperspektive gelenkt - während man sich in der Live-Situation aussuchen könnte, wohin man schaut; der Kontrast zwischen dem krampfigen Paar im Scheinwerferlicht, dem geschmeidigen im Dunkel des Wasserbeckens noch etwas deutlicher würde.

Es ist ein Abend über Beziehungen; über Menschen, die ihren Selbstschutz, ihre unangreifbare Fassade so perfektioniert haben, dass nichts sie mehr berührt, dass sie, wie es einmal so schön heißt, für Sehnsucht keine Zeit mehr haben. Man kann das kleinteilig, vielleicht auch belanglos finden in Zeiten wie diesen. Aber wie viel Nähe, auch wie viel Unsicherheit man zulässt – das wird eine Frage sein, die uns noch lange beschäftigen wird.

 

Das weiße Dorf

von Teresa Dopler

Regie: Valerie Voigt, Bühne und Kostüme: Thomas Garvie, Choreografie: Karin Pauer, Musik: Scott Douglas Gordon.

Mit: Johannes Benecke, Naemi Latzer, Hugo Le Brigand, Julia Müllner.

Online-Premiere am 29. Januar 2021

Dauer: 1 Stunde 27 Minuten

www.drachengasse.at

 

 
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