Der Mensch ist die Lösung

von Max Florian Kühlem

Krefeld und Mönchengladbach / online, 30. Januar 2021. 2021 könnte das Jahr werden, an dem sich ein ganzes Land an einem seiner wichtigsten Künstler abarbeitet: Joseph Beuys wurde vor 100 Jahren in Krefeld geboren. Das Theater Krefeld-Mönchengladbach hat jetzt für einen ersten (nicht im offiziellen Programm von "Beuys21" gelisteten) Aufschlag im Jubiläumsjahr gesorgt. Ein sechsköpfiges Ensemble begibt sich in "Beuys' Küche" – in einen transformativen Beuys-Echoraum, in eine ständige Suchbewegung nach dem künstlerischen Funken, der die radikale Kraft von kreativer Veränderung der Gesellschaft entfachen kann. Eine gute Diskurseinleitung, die durch die verstärkte vierte Wand des heimischen Bildschirms bei der Streaming-Premiere allerdings mitunter auch sedierende Wirkung entfalten kann.

 Der Hase darf nicht fehlen

"Jeder Mensch ist ein Künstler", hat Joseph Beuys gesagt. Jeder Mensch könnte ihm und seinem Vermächtnis also ebenbürtig gegenüber treten. Aber dieser Gedanke ist wohl bis heute zu radikal – oder um mit der Band Tocotronic zu sprechen: Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit. So ist mit Beuys geschehen, wozu das akademisch-künstlerische System immer tendiert: Man hat ihn auf einen Sockel gestellt, zum Heiligen erklärt, seine Kunst zum großen Rätsel, an dessen Lösung sich nur Apologeten seiner Lehre wagen dürfen. Dabei hat der Künstler selbst ebenfalls verlauten lassen: "Wenn auch das Kunstwerk das größte Rätsel ist, der Mensch ist die Lösung."

BeuysKueche Screenshot 3 560 TheaterKrefeld Moenchengladbach xSchauspieler*innen mit Hase in "Beuys' Küche" © Stutte, Krefeld

So fängt das Ensemble des Theaters Krefeld-Mönchengladbach erstmal voller Demut, leise und langsam ganz vorne an: Sie "tasten, was der Mensch ist" – so vernehmen die Zuschauer*innen im Flüsterton von den vier Darstellern und zwei Darstellerinnen, die auf dicken, für Wanderschuhe geeigneten Socken durch den Bühnenraum schleichen, den Caspar Pichner eingerichtet hat wie ein Museumsarchiv: Ein unförmiges Etwas im Hintergrund ist mit einem Tuch verhüllt, vorne steht ein Hase aus Stangen auf Autoreifen (1965 hat Beuys einem toten Hasen in einer Düsseldorfer Galerie die Bilder erklärt), weiter hinten drehen sich von selbst die Pedale eines pinken Thekenfahrrads. Auf einem Bildschirm auf der Bühne flimmert ein Birkenwald.

Versuch einer Sozialen Plastik

Der wie Beuys in Krefeld geborene Sebastian Blasius, der für Konzept und Regie zuständig ist, versucht, an zentrale Denkfiguren des Künstlers anzudocken: Die Uraufführung ist Theater im Sinne eines erweiterten Kunstbegriffs; keine Bühnenerzählung mit Figuren, die Identifikationsangebote machen, sondern ein vielstimmiger, installativer Diskursraum, vielleicht der Versuch einer Sozialen Plastik oder der Versuch, dem auf die Schliche zu kommen, was eine Soziale Plastik sein könnte. Dazu durften die Darsteller*innen auch selbst ausgewählte Mitglieder ihrer Stadtgesellschaft Fragen stellen wie "Kann ein einzelner Mensch Veränderung hervorrufen?" Auch die ehrenamtliche Ortsbürgermeisterin tastet da nur vorsichtig: "Ich versuche, den Zusammenhalt in der Gemeinde zu stärken."

BeuysKueche Screenshot 1 560 TheaterKrefeld Moenchengladbach xBeuys mit goldenem Aluhut? © Stutte, Krefeld

Spätestens seit Hans Peter Riegels mehrbändiger Biographie (zu der ein vierter Band dieses Jahr erscheinen soll) weiß man um Beuys' enge Verbindung zu Rudolf Steiners Lehre, seinen Hang zur Mythenbildung und ein mindestens unklares Verhältnis zur NS-Zeit. Richtig interessant wird die aus fünf Teilen bestehende Uraufführung so im dritten Teil, der mit "Der Verkünder" überschrieben ist. Hier rüttelt sie nämlich ein wenig an Beuys' Sockel, so dass erschreckende Brocken seiner Totenmaske abfallen. Die meist zu umherirrenden Sprachrohren degradierten Ensemblemitglieder erstarken kurz, schlüpfen nacheinander in die Rolle des Verkünders und verkünden ein brodelndes Text-Gebräu, bei dem man oft nicht weiß: Ist das alles Beuys? Ist das Anthroposophie? – Oder sind das Zitate der Rechtspopulisten von heute?

"Querdenker" Beuys

Manchmal wird es fast zu plakativ, wenn sie mit kindlich-naiver Fistelstimme Sätze sagen wie: "Natürlich leben wir nicht in einer Demokratie. Politik ist nichts als Komplizenschaft zwischen dem Geld und dem Staat." Aber dann kommen doch auch wieder Zitate, die meilenweit weg sind von den Mauern, die nationalistisch-identitäre Rechte gern errichten würden: "Jeder ist einzig und darin sind wir ein Volk, das keine Grenze anerkennt. Ich muss meinen Feind von gestern zu meinem Freund von heute machen. Das ist meine Wunde. Hier liegt mein Schmerz: dass wir uns nicht als ein Ganzes denken. Alles zeigt doch an: Mein Leib ist Gesellschaftsleib."

Hier wie im poetisch-bezugreichen Requiem-Schlussbild ist "Beuys' Küche" sowohl weit und lang nachhallende Echokammer als auch kritische Reflexion eines Künstlers, der keine klaren Grenzen zwischen Kunst, Leben, Politik und Spiritualität gezogen hat, dessen radikales Denken und Handeln bis heute Wellen schlägt. Wenn er auch leise und manchmal fast träge daher kommt: Der Theaterabend könnte den klugen Anfang eines langen Gesprächs im Geiste einer Beuysschen "permanenten Konferenz" bilden – im Rahmen der Jubiläums-Feierlichkeiten sind für dieses Jahr allein an 20 Institutionen in zwölf Städten in NRW Veranstaltungen geplant.

Beuys' Küche
Uraufführung
Konzeption von Sebastian Blasius, mit Texten von Christoph Klimke, Björn SC Deigner und anderen
Inszenierung: Sebastian Blasius, Bühne, Kostüme & Videokonzept: Caspar Pichner, Dramaturgie: Martin Vöhringer, Regieassistenz: Alla Bondarevskaya, Ton: Stephan Ecklebe, Jan Idrogo, Video: Conan Fildebrandt-Stracke, Peter Issig, Live-Schnitt und -Stream: Nils Voges (sputnic.tv), Kamera: Lukas Spijkermans und Malte Brinkmann (bildmühle).
Mit: Jannike Schubert, Philipp Sommer, Eva Spott, Paul Steinbach, Ronny Tomiska, Bruno Winzen.
Premiere: 31. Januar 2021
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten

www.theater-kr-mg.de

 

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