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Mit einer URL in die digitale Zauberwelt

von Sophie Diesselhorst

12. Februar 2021. Unter dem Label minus.eins erforschen Nils Corte und Roman Senkl die Möglichkeiten von VR-Räumen fürs Theater. Sie entwickeln virtuelle Räume für Theaterarbeiten, Festivals und Konferenzen – zuletzt im Januar für den ersten Teil der Jahrestagung der Dramaturgischen Gesellschaft, der dieses Jahr auf Mozilla Hubs stattfand. Im schriftlich geführten Interview mit nachtkritik.de sprechen Nils Corte und Roman Senkl über die Potenziale von Plattformen wie Mozilla Hubs für das Theater. 

nachtkritik.de: Wie sind Sie auf Mozilla Hubs gekommen? Was ließ es Ihnen geeignet scheinen fürs Theater?

Nils Corte: Im Februar letzten Jahres stießen wir das erste Mal auf Mozilla Hubs. Für alle, die damit bisher noch keinen Kontakt hatten: Mozilla Hubs ist eine Web-App, mit der sich dauerhafte digitale 3D-Räume erstellen und zu einem virtuellen Universum verbinden lassen, welches per Browser oder VR-Brille betreten werden kann. Die Theater mussten coronabedingt die Türen schließen und es zeichnete sich ab, dass Romans Inszenierung am Schauspiel Dortmund ein Streaming-Format werden würde. Also setzten wir uns mit dem 3D-Artist Max Schweder zusammen und machten uns auf die Suche nach einem Tool, mit dem wir ein partizipatives Onlinetheaterformat in einer 3D-Umgebung erstellen konnten. Darüber hinaus sollte es unseren Besucher:innen ermöglichen, sich vor, während und nach der Vorstellung über das Erlebte im digitalen Raum austauschen zu können.

lukiMultimedial im Hub unterwegs während der Jahrestagung der Dramaturgischen Gesellschaft (Screenshot)

Roman Senkl: Nachdem ich über zehn Jahre, u.a. mit minus.eins, aber auch mit dem onlinetheater.live, interaktive Theaterformate im Netz konzipiert und inszeniert habe, weiß ich aus erster Hand um die Möglichkeiten von Streaming-Formaten im Netz, aber auch deren Engstellen – etwa, dass Online-Theater sich nach einer recht einsamen Erfahrung anfühlen kann. Prinzipiell verfolgen die Menschen solche Arbeiten meist allein am Rechner, mehr noch zu Zeiten von Corona. Dabei macht nicht nur die künstlerische Darbietung allein das Theater aus, sondern eben auch die soziale Erfahrung. Der Austausch vor und nach der Vorstellung. Wie auch die gemeinsame Anwesenheit von Künstler:innen und Publikum im Raum. Oder anders gesagt: Theater beginnt im Foyer, führt über die Bühne und endet in der Bar oder auf dem Theatervorplatz. "Vor der Bühne" findet häufig der gemeinsame Austausch statt, die "Polis", wenn man so möchte. Dies war mir wichtig, mit "Das HOUSE 0.1" am Schauspiel Dortmund herzustellen: den gemeinsamen gesellschaftlichen, politischen und künstlerischen Raum.

nachtkritik.de: Die Hubs sind virtuelle Begegnungsräume, in denen man sich als Avatare treffen und reden kann – vor allem der akustische Raumeindruck ist äußerst realistisch. Aber wie lassen sich die Räume jenseits des Smalltalk auch als Theatersäle nutzen, für Vorstellungen und/oder interaktive Performances?

Roman Senkl: Unsere Zielsetzung ist im Kern immer das künstlerische Format. In unserem Fall: Theater, Tanz, Musik, Performance. Ich bin überzeugt, dass unsere Welt, unsere Wirklichkeit längst selbst zum Cyborg geworden ist – zum Hybrid aus digitalen und analogen Anteilen. In einer solchen Wirklichkeit ist es naheliegend, dass die Bühnen nicht vor den Toren des Digitalen enden, quasi eine heute schon artifizielle Grenze hochgezogen wird, die es in der Realität "da draußen" schon lange gar nicht mehr gibt. Theater, das weiterhin auch im Zentrum der Stadt, in der Mitte der Gesellschaft stehen möchte, muss sich auch die Frage stellen, ob es in der Mitte der Netzgesellschaft oder -communities stehen möchte. Ob das Theater auch weiterhin dahin gehen muss, wo die Menschen sind. Für uns bedeutet das u.a., diese hybride Wirklichkeit mit hybriden Mitteln auf der Bühne sichtbar zu machen. Oder anders: Wie bringen wir Algorithmen auf die Bühne, ins direkte Wechselspiel mit realen Menschen? Wie bringen wir Kopräsenz möglichst unmittelbar, möglichst vielschichtig in den digitalen Raum? Hier ist das Theater das ideale Forschungs-Szenario: Schauspiel, Performance, Tanz leben vom Ausdruck "nuanciertester" Gestik und Mimik, von der Dynamik der Bewegung, deren Timing und "Energie", wenn man so will. Diese Ausdrucksfähigkeit versuchen wir für digitale und hybride Formate möglich zu machen – das, was an zwischenmenschlicher Kommunikation stattfindet auch jenseits des rein sprachlichen Ausdrucks.

nachtkritik.de: Sie haben für verschiedene Veranstaltungen Hubs gestaltet – für die VR-Inszenierung "Das HOUSE", die Ars Electronica, die Tagung der DG. Was haben Sie in diesen Kontexten mit ihren verschiedenen Anforderungen über Mozilla Hubs gelernt?

Nils Corte: Gelernt habe ich vor allem, dass es ein ausgefeiltes Konzept braucht, den Besucher:innen auf ihren ersten virtuellen Metern beizustehen. Wir unterschätzen oft die Einstiegshürde, die ein klassisches Publikum im Umgang mit digitalen Technologien zu überwinden hat. Bei Theater-Formaten heißt die Aufgabe: Wie lässt sich Interaktion zwischen Publikum, Performer:in und virtueller Bühne realisieren? Wie gestalte ich den Raum und welcher Methoden bediene ich mich – klassische Dramaturgie oder Game Theory? Wie transformiere ich den Ausdruck der Performer:innen ins Digitale? Derzeit forschen und entwickeln wir insbesondere daran, wie mit Motion Capturing die Bewegungen der Performer:innen und mittels Facial Capturing deren Mimik auf virtuelle Avatare übertragen werden können. Ein Unterfangen, bei dem wir eng mit der Community und den Extended Reality-Entwickler:innen von Mozilla zusammenarbeiten.

akademieDer "gemeinsame gesellschaftliche, politische und künstlerische Raum" auf der DG Jahrestagung (Screenshot)

nachtkritik.de: Wie zugänglich ist das Tool, wie niedrigschwellig?

Roman Senkl: Man benötigt einen Computer oder ein Smartphone, einen Browser und findet sich über einen Link nach drei einfachen Klicks in einer kompletten 3D-Erfahrung wieder. Das war einer der wesentlichen Gründe, uns bei vielen Projekten für Mozilla Hubs zu entscheiden. Es bedarf keinerlei Installation von Software, keiner Registrierung, die Nutzung ist vollkommen anonym möglich.

nachtkritik.de: Wieviel technisches Know-how braucht man auf der (Theater-)Macher:innenseite, um Mozilla Hubs für sich zu nutzen?

Nils Corte: Wenn wir von der reinen Erstellung virtueller Räume zu massgeschneiderten Lösungen für Online-Theaterstücke, -Festivals oder -Tagungen kommen, braucht es vor allem Kenntnisse in der Entwicklung mit JavaScript und Erfahrung im Umgang mit assoziierten Web-Technologien. Der Quellcode von Mozilla Hubs wurde unter der Mozilla Public License 2.0 veröffentlicht, ist also frei zugänglich und kann kommerziell genutzt und modifiziert werden.

nachtkritik.de: Mit welchen anderen Tools lässt es sich kombinieren?

Roman Senkl: Hubs selbst lässt sich im Grunde mit jeglicher Art Medien kombinieren – Videos, Streams, Bilder, Texte, Links, 3D-Objekte. Den Möglichkeiten, Räume zu gestalten, sind kaum Grenzen gesetzt und alles, was sich im Internet verlinken lässt, kann grundsätzlich unmittelbar integriert werden. Daneben lassen sich auch gewisse externe Anwendungen einbinden, beispielsweise die Community-Software "Discord". Aber wir entwickeln auch weitere spezielle Tools für das Theater, etwa für bessere Interaktion oder Gaming-Elemente.

nachtkritik.de: Worin sehen Sie die Nachteile? Wofür eignet Hubs sich nicht?

Nils Corte: Ich denke Hubs größter Vorteil ist zugleich ein großer Nachteil. Im Gegensatz zu anderen Social-VR-Umgebungen, mit denen ich mich vor der Benutzung ausgiebig auseinandersetzen muss, geben die Besucher:innen eines Hubs nur eine URL in die Adresszeile ein und schon fallen sie in eine digitale Zauberwelt.

Roman Senkl: Jugendliche, Gamer:innen, Mitglieder jeder Art von Online-Community – wer schon einmal in 3D-Spielen unterwegs war, macht sich in der Regel nach wenigen Sekunden auf Erkundungstour. Für alle anderen ist es anfangs aber noch neu und ungewohnt. Gerade diese Menschen wollen wir aber ebenfalls mit den Möglichkeiten (und Grenzen) neuer Technologien in Kontakt bringen, die "digitale Alphabetisierung" voranbringen.

Als minus.eins entwickeln und produzieren Roman Senkl und Nils Corte Theaterprojekte, Festivals und Installationen in nilsNils CorteromanRoman SenklVirtual-Reality-Umgebungen und verbinden reale mit digitalen Welten in künstlerischen Livestreams. Projekte der jüngeren Zeit sind die virtuelle Theaterreihe "Das HOUSE" oder das Online-Festival In Kepler's Gardens für das Ars Electronica Festival, wo sie in mehr als einhundert 3D-Räumen begleitend zum Festival virtuelle Begegnungsstätten schufen. Für die Jahrestagung der Dramaturgischen Gesellschaft 2021 schufen sie die Online-Räume sowie die technische Infrastruktur der Tagung.

ww.minuseins.net