Kreuzberg nach der Apokalypse

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 12. Februar 2021. Der Fahrradbote klingelt – und er bringt ein ganzes Theater nach Hause, sprich: die deutschsprachige Erstaufführung von "Krasnojarsk" von dem norwegischen Autor Johan Harstad. Man bekommt, wohl verpackt in einer stoßsicheren Box, eine VR-Brille, einen Controller (eine Kreuzung aus Maus und Lichtzeiger zum Ans-Handgelenk-Hängen) und ein USB-Kabel zum Nachladen. Es könnte ja der Strom ausgehen, bevor man die Weltuntergangsgeschichte hinter sich oder, schlimmer noch, bevor man die Virtual Reality überhaupt ins Laufen gebracht hat.

Technischer Kaltstart mit Bedienanleitung

Die Sache hat nämlich einen Haken: Der Beipackzettel mit technischer Anleitung hat schlappe dreizehn Punkte. Sehr genau beschrieben – aber das dicht abschließende Brillenungetüm muss ja gleich auf die Nase. Und dann geht nichts mehr mit Lesen, sonst bringt man die virtuelle Perspektive und den Lichtzeiger-Cursor durcheinander. Also die technische Anleitung auswendig lernen? Der Schreiber dieser Zeilen hatte das Prozedere nach zwei Warmstarts, beim dritten Anlauf also, auch gecheckt. Es war dann doch nicht nötig, den im Grazer Schauspielhaus wohlweislich eingerichteten technischen Support (Montag bis Freitag 15-20 Uhr) anzurufen.

Krasnojarsk 1 560 JohannaLamprecht uIrren durch die Endzeitlandschaft von "Krasnojarsk": Nico Link und Katrija Lehmann © Johanna Lamprecht

Theater, das eigentlich ein Film ist, gebannt auf VR-Brille: So etwas hat, wie man im Grazer Schauspielhaus hervorhebt, zumindest für Österreich Newswert. Da die für Mitte Dezember vorgesehene Bühnenpremiere nicht möglich war, ist man für "Krasnojarsk" mit der 360-Grad-Kamera in die Pampa ausgerückt. In eine Industrieruine in der steirischen Weizklamm, in ein Bauernhaus eines Freilichtmuseums, und ins Burgenland, ans Ufer des Neusiedlersees. Österreich schaut mancherorts ziemlich endzeitlich aus.

Gerettete Kulturgüter

Endzeit ist auch gefragt für "Krasnojarsk". Kontinentalplatten sind aufeinandergekracht, so gut wie die ganze Welt und die Menschheit ist im Meer versunken. Nur ein Stück Eurasien ist übrig geblieben, ungefähr von Moskau ostwärts bis übers sibirische Krasnojarsk hinaus. Einige Menschen haben überlebt.

Krasnojarsk 1 560 JohannaLamprecht uMit Koffern voller Schriften aus der alten Welt: Katrija Lehmann © Johanna Lamprecht

Wir lernen einen Anthropologen näher kennen, der ausgeschickt wurde, nach Spuren der alten Zivilisation zu suchen. Mit einem Metalldetektor durchstreift er eine kahle Graslandschaft. Angeblich vier Jahre, erfahren wir en passant. Das Reisegepäck hat, inklusive Wasserkanister, auf einem Leiterwagerl Platz. Er stößt auf eine junge Frau, die einen Rucksack und einem Goldfischglas mit sich trägt und außerdem einen kleinen Schatz verwahrt: zwei Koffer voller handschriftlicher Briefe und Tagebuchnotizen, Schriftzeugnisse der untergegangenen Welt.

Der Anthropologe pfeift drauf, Frau- und Schrift-Fund an die Zentrale in Krasnojarsk zu funken. Es bahnt sich ein recht zufriedenstellendes Leben zu zweit an, zumal sich in einer Haus-Ruine auch noch eine Vinyl-Schallplatte und sogar ein passendes Abspielgerät finden. Musik und Geschichten – da sind also schon mal zwei wesentliche Kulturdinge hinübergerettet in eine neue Welt.

 Was Zivilisation ausmacht

Leider bleibt die Idylle nicht ungestört. Den in Krasnojarsk auf Nachricht Wartenden kommt die Sache verdächtig vor und man nimmt die Verfolgung auf. So kommt ein wenig Thrill in die Geschichte, der aber schnell wieder von viel Poesie weggefegt wird. Einige Zeit-Verschnitte – so etwas wie Gedankensprünge der Handelnden – haben Charme. Sein früheres Leben hat der Anthropologe wohl an der Seite einer sagenhaft langweiligen Frau in einer Design-Wohnung verbracht. Damals hat er sich hinein spintisiert ins tiefe Mittelalter, wo's herz- und nahrhafter zuging. Nach der Katastrophe ist er nun näher an einem Leben, das man fühlen und auskosten kann.

Viele Ausstattungsdetails sind liebenswürdig erdacht, und mit ein bisserl gutem Willen kann man sogar Ironie herauslesen. Ein schöner Gedanke der Frau: Jede Geschichte sei wertlos, wenn man sie jemandem anderen erzählt. "Keine Geschichte überlebt zwei Erzähler, denn sie wird dann durch Diskussionen über sie ersetzt." Das treibe schließlich die Menschen auseinander.

Krasnojarsk 2 560 JohannaLamprecht uAustriakische Apokalypse: "Krasjojarsk" wird per VR-Brille nach Hause geliefert © Johanna Lamprecht

Eigentlich hat Daniel Defoe schon vor dreihundert Jahren "Krasnojarsk" vorgedichtet: Der Anthropologe und die Frau, das spielt auf Robinson Crusoe und Freitag an. Die Frau kriegt keinen Wochentag als Namen verpasst, sondern einen Stadtteilnamen. "Kreuzberg" nennt sie der Anthropologe, weil sie (so wie er selbst) früher mal in Berlin lebte. Wie Defoe in der frühen Aufklärung fragt also der 1979 in Stavanger geborene Johan Harstad, was unsere Zivilisation ausmacht und was in eine ungewisse Zukunft hinüber zu retten sich lohnte. 1719 hatte man freilich einen überschaubereren Wertekanon als heutzutage, und so stehlen sich beide um Antworten herum, der norwegische Autor ebenso wie der Wiener Tom Feichtinger, der Regisseur der Filmversion.

Soll gut sein, denken wir uns also selbst unseren Teil zum Uneingelösten, während wir die VR-Brille zusammenpacken und den Fahrradbotendienst anrufen, auf dass das Hightech-Ding spätestens am dritten Tag zurück komme ins Schauspielhaus und dort desinfiziert werde. Pro Tag stehen drei Brillen zur Verfügung, neun insgesamt. Das rare Angebot (19 Euro) scheint viel Neugier geweckt zu haben, erst am 8. März gibt es freie Brillen, davor ist schon alles ausgebucht. Ach ja, ein guter Tipp noch: Den Ratschlag, sich auf einen Drehstuhl zu setzen, sollte man unbedingt ernst nehmen. Der Fauteuil im Wohnzimmer ist nur scheinbar gemütlicher. Die Handlung spielt sich tatsächlich rundum ab, Hals-Verrenkungen wären unausbleiblich.

 

Krasnojarsk: Eine Endzeitreise in 360°

nach Johan Harstad
Deutschsprachige Erstaufführung, virtuelle Vorstellung mittels VR-Brille 

Regie: Tom Feichtinger, Bildgestaltung/Schnitt: Markus Zizenbacher, Sounddesign: Elisabeth Frauscher, Ausstattung: Tanja Kramberger, Dramaturgie: Elisabeth Tropper.

Mit: Nico Link, Katrija Lehmann, Frieder Langenberger und einer Schar Statist*innen.

VR-Premiere am 12. Februar 2021

Dauer: 59 Minuten

www.schauspielhaus-graz.at

 

Kritikenrundschau

Margarete Affenzeller lobt im Standard (12.2.2021) dieses Virtual-Reality-Theater als "totale Erfahrung". Man könne sich auf diese Weise das Theater auf die Nase setzen – und mittels einer mitgeschickten Fernbedienung sei man auch schon mittendrin, im Endzeitszenario. 360°-Sicht und Dolby-Surround-Ton erzeugten Spannung. Klug findet die Rezensentin auch die Möglichkeit, als Zuschauer*in verschiedene Perspektiven auf das Geschehen einnehmen zu können: Da hocke man zum Beispiel auf einem Scheunenboden und blicke zu den apokalyptischen Verfolgern herauf.

"Man kann den Himmel sehen – die Technik macht's möglich", berichtet Martin Thomas Pesl  im Gespräch auf Deutschlandfunk Kultur (12.2.2021) von seinem Rezeptionserlebnis. Man fühle sich, als würde man in die Welt eines Filmes einsteigen. Regisseur Tom Feichtinger nutze das Medium im Sinne der etwas vagen Erzählung – überblende beispielsweise Szenarien, was gut zu den Ebenen der Handlung passe. Eine "spektakuläre Bildsprache" macht der Rezensent aus. Das Theatrale, die "Architektur dieser Phantasie" bleibe zwar etwas unklar – doch alles in allem  wolle er sich nicht beschweren, so der Kritiker.

Der einzige Wermutstropfen, den Ute Baumhackl von der Kleinen Zeitung (12.02.2021) in diesem VR-Drama finden kann, ist, dass man sich als "immersionsbereites Publikum" alleine in den "betörenden Schwarzweißbildern"dieser Dystopie bewege. Ob das noch Theater sei, fragt sie, ohne zu beantworten. Nico Link und Katrija Lehman schafften es jedenfalls, trotz nicht vorhandener, die Zuschauende an die Wand zu spielen - man wolle den Blick gar nicht von den beiden abwenden, auch wenn die "überwältigend bebilderte" 360-Grad-Welt drum herum "dunkel locke".

Auch Thomas Trenkler vom Kurier (15.02.2021) findet nur "einen einzigen Schwachpunkt" - allerdings einen anderen. Wenn man ein Geräusch von links höre und den Kopf drehe, müsse das Geräusch danach eigentlich von rechts zu hören sein - es ertöne aber weiter beharrlich von links. Abseits davon fühle man sich hypnotisiert von dem "atmosphärisch enorm dichten Film" mit seinen "raffiniert langsamen Überblendungen". Sowohl thematische Tiefe als auch Ästhetik seien packend.

Bei Martin Behr von den Salzburger Nachrichten (13.02.2021) stellt sich Sehnsucht nach analogem Theater ein - obgleich er die "angestrebte intermediale Begegnung zwischen Theater und Technologie" als erfolgreich bewertet. Per VR-Brille sei ein tiefes Abtauchen in die "Erlebnisberichte" möglich und der Stoff, der "eindringlich", wenn nicht sogar "allzu eindringlich" nach einem möglichen zivilisatorischen Neubeginn frage, rege zusäzlich auch dazu an, "Theater neu zu denken".

Christoph Hartner zieht in der Kronen Zeitung (13.02.2021) optimistische Schlüsse aus der Inszenierung - wenn sie eins lehren würde, dann, dass die Kunst sich ihren Weg bahne, in der post-apokalyptischen Welt des Stücks wie auch in der Pandemie. Man sei bei diesem "spannenden Experiment" im VR-Setting sehr nah dran "an der Gefühlswelt der Figuren". Doch die ganze Virtuosität des Spiels löse nur aus, dass man sich umso mehr nach der "realen Welt des Theaters" sehne. Die Inszenierung sei eben in der derzeitigen Lage doch nur "ein wunderbarer Trost".

"Das hat schon was", schreibt Petra Paterno in der Wiener Zeitung (15.2.2021). "Wer zum ersten Mal einen VR-Film erlebt, ist wohl mehr mit ungewohnten Sinneseindrücken, als mit Inhalt und Form beschäftigt. Doch auch das Thema trifft einen Nerv." Und weiter: "Der VR-Versuch des Schauspielhauses Graz mag mehr mit Film zu tun haben als mit herkömmlichem Theater. Wen kümmert’s? Außergewöhnlich ist es allemal."

"Ob sich jeder Stoff für die technologische Realsimulation via Spezialkamera und Headset eignet, sei dahingestellt; das Stück 'Krasnojarsk' des norwegischen Dramatikers Johan Harstad jedenfalls ist perfekt dafür", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (17.2.2021). Der dystopische Einakter bestehe aus Monologblöcken und zwölf "Berichten", dessen Verfasser die Theater explizit dazu ermutige, damit zu machen, was sie wollen. "Der 3-D- und Dolby-Surround-Effekt der VR-Technik erzeugt das Gefühl, selber mit im Film zu sein", die künstlich erzeugte Realität biete das Immersionserlebnis schlechthin: einzutauchen in das Geschehen, in die Landschaft, in den virtuellen und doch so lebensecht wirkenden Raum, so Dössel, die lobt: "Man kann Erzählexperimente wie dieses nur gutheißen, auch wenn so ein Virtual-Reality-Film natürlich nicht das Live-Erlebnis Theater ersetzen kann. Aber man darf ruhig auch mal die Neugier und das Vermögen der Bühnen loben, mit neuen, intermedialen Technologien und Bildsprachen professionell zu arbeiten und dadurch ihr Repertoire zu erweitern. Binnen eines Pandemiejahres ist da sehr viel passiert."

 

 
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