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Die Beleidigten. Belarus(sland)

6. bis 7. März 2021. Die Proteste in Belarus (Weißrussland), das Aufbegehren gegen Präsident Alexander Lukaschenko verebben. Die Opposition hat ihr Ziel, einen Machtwechsel  und ein Ende der jahrzehntelangen Herrschaft des Diktators herbeizuführen, nicht erreicht. Die weithin als gefälscht geltende Präsidentenwahl am 9. August 2020 hatte in Belarus landesweite Proteste ausgelöst, die mit Gewalt niedergeschlagen wurden. Der seit 1994 als Alleinherrscher regierende Lukaschenko ließ sich mit 80,1 Prozent zum Sieger erklären. Die Demokratiebewegung des Landes sah hingegen Svetlana Tichanowskaja als Gewinnerin. Sie war anstelle ihres inhaftierten Mannes angetreten. 
Der belarussische Autor Andrej Kurejtschik hat über die aktuellen Ereignisse das Stück Die Beleidigten. Belarus(sland) geschrieben, welches das Ensemble des Theaters Heidelberg als deutschsprachige Erstaufführung in einer Online-Lesung präsentiert. Wir zeigen die Arbeit im nachtkritikstream vom Samstag, 6. März, 19 Uhr, bis Sonntag, 7. März, 19 Uhr.

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Der Chefdramaturg des Theater Heidelberg  Jürgen Popig schreibt über "Die Beleidigten. Belarus(sland)":

"Seit 1994 ist Alexander Lukaschenko der autoritär und repressiv regierende Präsident von Belarus (Weißrussland), womit das Land als letzte Diktatur Europas gilt. Der manipulierten Präsidentschaftswahl im August 2020 folgten wochenlange landesweite Proteste und Streiks gegen die Regierung, die bis heute andauern. Der belarussische Autor Andrej Kurejtschik hat über die aktuellen Ereignisse ein Theaterstück geschrieben, welches das Ensemble des Theaters Heidelberg als deutschsprachige Erstaufführung in einer Online-Lesung präsentiert.

Unmittelbar nach den Wahlen im August 2020 und unter dem ersten Eindruck der gewaltigen Protestbewegungen schrieb Andrej Kurejtschik (*1980 in Minsk) in wenigen Wochen sein semi-dokumentarisches Drama 'Die Beleidigten. Belarus(sland)'. Es besteht aus sieben ineinander verzahnten Monologen. Alle Personen haben reale Vorbilder. Der Alte ist Alexander Lukaschenko. Der Junge ist Nikolaj, sein jüngster Sohn, den er als seinen Nachfolger betrachtet. Die Neue ist Swetlana Tichanowskaja, die als Präsidenschaftskanidatin gegen Lukaschenko angetreten ist. Der Vogel ist ein ukrainischer Söldner, der in einer Sondereinheit in Belarus kämpft. Die Optimistische ist Maryja Kalesnikawa, eine Bürgerrechtlerin, die sich von ganzem Herzen und mit großer Zuversicht für ein neues Belarus einsetzt. Die Direktorin ist die Leiterin einer Wahlkommission, die beim Fälschen der Wahlunterlagen gefilmt wurde. Und dann gibt es als siebte Figur die Leiche eines jungen Mannes, der am ersten Tag der Proteste von der Polizei getötet wurde. Die Bilder gingen um die Welt.

Andrej Kurejtschik gelingt mit seiner Textmontage zweierlei. Erstens fügen sich die Monologe zu einer spannenden fiktiven Handlung. Die Optimistische wird inhaftiert, ihr Peiniger, der Vogel, erkennt in ihr die Schwester seiner Braut (die Hochzeit musste wegen des Sondereinsatzes verschoben werden). Daraufhin lässt er von ihr ab und sucht sich als nächstes Opfer die Tochter der Direktorin, die noch gar nicht wusste, dass diese gegen Lukaschenko auf die Straße gegangen ist. Gleichzeitig fällt ihr Neffe der Polizeigewalt zum Opfer, dem es kurz zuvor noch gelungen war, die Optimistische in Sicherheit zu bringen.
Zweitens ergibt sich durch die Abstraktion der Monologe (ohne Nennung der tatsächlichen Namen) das vielstimmige Bild einer Revolution, das über den konkreten Anlass in Belarus hinausweist. Das Lied, das der Leichnam singt und mit dem nach dem Willen des Autors die Lesung endet, beruht auf 'L’Estaca' des katalanischen Sängers Lluis Llach. Der polnische Liedermacher Jacek Kaczmarski ließ sich davon inspirieren und dichtete 1978 mit 'Mury' (Mauern) einen eigenständigen polnischen Text zur gleichen Melodie. 2010 von Andrej Chadanowitsch ins Belarussische übersetzt, wurde das Lied zu einer Hymne der Anti-Lukaschenko-Bewegung."

 

Die Beleidigten. Belarus(sland)
von Andrej Kurejtschik, deutsche Übersetzung von Georg Dox
Deutschsprachige Erstaufführung
Szenische Lesung des Theater und Orchester Heidelberg
Texteinrichtung: Jürgen Popig. Video: Hanna Green.
Mit: Benedict Fellmer, Lisa Förster, Daniel Friedl, Steffen Gangloff, Katharina Quast, Christina Rubruck und Esra Schreier. 
Premiere der digitalen Version am 23. Februar 2021
Dauer: 1 Stunde  3 Minuten, keine Pause

www.theaterheidelberg.de