Die Wahrheit irgendwo da draußen

von Jan Fischer

Mülheim an der Ruhr / online, 12. März 2021. Die Berge, vernebelt, leicht vergruselt, Musik erhebt sich, als käme gleich Zarathustra persönlich von der Alm gestiegen, und mittendrin: Etwas schattenhaftes vor einem "I want to believe"-Poster. Hell wird es, Heidi erhebt sich aus der Projektion rauschender Bäche und glitzernder Gletscher. Schnitt, und: Eine Modelleisenbahn fährt durch eine idyllische Alpenlandschaft. Die ist, selbstverständlich, nicht so idyllisch, wie sie scheint: Denn In "Ur-Heidi – eine Heimsuchung" begibt sich die Theatergruppe KGI: Büro für nicht übertragbare Angelegenheiten im Ringlokschuppen in Mülheim an der Ruhr mit der Heidi-Geschichte im Gepäck auf Wanderschaft durch die tiefen Täler nationalsozialistischer Vergangenheit.

Neigung zu Wutanfällen

Gefühlserbschaft ist hier das Stichwort, das irgendwann in der zweiten Hälfte der Inszenierung fällt: Es geht um die Folgewirkungen des Nationalsozialismus, so, wie er sich durch Erziehung durch Familien und die Zeiten trägt. Wie die Geschichte vom Großvater, der im Zweiten Weltkrieg am Kopf verwundet wurde, und seitdem zu Wutanfällen neigte. Sein Sohn übernahm das Verhalten. Und dessen Sohn ebenfalls.

Urheidi1 560 StorkfotoEltern, Kinder, Großeltern und ihre Epigenetik in "Ur-Heidi - Eine Heimsuchung" © Storkfoto

Die Mitglieder des KGI haben sich für ihre Ur-Heidi in ihre eigene Vergangenheit begeben, haben ihre Eltern und Großeltern befragt, um genau solche – und kompliziertere – Geschichten zusammenzutragen. Der Großvater, dem es schwer fällt, seine Gefühle auszudrücken. Die Großmutter, der anerzogen wurde, brav und hübsch und sonst am besten gar nichts zu sein. Die Fotoalben, auf deren Fotos Wehrmachtsoldaten vor brennenden Dörfern Leichen vergraben. "Der war halt blauäugig", heißt es einmal über einen Großvater, "Der hat geglaubt, der kann Karriere machen bei der SS." Es geht in der Inszenierung nicht um die Verbrechen oder um die Vergangenheit selbst – die Ausgrabungen dienen dem Zweck, die Nachwirkungen zu verfolgen.

Heidi, ihr Großvater

Heidi und ihr Großvater dienen dabei als Ausgangspunkt, oder vielleicht auch: Als Archetypen oder Fokuspunkte. Der grantelige Opa, der nicht gerne über die Vergangenheit spricht, eigentlich überhaupt nicht gerne spricht. Heidi, die eigentlich nur gemocht werden möchte, eigentlich nur auf der Suche nach Nähe ist. In ihrem Bedürfnis dann vielleicht auch mehr findet, als sie eigentlich wollte. Die Figuren stehen für Generationen, und die Inszenierung löst sie auch sehr schnell in Generationen auf: Da die Großeltern, da die Folge-Folge-Generationen auf der Suche nach Antworten.

Urheidi4 560 StorkfotoVonwegen idyllisch: gruselige Puppenmasken in "Ur-Heidi" © Storkfoto

Nur sind die natürlich nicht so einfach. Immerhin geht es hier um Nacherzählungen, um psychologische Phänomene, notorisch schwer zu greifende Konzepte. Aber gerade hier zeigt sich die Stärke der Inszenierung. Die ist nicht unbedingt das Graben nach der Vergangenheit, das Auffinden von Geschichten. Sondern die Visualisierung.

Nirvana und Pixelnazis

Die Online-Premiere arbeitet mit Bildern, die aus Träumen oder Alpträumen übernommen sein könnten, tief metaphorisch: Da sind die drei Heidis mit gruseligen Puppenmasken, die eingespielte Dialoge nachspielen. Da sind Splitscreens, die Mal eine Totale der Bühne und eine Nahaufnahme der Spielenden zeigen, mal Einspielfilme, die wiederum übereinandergelegt über eine Leinwand hinten auf der Bühne laufen. Brennende Bücher, während am Feuer "All Apologies" von Nirvana angestimmt wird. Eine Sequenz aus dem digitalen Spiel "Wolfenstein3D", in dem reihenweise pixelige Nazis dran glauben müssen. Lawinen, die über der Gebirgslandschaft niedergehen. Ein Spiegelkabinett voller Stühle und Grusel-Heidis. Am Ende wird die Bühne mit Hilfe eines Gefährtes abgebaut, auf dem die Flagge der Sowjetunion prangt.

So legt "Ur-Heidi – Eine Heimsuchung" historische Dokumente, Nacherzählung und kulturelle Referenzen aus den Erinnerungen der Spielenden – Akte X, Nirvana, Wolfenstein - zu einer Nummernrevue der unbewussten Ausgrabungen übereinander. So zeigt die Inszenierung eine intensive Beschäftigung mit ihrem Thema, die sich, so gut es eben geht, auf einer unterbewussten, symbolischen Ebene versucht zu erklären, was der Nationalsozialismus in den nachfolgenden Generationen hinterlassen hat. Nichts davon ist eindeutig – aber die Wahrheit ist irgendwo da draußen. Und ein wenig glitschig. "Ur-Heidi – eine Heimsuchung" versucht sie festzuhalten.


Ur-Heidi – Eine Heim-Suchung
nach Johanna Spyri
Konzept, Text, Regie: KGI: Büro für nicht übertragbare Angelegenheiten (Simon Kubisch, Dominik Meder, Maria Vogt), Bühne und Kostüm: Eva Lochner, Kamera / Bildgestaltung: Laura Hansen, Jan Ehlen.
Mit: Albert Bork, Mike Vojnar, Simon Kubisch, Dominik Meder, Maria Vogt.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten

www.k-g-i.de
www.ringlokschuppen.ruhr
Stream bis 14. März abrufbar unter auf dringeblieben.de

 

Kritikenrundschau

"Sehr weit weg" empfand André Mumot für "Fazit" auf Deutschlandfunk Kultur (12.3.2021) die Vorgänge in diesem Stream. Insbesondere die längeren Passagen der Stille, die im Theater gemeinhin darauf abzielen, das Publikum die eigene Anwesenheit spüren zu lassen, vermittelten sich bei der Internetübertragung nicht. Für den Kritiker drängt sich der Eindruck auf, "dass wir in diesen Streaming-Formaten doch etwas Direkteres brauchen, etwas, das mehr Aktion zeigt, das uns ein bisschen mehr an die Film- und Fernsehgeschichten erinnert, die wir sonst streamen."

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentare  
#1 Ur-Heidi, Mülheim: tastender Versuch Konrad Kögler 2021-03-19 00:19
Ironisch zitiert diese Heidi-Travestie-Überschreibung aus der Freien Szene die Klischeebilder der Alpen-Idyllee von Volksmusik bis zur Modelleisenbahn, die zwischen den Bergmassiven friedlich ihre Kreise dreht.

Die Heidis in ihren kurzen Röcken verschwinden bald hinter Gruselmasken mit überdimensionalen Glubschaugen und bewegen sich nur in Zeitlupe, sie wirken wie Figuren aus einem Albtraum-Loop von Susanne Kennedy.

Aus dem Off kommen die unsicheren Stimmen der Großeltern-Generation, die sich rechtfertigen müssen, aber am liebsten weiter verdrängen würden. Wie sich die Erziehungsmethoden und die Gewalt-Erfahrungen aus der Nazi-Zeit in die Familien traumatisch einschreiben, ist das Thema dieser sehr assoziativen Theaterfilm-Performance, die noch wie ein tastender Versuch wirkt.

Kommentar schreiben