Die Äpfel des Sisyphos

von Wolfgang Behrens

Berlin, 23. Oktober 2008. Es war einmal eine Zeit, da man glaubte, dass Frieden möglich sei. Mitten in Europa war eine hässliche Mauer niedergerissen worden, der kalt genannte Krieg hatte abgewirtschaftet und das Ende der Geschichte wurde ausgerufen. Die Jubelfeiern liefen noch, als der kurze Traum auch schon wieder vorbei war: Und erneut erscholl mitten aus Europa die uralte Botschaft, dass kein Friede sei.

Vom Balkan – jener Region, die damals den neuen Krieg in die Welt schickte –, genauer: aus Mazedonien kam kurze Zeit später ein international erfolgreiches Theaterstück, in dem die sinnlos eskalierende Gewalt als grundlegende conditio humana erschien.

In einem Reigen lose verknüpfter Szenen zeichnete der junge Autor Dejan Dukovski eine Gesellschaft, in der der stärkere Arm, das längere Messer oder die härtere Brechstange die besten Argumente sind – eine Gesellschaft, wie sie mit ihren männlich-machistischen Ehrbegriffen oft und gerne und auch etwas beschönigend als archaisch bezeichnet wird. Eine Gesellschaft, die Dukovski in einem Balkanstaat lokalisiert, doch wer in Berlin vor die Haustüre tritt (oder hinter die Haustüren schaut), der wird sie auch dort ohne Mühe aufspüren können.

Reigen, in dem die starke Hand regiert

Mit einer Neuinszenierung von Dukovskis "Pulverfass" wurde nun im Haus der Berliner Festspiele die "spielzeit europa" 2008/09 eröffnet, ein Festival, das eigentlich keines ist, weil es sich über vier Monate erstreckt und häppchenweise verabreicht wird. Da "spielzeit europa" allerdings einiges, was gut und edel ist, nach Berlin holt (etwa Luc Bondys "Lear" oder Andrea Breths "Verbrechen und Strafe"), ist es doch zu einer festen Größe geworden, zumal es zunehmend auch Eigen- oder Koproduktionen vorstellt – wie eben das "Pulverfass", für das der unverwüstliche Dimiter Gotscheff als Regisseur gewonnen werden konnte.

Der Balkan Gotscheffs, das sind zuerst einmal eine leere Schräge (Bühne: Anri Kulev), auf der Hunderte von Äpfeln auf einen Wassergraben zurollen, und das famos aufspielende Orchester des Bosniers Sandy Lopicic, das vor dem schwarzen oder gleißend weißen Bühnenhintergrund mit Fiedeln, Drehleiern, Trompete und Akkordeon so melancholische wie mitreißend explosive Stimmungen erzeugt. Ein archaischer Hauch, eine ursprüngliche Schönheit umweht die Aufführung mit diesem Setting. Was sich aber auf der Schräge abspielt, das ist von ausgesuchter Hässlichkeit.

Deformierte Jammergestalten, verzweifelte Komik

Denn Gotscheff und seine nicht anders als grandios zu nennende Bühnen-Familie treiben aus Dukovskis Figuren die garstigsten Karikaturen hervor. Dabei nie billig ins nur kabarettistisch Lächerliche zu gleiten, sondern den Charakteren stets das unberechenbar Gefährliche und mitunter auch das Traurige zu bewahren – das macht die große Kunst der Gotscheff-Schauspieler aus.

Wie sie jedem einzelnen Wort, ja jedem Konsonanten bösartigen Nachdruck verleihen, wie sie für ihre Figuren angespannt-verkrampfte Posen finden, in denen die latente und dann jäh sich Bahn brechende Gewalt bereits vibriert, und wie sie als gedemütigte Opfer schließlich zu erbärmlich deformierten Jammergestalten werden, das transportiert eine verzweifelte Komik, die auch die Schmerzgrenze nicht scheut.

Wenn etwa Magne-Håvard Brekke, Sebastian Blomberg und Samuel Finzi als Gefängnisinsassen untereinander ihre interne Hackordnung ausmachen, dann wischt der eine dem anderen ganz buchstäblich den Arsch ab; da werden Hände abgeleckt, das schal-scharwenzelnde Imponiergehabe Brekkes trifft auf die erschreckend bedrohliche Präsenz Finzis, und urplötzlich entlädt sich alles in wilden, geschlechtsteilzentrierten Tänzen zur laut aufjaulenden Musik.

Der Mensch alleingelassen mit den Früchten der Natur

Ein andermal vervierfacht Gotscheff die Figur eines jungen Mannes, der auf widerliche Weise ein Mädchen im Zugabteil anmacht. Die vier kreisen die sich windende und in sich zusammenfallende Birgit Minichmayer ein, um sie zuletzt – wieder zu den johlenden Klängen des Balkanorchesters – in einem orgiastisch zuckenden Gruppentanz zu vergewaltigen.

Gotscheff hat zu diesen so entsetzlichen wie hochkomischen Gewaltexzessen ein seltsam berührendes Gegenbild hinzuerfunden: Durch den vor der Bühnenschräge verlaufenden Wassergraben watet einige Male wie ein weiblicher Sisyphos ein bäurisch gekleidetes altes Weib (Margit Bendokat), das in seiner Schürze die herabgerollten Äpfel einzusammeln versucht, die ihm aber immer wieder entfallen.

Mit leerem Blick, in dem trotzdem ein Vorwurf zu liegen scheint, starrt die Bendokat dann ins Publikum, als seien wir es, die daran schuld sind, dass kein Friede wird. Und vielleicht ist es ja so? Die Groteskkunst Gotscheffs jedenfalls hat uns abermals lachen, fürchten und – beinahe – weinen gemacht. Und das ist nicht wenig. Die Zuschauer dankten's mit stürmischem Beifall und einem Buh.

 

Das Pulverfass
von Dejan Dukovski
Deutsch von Samuel Finzi und Dimiter Gotscheff
Regie: Dimiter Gotscheff, Bühne und Kostüme: Anri Kulev, Musikalische Leitung: Sandy Lopicic, Licht: Henning Streck.
Mit: Margit Bendokat, Birgit Minichmayr, Valery Tscheplanowa, Sebastian Blomberg, Magne-Håvard Brekke, Samuel Finzi, Wolfram Koch, Alexander Khuon. Musiker: Sandy Lopicic, Dimitris Christides, Xell, Simon Jakon Drees, Matthias Loibner, Jörg Mikula, Till Uhlmann, Alexey Wagner, Lutz Wolf.

www.spielzeiteuropa.de

 

Mehr von Dimiter Gotscheff gibt es in Hamburg und Berlin reichlich zu sehen. Wir berichteten zuletzt über seine Leonce und Lena-Inszenierung Anfang September 2008 am Hamburger Thalia Theater und Ubukoenig an der Berliner Volksbühne im Mai 2008.

 

Kritikenrundschau

"Weniger analytische Qualitäten als vielmehr geile Gags", sieht Katrin Bettina Müller in der taz (25.10.) in Dimiter Gotscheffs "Pulverfass". Wie sich da zwei Freunde in ihren Bekenntnissen von Schuld und Verrat gegenseitig überbieten und sich dann doch laut singend und tanzend in den Armen liegen, "das hat etwas großartig Groteskes. Und es ist ebenso sehr überzogene Karikatur wie ernst gemeintes Bild." Dass von dem Krieg kaum die Rede ist, "macht die Verinnerlichung der Muster von Erniedrigung und Selbstermächtigung umso bedrückender". Ein wenig peinlich sei das Authentizitätsgütesiegel, das der Produktion im Vorwege auf der Pressekonferenz aufgedrückt wurde und Gotscheff und Finzi "quasi per Herkunft zu Balkanexperten ernannte". Das Stück funktioniere aber gerade da gut, wo es nicht mehr als Theater sein will. "Man sieht zum Beispiel, was hinter der plötzlichen Beschleunigung des Balkansounds steckt: ein Wettlauf mit der Zeit, die eine Zündschnur zum Brennen braucht."

Die Schauspieler sind mit Ausnahme Finzis, der schon im Jahr 2000 in Graz mitspielte, neu besetzt, "an ihnen liegt's nicht, dass das Pulver in der Koproduktion zwischen Festspielen und Deutschem Theater nicht mehr recht zündet", schreibt Eva Behrendt in der Frankfurter Rundschau (25.10.). "Sie lassen sich alle Zeit der Welt, um die schlechtesten Eigenschaften des Menschen so gründlich wie liebevoll auszuschraffieren." Dem Prinzip des Reigens folge Gotscheff nur halbherzig. "Der Täter der einen Szene ist bei ihm nicht zwangsläufig Opfer der nächsten (...) Für seine groteske Wirkung braucht Dukovskis Stück aber die Klippklapp-Mechanik und ein gewisses Tempo." Das fehle besonders in der zweiten Hälfte des zweieinhalbstündigen Abends und lasse die Inszenierung seltsam leer laufen lässt.

Matthias Heine geht in der Welt (25.10.) mit dem Abend hart ins Gericht. Wieso Gotscheff "jetzt das Werklein und sogar die Inszenierung von damals wieder ausgegraben hat, wird nicht klar, obwohl sich die Dramaturgie im Programmheft gewaltige Mühe gibt, die Nichtigkeit zum großen Diskussionsbeitrag hochzutrommeln." Der Abend habe "tolle Schauspieler, aber wenig Hirn". Gefühlt dauere es länger als der ganze Krieg. Man sitze spätestens nach einer von zweieinhalb Stunden nur noch da und denkt: "Wie viele schöne Panzer hätte man von all dem Steuergeld kaufen können! Wie viele kleine Banken hätte man davon retten können." Und, schreibt Heine, "falls sich jetzt irgendjemand über den flapsigen Ton erregt, in dem hier über eine blutige Tragödie verhandelt wird: Er entspricht genau dem Niveau des Stückes."

Christopher Schmidt sieht dagegen in der Süddeutschen Zeitung (25.10.) die Frage im Keim erstickt, "warum Gotscheff 'Das Pulverfass' noch einmal hochgehen lässt, das er bereits vor acht Jahren in Graz inszeniert hat." Denn lichterloh brennen Gotscheff und seine Spieler für ihre Sache. "Eine Antwort auf den kollektiven Brudermord in Ex-Jugoslawien wissen natürlich auch Gotscheff und seine Kombattanten nicht." Aber: "Es ist tolles Telepathietheater; eine verschworene Gemeinschaft weitet den schmalen Raum zwischen den Zeilen zum Seelenabgrund. Und findet auf jede Szene die bessere Antwort, immer gleich nah an Komik und Entsetzen." Manches sei platt und reine Verfremdungseffekthascherei, aber nicht nur Samuel Finzi, der die Posen des Jugo-Prolls im Dutzend lustiger auf Lager hat, unterlaufe die Klischees. Fazit: "Was zunächst aussieht nach Migrantenstadl mit soziologischer Folklore und herbeigrimassierter Streetcredibility, zeigt bald sein wahres Gesicht: Nicht Bomberjacke und Blaskapelle machen den Balkan, sondern das heiße Herz."

"Über Ursachen und Hintergründe der sachlich-kühl geschilderten Brutalitäten, die von Beleidigung, Verrat und Nötigung bis zu Körperverletzung, Vergewaltigung und Mord reichen, ist nichts zu erfahren", schreibt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (25.10.), "auch nicht, wer von diesen zu Ungeheuern aufgebauschten Marginalexistenzen hier welcher Ethnie angehört und ob das überhaupt von Belang ist." Warum es der Regisseur ausgerechnet wieder mit dem "Pulverfass" das virulente Konfliktpotential des Balkans untersucht, werde nicht klar. "Gotscheff treibt die ohnedies dick aufgetragenen Klischees noch weiter und jagt den Balkanesen, wie er singt und lacht, angibt und prügelt, in Bierpullen pinkelt und Geschlechtsverkehr erzwingt, mit unbegreiflicher Ausführlichkeit über diese Insel der Unseligen." Margit Bendokat in Kittelschürze und Strickjacke umrunde als Mütterchen Balkan die Bühne durch den Wassergraben, sammelt Äpfel ein, blickt wie ein begossener Pudel ins Publikum und dann betreten weg. "Dies freilich ist bestens nachvollziehbar, denn die heftig kunstgedüngte Aufführung ist wirklich nur allzu peinlich."

Andreas Schäfer befindet im Tagesspiegel (25.10), dass der bulgarische Regisseur "viel zu nett zu dem Stück" sei, das er mit seinem bulgarischen Hauptdarsteller Finzi selbst aus dem Mazedonischen übersetzt hat. "Als fühlte er sich verpflichtet, inszeniert Gotscheff jedes überflüssige Wort", hake liebevoll jeden wenig überraschenden Dialog ab und lasse die Szenen wie in Zeitlupe spielen, "als wollte er dem Autor durch diese Geste die Bedeutsamkeit seiner Dichtung versichern". Birgit Minichmayr bleibe unterfordert, "muss sich in diesem Männerstück darauf beschränken, Übergriffe abzuwehren". Samuel Finzi explodiere förmlich. "Trotzdem fragt man sich: Und jetzt? Die Show führt zu nichts. Sie wird nur immer wieder von den Klängen einer Balkan-Band unterbrochen." Die Musik, obwohl für sich genommen mitreißend, sei das Hauptproblem der Inszenierung. "Denn sie wird wie ein Alibi eingesetzt (...) Sie wirkt auch wie eine Selbstberuhigung der Theatermacher, die Heimat nicht verraten zu haben."

In der Berliner Zeitung (25.10.) sieht Ulrich Seidler dagegen "Hingabe und meisterliche ästhetische Sicherheit", mit der Gotscheff das "Zoten-Kompendium auf die leere, schwarze, abschüssige Bühne" gebracht hat. Der Abend beginne "furios mit einer Ladung Äpfel, die donnernd aus dem Schnürboden fällt, den langen Weg über die Bühne rollt und mit kusszartem Spritzen in das Wasser klatscht." Dann scheppere die Balkan-Kapelle los, schüttele das Ensemble durch und bringt es auf Spielhitze. "Diese fietschenden Ausbrüche von entfesselter gefühlsduseliger Lebensgier fliegen einem an diesem Abend noch einige Male um die Ohren. Sie lockern einerseits zwar auf, treiben aber die Spirale der Gewalt weiter auf die Spitze zu. "Dass die Explosionen zünden, habe mit der Kraft, der ungeheuren Konzentration und Sicherheit der Schauspieler zu tun. "Das Schmutzigste, was Menschen sich einander antun können, wird theatralisch übersetzt, aber mit umso größerem, heißerem Genuss vollzogen." Dass die Figuren zu Hormonpackungen reduziert und die Konflikte so ausdifferenziert seien wie das Pullermannmessen kleiner Jungs "- dies alles tut der zutiefst menschlichen Dimension keinen Abbruch."

 

Kommentar schreiben