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Spürbare Haltung

26. März 2021. Dass "etwas anderes gelebt als gepredigt wurde", habe sie auch bei den Intendant*innen der 68er-Generation erlebt, berichtet Iris Laufenberg, Intendantin des Schauspielhauses Graz und ab 2023 Intendantin des Deutschen Theaters Berlin, im Interview mit Petra Kohse von der Berliner Zeitung (am Erscheinungstag hinter der Paywall). Spiegel der Gesellschaft sei das Theater dabei nicht nur auf, sondern auch hinter der Bühne, so Laufenberg. "In der Kunst ging – und geht – es ständig darum, dass man die Gesellschaft für mehr Gleichberechtigung und ökologisches Bewusstsein verändern will. Vom tatsächlichen Miteinander war dieser Anspruch oft abgespalten."

Konkrete Maßnahmen für mehr Korrektheit

An ihrem Haus "scheint …einiges korrekter zu laufen als anderswo", schreibt Petra Kohse über Iris Laufenbergs Engagement für ein respektvolles Arbeitsklima. Auf die MeToo-Bewegung reagierte man in Graz mit konkreten Maßnahmen: "Wir haben uns hier zunächst gefragt, wo denn unsere Beratungsstelle ist, zu der Personen gehen können, die Übergriffe erlebt haben", so Laufenberg. "Und dann haben wir ziemlich schnell eine Frau und einen Mann als Vertrauenspersonen gewählt, ich selbst habe eine Schulung zu geschlechtersensiblem Verhalten gemacht und gemeinsam haben wir einen Verhaltenskodex schriftlich niedergelegt, der nun Teil jedes Vertrages ist." Auch externes Coaching könnten die Mitarbeitenden des Schauspielhauses Graz buchen.

Respektloses Verhalten und aktuell Diskutiertes spreche sie auf Betriebsversammlungen an und mache "ganz klar, dass ein respektloses Verhalten bei uns nicht geduldet wird", so Iris Laufenberg. "Mir ist wichtig, dass eine Haltung spürbar ist."

Stabilisiert der Identitätsdiskurs eine Deutungshoheit?

In Bezug auf den Identitätsdiskurs sind sich die Interviewerin und die Interviewte einig, dass er "eine enorme Verdrängungsenergie" entwickle, die Petra Kohse zufolge "das Prinzip der Deutungshoheit, das er doch eigentlich angreift, noch zuspitzt und stabilisiert". Iris Laufenberg bemerkt in ihren Gesprächen mit jungen Leuten "oft so eine Ausschließlichkeit" Am Beispiel einer britischen Reisegruppe, die nach einer Aufführung von Ayad Akhtars "The Who and the What" kritisiert hatte, dass die pakistanischen Figuren nicht mit pakistanischen Schauspieler*innen besetzt worden seien, bemerkt sie: "Wenn solche Fragen wichtig sind, müssen wir sie diskutieren. Sie zu skandalisieren, reicht nicht aus."

Wegducken unmöglich

Gefragt, ob sich "Ausschließlichkeit und Übergriffigkeit" auch aus den Theater-Hierarchien mit einer Intendanz an der Spitze und einer dirigistischen Produktionsform ergäben, nennt Iris Laufenberg die Generalintendanz "ein Unding": "Wenn es um Mehrspartenkomplexe geht, wenn Oper, Schauspiel und womöglich noch ein Ballett da sind, müssten Teams gebildet werden, es müssten sich auch immer gleich Teams bewerben, keine Frage. Innerhalb eines überschaubaren Systems ist es jedoch durchaus sinnvoll, die Verantwortung einer einzigen Person zu übertragen, deren Aufgabe es auch ist, kollektive Strukturen einzuführen. Diese Person kann sich dann auch nicht wegducken, wenn es zählt."

Schulung und Reflexion

Wie lassen sich erlernte Verhältnisse verändern?, fragt sich die Intendantin. Im täglichen Umgang hält Iris Laufenberg "Schulung und Reflexion für das Wichtigste". "Alle sind gegen Rassismus, das ist leicht. Aber was tut man wirklich, wenn jemand eine Bemerkung macht, die einem negativ auffällt, aber alle schweigen? Wie kriegt man das hin, dann aufzustehen und zu sagen: Halt! Das hat kaum jemand gelernt, das muss geschult werden."

An einer internen Debatte über das Gendersternchen, durch das sie selbst anfangs "die Frauenfrage in der Fluidität, für die das Sternchen steht, gefährdet sah", verdeutlicht die Grazer Intendantin, wie wichtig Austausch ist. "Wenn so viel Emotionalität aufkommt wie damals, weiß man, dass das ein echtes Thema ist, das es von vielen Seiten zu diskutieren gilt. Und das machen wir auch intern."

(Berliner Zeitung / eph)