Aus Fleisch und Blut

von Andreas Wilink

2. April 2021. Wie anfangen? Mit dem Schrecken oder mit der Beglückung, wie Canetti oder wie Proust? Mit der Erinnerung, dem Kind drohe, die Zunge abgeschnitten zu werden, oder mit dem Aroma einer in Tee getunkten Süßigkeit? Erinnerung, sprich! Klaus Weise, Regisseur und ehemaliger Intendant in Oberhausen und Bonn, hat einen Roman geschrieben, der deutlich autobiografisches Material verarbeitet. Gleichwohl scheint "Sommerleithe. Wortbegehung einer Kindheit diesseits und jenseits der Zonengrenze" ein Fantasiestück, was etwas anderes meint als Fiktion.

Dichtung oder verdichtetes Erleben? Den literarischen Kunstraum durchwandert man, ohne diese Unterscheidung treffen zu müssen. Klaus Weise ruft mit seinem dem Buch vorangestellten Motto als Anwalt einer grenzenlosen Literatur Vladimir Nabokov auf, der den Wahrheitsbegriff für die Kunst als beleidigend abtut.

Schrecken in der Räucherkammer

Am Anfang steht der Schrecken, die Todesgefahr. Der Sohn des Metzgermeisters Weise – insgesamt gibt es zwei Brüder und eine ältere Schwester im Elternhaus – steckt am Spieß. Nicht bloß eine Redewendung, sondern blutiger Ernst. Mit dieser Urszene hebt die Geschichte an, zu ihr kehrt sie mehrfach zurück, ob montiert aus Tagesspuren, Realitätsresten und Traumsequenzen, bleibt ungewiss. Jedenfalls ist es seine Initiation, so wie später das Abstechen einer Sau im Schlachthof von eigener Hand. Leben heißt Töten. Leben verläuft auf der Blutbahn.

Cover Sommerleithe 560In der heimischen Kleinstadt-Fleischerei wird der Knabe Dieter am "Himmel" der gekachelten Räucherkammer mit einem Räucherspieß befestigt zwischen Würsten und Schinken, dort hängt er, zappelt, absturzgefährdet. Ein finsterer Vater- und Männerspaß.

Angst umfängt das Kind, leibhaftige Todesangst, das Gefühl von Schuld wächst in ihm, moralisches Bewusstsein wird geweckt in dieser Folterkammer seines Gewissens. Denn der kleinere Bruder, der hier Klaus heißt und selbst in der Räucherkammer zu Tode kommt, ist aber offenbar nicht der Autor und nicht der Ich-Erzähler, sondern fließt mit ihm am poetischen Schmelzpunkt zusammen und begründet in dem Überlebenden dessen Doppel-Existenz. "Ich war mein eigener Feind", heißt es an einer frühen Stelle des Buches. Insofern, auch dies hat Tradition, erzählt "Sommerleithe" von Selbstrettung – in Stellvertretung.

Beginnend mit dem Straßennamen "Sommerleithe" als Synonym für das kindheits-paradiesische Glück und seinen Verlust, durchzieht Heimatweh den Rückblick auf die noch wirtschaftswunderlichen, vom Kalten Krieg erhitzten sechziger Jahre: der Zeit pomadiger Haarcreme, verharschenden Haarsprays und gestärkter Wäsche, von "Parisern" in Automaten und Automarken wie Opel Taunus und Rekord, der Schlager auf dem Dual-Plattenspieler, der "Übergangskleidung", des sonntäglichen Werner Höfer-Frühschoppens, der samstäglichen Tanz- und Knutschvergnügen mit Reibungsgewinnen beziehungsweise -verlusten.

Sechzigerjahre-Halbstarken-Welt

All dies eine oder zwei Nummern kleiner, als wir es aus "American Graffiti" und anderen Filmen mit Jungs in Jeans und Blouson kennen. Deutsche Provinz eben, wie sie auch der etwa gleichaltrige Ralf Rothmann schildert. Wobei die von "drüben", aus dem thüringischen Gera, über Aachen, das "Drecksloch" Frankfurt und Wuppertal nach Mülheim an der Ruhr gelangende Flüchtlingsfamilie den Wert der D-Mark erst recht vergöttert und ritualisiert (so etwa bei der Löhnung an die Metzger-Gesellen und -Lehrlinge).

Das Herz flimmert bei (teils mit dem Feldstecher beäugten) pubertären Entdeckungen und popkulturellen Attraktionen. Wir werden Zeugen von Voyeurismus, Lüsternheit und erotischer Notstände. Klaus Weise bekennt sich zur Vererbungslehre über den (unterlegenen) Mann und die (überlegene) Frau, die auch Klaus Theweleit Spaß machen würde. Stellt bohrende Fragen des Halbwüchsigen nach dem, was die Herren Väter und Onkel denn in der glorreichen, zu Schanden gegangenen Vergangenheit getan haben, und blättert seinen Katalog des Gegenglücks in der Kultur auf.

Axt am Familienstammbaum

Klaus Weise, Jahrgang 1951, hegt den Familienstammbaum, betrachtet ihn zärtlich – und legt die Axt daran. Er beschreibt Auswüchse, die mehr als nur "mulmiges" Gefühl bereiten: dass Gesundheit oberste Metzgerkinderpflicht gewesen sei und der selbst wiederum an "Angst-Asthma" leidende Vater die Kinder "verachtet" habe, wenn sie krank wurden; dass der Sohn selbst das Messer gegen den Vater zu heben sich vorstellt; dass sich das noch namenlos Sexuelle in die Wahrnehmung des Muttersohns schiebt; dass Missbrauch durch einen Mitarbeiter des Vaters in das betäubte Bewusstsein des Kindes eindringt.

Das ohnedies Verlorene, Ungewisse und Orientierungslose von Kindheit und Jugend verbindet sich mit dem spezifisch Ungewissen des Aufbruchs von Ost nach West, der Ankunft der Weises im freien Teil Berlins, dem die Familie zunächst wie erstarrt begegnet, und des Neuanfangs mit Nichts.

Selbstrettung

"Wortbegehung." Das meint einen Überprüfungsvorgang. Weise ist kein naiver und kein kurz angebundener Erzähler. Zum Erzählten, das üppig im Fleisch steht und von Blut durchpumpt wird (nicht von ungefähr entlehnt der Autor sein zweites Motto Büchners "Woyzeck"), verhält sich die Erzählsprache ebenso körperlich, satt und sinnlich, so dass noch der Verzehr einer Banane im Land des Mangels sich zum Sakrament erhöht. Dies gilt auch für die reflektierenden Passagen, die die äußere Handlung überbieten. Die 54 knappen episodischen Kapitel suchen souverän Anschluss ans Archaische, Biblische und Mythische, verarbeiten Märchenmotive und literarische Verweise und Zitate, spielen mit Fabel und Legende und verweben Wortspiele in den fliegenden Teppich des Erzählens.

Dass der Sohn für den Vater eine Enttäuschung ist und Provokation, entlädt sich mit einem letzten Schlag ins Gesicht, bevor der 18-Jährige nach München zum Studium an die Hochschule für Film und Fernsehen geht. Aus den Schwächen des Kindes wird – dies ist mehr als nur Vermutung – künftig Stärke werden.

Sommerleithe.
Wortbegehung einer Kindheit diesseits und jenseits der Zonengrenze
von Klaus Weise
Roman, Elsinor Verlag, Coesfeld 2021
310 Seiten, 24 Euro

 

 
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