Thebens Kapuzenpulliträger

von Anne Peter

Berlin, 24. Oktober 2008. Ai ai ai! O ihr griechischen Sagengestalten! Du, Agenor, ballst die Faust und schiebst dein Kinn ingrimmig-verbittert vor, wenn du deine Söhne auf die Suche nach der entführten Tochter Europa schickst. Du, Hippodameia, springst resolut vom Sofa auf, um deinen Zorn über den Ehemann herauszuschreien, der seine verstorbene Ex-Frau mehr liebte als dich und nur Augen hat für seinen Sohn Chrysippos, der ihr wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Dir, Pelops, zittern Finger und Stimme, wenn du dich bereitest, deine Flüche über den auszustoßen, der deinen geliebten Sohn entführt und missbraucht hat. Und du, Ödipus, fingerst nervös-gespannt an deinen Lippen, wenn du auf die Antwort des Orakels wartest, das neben dir mit haarverhangenen Augen im Rollstuhl kauert.

Sample der antiken Tragödienwelt

O ihr Männer und Frauen des Mythos! Wie menschlich ist hier euer Leid, wie wohlbekannt uns eure Gesten. Das Antlitz Spiegel eurer Seelenqual. Menschen seid ihr, Menschen von heute. Doch was, ja was, tönt da bloß aus eurem Munde?

Was die oben aufgeführten Figuren im Munde führt, ist die Sprache des libanesisch-stämmigen Frankokanadiers Wajdi Mouawads, dessen Erfolgsstück "Verbrennungen" vor gut zwei Jahren in Nürnberg seine deutschsprachige Erstaufführung erlebte und seitdem von vielen anderen Bühnen inszeniert wurde. Schon jener analytisch aufgezäumten Kriegs- und Familiengeschichte aus Nahost war das ödipale Schicksal, die fatal-inzestuöse und hier zudem noch überaus gewaltsame Wiedervereinigung von Mutter und Sohn, eingeschrieben.

Nun hat der Autor, Regisseur und Schauspieler Mouawad, der im kanadischen Ottawa Leiter einer Theatertruppe und außerdem designierter "artiste associé" des nächsten Festival d'Avignon ist, sich im Auftrag von Dominique Pitoiset noch einmal mitten in die antike Tragödienwelt begeben, dabei Stoffe von Aischylos, Sophokles und Euripides zusammengebunden und die narrativen Lücken zwischen ihnen aufgefüllt.

Kadmos' verzweifelte Suche nach der entführten Schwester

Herausgekommen ist das Stück "Der Sonne und dem Tod kann man nicht ins Auge sehen", mit dem Mouawad die Unglücksgeschichte der sieben-torigen Stadt Theben erzählt. Dabei springt er, viel in epischen Erzählpassagen aufhebend, chronologisch durch ausschnitthafte Sequenzen: von Kadmos, dem Städtegründer und Bruder der von Zeus entführten Europa, bis eben zu jenem berühmten Wissensbegehrer Ödipus – und will damit nicht weniger als eine ganze Menschheitsgeschichte erzählen.

Von den ersten Fragen nach dem Unnennbaren – "was betrachtet uns?" – bis zu uns, die Ödipus am Ende sozusagen als Neu-Thebaner, als heutige Einwohner jener verfluchten Stadt anspricht, die mit dem blutigen Erbe umzugehen haben – und zwar eingedenk der vorgeführten Schmerz- und Katastrophen-Reihung möglichst anders als unsere mythischen Vorfahren. Wovon bis dato, so suggeriert Mouawad, nicht die Rede sein kann: "Ihr kennt das Unglück nicht. / In euren Schränken habt ihr Spielzeuge. / Keine Riffe / Im Meer eurer Augen / Um das Schiff eurer Überzeugungen leck zu schlagen."

Großtönig, Pathos-getränkt ist die Sprache, ausladend in den Metaphern, ohne Versmaß, aber mit antikisierender Wortgewalt daherkommend. Und ebendiese Sprache kann man, mit Verlaub, nicht distanzlos so sprechen, als käme sie einem inbrünstig direkt aus der Einfühlseele geflossen.

Einfühlseelen am Küchentisch

Genau darum bemühen sich allerdings die fünf Schaubühnen-Spieler Bettina Hoppe, Eva Meckbach, Wolf Aniol, Ulrich Hoppe und David Ruland unter Anleitung von Pitoiset, der vor dieser deutschsprachigen Erstversion in Frankreich auch schon die Uraufführung betreute. Sie sind in bewusst unglamouröse Kapuzenpulli-Alltagskleidung gesteckt (Kattrin Michel) und verkörpern in einem mit wenigen Retro-Möbelstücken angedeuteten Küchen-Wohnzimmer-Setting gut ein Dutzend Figuren. Wer nicht dran ist, setzt sich rings ins Dunkel.

Im beleuteten Fliesenrechteck der Bühne zerren sie sich dann die Donnerworte auf den Leib und versuchen, das in psychologisch-realistischem Spiel mit den adäquaten Gesten zu beglaubigen (siehe oben) – was notwendigerweise scheitern muss. Allein die Sprache, die eine starke formale Regie-Setzung bräuchte, sperrt sich gegen den Verheutigungs-Realismus. Nicht in dieser Nahebringung, in der Ferne vermöchten wir vielleicht unser Bild zu erkennen. Ein Schreckbild, von dem man sich abwenden könnte.


Der Sonne und dem Tod kann man nicht ins Auge sehen
von Wajdi Mouawad (DEA)
Deutsch von Uli Menke
Regie: Dominique Pitoiset, Bühne/Kostüme: Kattrin Michel. Mit: Bettina Hoppe, Wolf Aniol, Ulrich Hoppe, Eva Meckbach, David Ruland.

www.schaubuehne.de

 

Mehr lesen zu Wajdi Mouawad: Stefan Bachmann inszenierte im September 2007 am Akademietheater Wien die österreichischen Erstaufführung von Verbrennungen.

Kritikenrundschau

Wajdi Mouawad spinne seine Geschichte um Kadmos und Co. in "Der Sonne und dem Tod kann man nicht ins Auge sehen" in einen ziemlich "umständlich formelhaften Sprachmystizismus ein", findet Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (27.10.). Sein Stück sei "der groß angelegte und prinzipiell auch in seiner Umständlichkeit beachtliche Versuch, durch die mythischen Vorlagen der Theben-Trilogie das Drama geschichtlicher wie persönlicher Selbstfindung zu durchleuchten": Menschwerdung und Entmenschlichung, Erneuerung und Verstrickung in Vergangenheit. Dabei übersteigere Mouawad – und das sei die Schwäche der Mythenmontage – "seinen antikisierenden Sprachstil selbst zur Sphinx", deren Rätsel über allem stehe. "In Stein gemeißeltes Theater" mit "angestrengten Frontalansprachen" der Schauspieler, von denen allein Bettina Hoppe überzeuge. Auch wenn der heutige Nahe Osten für dieses antike Theben natürlich die Folie sein solle, gebe es "für Zeitensprünge hier kein Durchkommen". Zudem lasse der Regisseur keine "Spur eigenen Interesses" an diesem Text erkennen, obwohl er ihn doch selbst in Auftrag gegeben hat.


Mouawads Stück, ein "hochaufgezogener Text", sei "weder eine authentische Tragödie im antiken Stil noch ein wirklich modernes Drama mit überzeugenden Problemstellungen, geschweige ironischen Brechungen", konstatiert PHG (wir vermuten: Peter Hans Göpfert) in der Berliner Morgenpost (27.10.). Bei "geradezu kleinbürgerlicher" Bühne mit Kühlschrank und Küchentisch, wundere es auch "nicht weiter, dass der nichts ahnende Ödipus auf einem Sofa liegt, wenn er dem Fremden, der sein Vater ist, den Weg nicht freigeben will: Theben ist hier sozusagen die Wiege der Psychoanalyse". Durch "beträchtlichen darstellerischen Einsatz" erreiche das Drama "starke Spannung", vor allem Bettina Hoppe steige "mit geradezu leidenschaftlichem Einsatz" in ihre Rollen.

Die "lose Möbelinstallation" aus Kühlschrank, Esstisch, Sofa betone "effektvoll den Kontrast von Ort und Text", so Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen (28.10.) Dieser sei "ein so ambitionierter wie verstiegener Versuch", griechische Tragödien "auseinanderzunehmen und als eigenständiges Katastrophenszenario zusammenzumontieren". Bei Pitoiset werde die "Mythenadaption" dann "zur tristen Familiensaga in der Sozialwohnung", in der "von den erhabenen Dingen des Lebens und der Welt" bloß erzählt und "der Mythos in ganz alltäglichen Gesten und Arrangements gewissermaßen auf ein allzu menschliches Maß reduziert" werde. Diese "Durchschnittsmenschen", vom "harmonisch eingespielte Ensemble" "mit geradezu heiligem Ernst" dargestellt, treibe die "maßlose Sehnsucht nach politischer Transzendenz" um: Immer wieder zögen sie die Kapuzen über den Kopf und zitierten den "antiken Chor, der als Kollektiv noch etwas zu sagen hatte". In ihrem Schweigen wirkten sie "wie tieftraurige Restposten jener großen Zeiten, deren gewaltige Ansprüche sie zermürbt haben". Diese "kleine, feine Aufführung mit ihrem historischen Minimalkonsens und ihrem sozialpolitischen Utopismus" sei "zumindest eine ehrliche Sache – und berührend gelungen überdies".

 

 
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