Die Nathanael Show

von Sascha Westphal

Ingolstadt / online, 10. April 2021. Die Technik spielt nicht mit. Der über Zoom ausgespielte Live-Stream hat kaum begonnen, schon kommt es zu ersten Störungen. Es hackt und stockt, bis die Übertragung abbricht und nichts als die große schwarze Bildkachel mit dem eigenen Screennnamen bleibt. Der zweite Anlauf endet sogar noch früher. Chatnachrichten informieren einen, dass mit Hochdruck daran gearbeitet wird, das Problem zu lösen. Schließlich ist es so weit. Aller guten Dinge sind bekanntlich drei, und so nimmt die Geschichte um den Informatikstudenten Nathanael im dritten Versuch ihren Lauf. Eigentlich wären diese Anfangsschwierigkeiten kaum erwähnenswert. Nach Monaten der Streams aus den Theatern wissen wir alle um die vielen Unwägbarkeiten, die mit dem Digitalen verbunden sind. Doch an diesem Abend kommt ihnen eine besondere Bedeutung zu, aber davon später mehr.

Im Reich des Programmierers

Vier Bilder füllen den Screen aus. Eins zeigt den von Péter Polgár gespielten Studenten um die 30 in Großaufnahme, die klassische Zoom-Aufnahme der Laptopkamera, vor der er sitzt. Zwei andere Kacheln streamen Perspektiven auf den Raum, in dem sich Nathanaels Leben abspielt, ein kleines Ein-Zimmer-Appartement in einem großen Wohnblock. Die vierte ermöglicht dem Publikum einen Blick auf seinen Computerscreen.

Auf ihm poppt auch die E-Mail-Nachricht von seinem Professor auf, dass Nathanel ausgewählt wurde, am "Olympia-Programm", einem KI-Forschungsprojekt, teilzunehmen. Wenig später erscheint in diesem Rechteck das Gesicht von Clara, die er in seiner Heimatstadt zurückgelassen hat, um bei Professor Spalanzani an der Entwicklung Künstlicher Intelligenzen zu forschen.

4 280 Der Sandmann screenshotDer KI verfallen: Olympia (Theresa Weihmayr) und der Informatikstudent Nathanel (Péter Polgár) in "Der Sandmann" Theater Inglostadt Screenshot

Aus den Briefen der Hoffmann‘schen Erzählung wird im 21. Jahrhundert ein Videochat. Eine überaus reizvolle Aktualisierung. Das Spiel der Perspektiven, das auch schon in der Vorlage ein Spiel mit Nähe und Ferne ist, bekommt so eine neue Direktheit und Dringlichkeit. Die Technik schafft eine Nähe zwischen Nathanael und Clara, die in Wahrheit nur eine Illusion ist. Mehr noch als bei Hoffmann entpuppt sich die von Theresa Weihmayr gespielte junge Frau mit ihrem puppenhaft geschminkten Gesicht und ihrer gezielt ausdruckslosen Mimik als Projektion eines jungen Mannes, der schon immer nur in seiner eigenen engen Welt gelebt hat.

Dämonen an den Wänden

Es überrascht also keineswegs, dass er während des Turing-Tests, den er im Rahmen des Studienprojekts mit Professor Spalanzanis Schöpfung durchführt, der KI Olympia augenblicklich verfällt. Polgárs Nathanael, der fortwährend etwas Verbissenes, Manisches, ausstrahlt, erweist sich im Lauf von Alexander Nerlichs Inszenierung eben nicht nur als ein einsamer Forscher, der von seinen Erinnerungen wie von Dämonen gejagt wird. Er ist auch eine Art von Incel, dem die Fähigkeit zu realer zwischenmenschlicher Kommunikation abgeht und sich mehr und mehr in paranoiden Fantasien verliert.

1 560 der Sandmann screenshotMit vier Kameras ins Innere geschaut: Alexander Nerlichs "Der Sandmann" © Theater Ingolstadt Screenshot

Er ist vollkommen isoliert, ein Gefangener seiner selbst und ein Besessener, dessen fiebrige Nervosität und Unsicherheit Polgár eine elektrisierende Intensität verleiht. Obwohl man ihn nur in den kleinen Kacheln eines Zoom-Streams miterlebt, ruft sein Spiel eine Mischung aus Mitgefühl und Schaudern hervor.

Geisterfilm-Verweise

Polgárs Darstellung, die in ihrer Überreiztheit etwas Theaterhaftes hat und doch kein typisches Bühnenspiel ist, spiegelt das Hybride dieser Inszenierung. Alexander Nerlich gelingt es, Theater und Film nicht zusammenzubringen, sondern bewusst kollidieren zu lassen.

Das Kino ist in den bis zu vier Kacheln des Streams, die nah an Aufnahmen heranrücken, wie sie über Überwachungsmonitore flimmern, allgegenwärtig. Immer wieder streut Nerlich Verweise auf Science Fiction- und Horrorfilme ein.

2 560 der Sandmann screenshotFremde Wesen wie aus anderen Dimensionen © Theater Ingolstadt Screenshot

Die teils durch digitale Überblendungen realisierten Auftritte von Coppelius, den der erwachsene Nathanael "Es" nennt, schaffen eine ähnliche Atmosphäre des Grauens wie die japanischen Geisterfilme der "Ring"-Reihe. Die Steuerungseinheit, die er für seine Befragung von Olympia erhält, könnte mit ihren weichen Formen direkt aus "eXistenZ", David Cronenbergs filmischem Verwirrspiel, stammen, in dem sich die Grenze zwischen Realität und virtueller Realität immer mehr auflöst.

Spiel mit der Illusion

Natürlich erreicht Nerlichs Streaming-Inszenierung nicht die technische Perfektion, der von ihm zitierten Filme. Aber gerade die Bilder, in denen die digitalen Tricks offensichtlich werden, in denen der Green Screen unter den Projektionen aufzuscheinen scheint, verleihen dieser "Sandmann"-Variation etwas ganz und gar Eigenständiges. Das Theater, dieser ursprüngliche virtuelle Raum, holt sich zurück, was ihm Film und Fernsehen genommen haben.

Am Ende schiebt Nathanael eine Wand seines Appartements beiseite. Was das Publikum von Anfang an wusste, das ist alles nur ein Bühnenbild, wird ihm wie einst Truman Burbank in Peter Weirs "The Truman Show" schmerzlich bewusst. Seine Existenz ist eine Illusion, sein Leben nichts als Manipulation. Und genau in diesem Moment erinnert man sich an die technischen Probleme zu Beginn des Streams, und plötzlich haben sie etwas Tröstliches. Noch ist die Technik nicht so perfekt wie in Nerlichs Szenario. Noch sind wir ihr nicht gänzlich ausgeliefert.

Der Sandmann
nach der Erzählung von E.T.A. Hoffmann
in einer Fassung von Alexander Nerlich
Regie: Alexander Nerlich, Bühnenbild: Thea Hoffmann-Axthelm, Kostümbild: Tine Becker, Choreografie: Cecilia Wretemark, Musik und Sound: Malte Preuss, Dramaturgie: Johann Pfeiffer, Mediendramaturgie: Paul Voigt, Video: Esteban Nuñez, Tobias Lange, Künstlerisch-technische Produktionsleitung: Manuela Weilguni.
Mit: Péter Polgár, Theresa Weihmayr, Jan Gebauer, Peter Reisser.
Premiere am 10. April 2021 in der digitalen Sparte des Theaters Ingolstadt
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten

theater.ingolstadt.de

 

Kritikenrundschau

"Raffiniert wird hier E. T. A. Hoffmanns schaurige Geschichte des 'Sandmanns' ins digitale Zeitalter transformiert und stellt dabei nicht nur Fragen nach Realität und Fiktion, Machbarkeit und Maschinenlogik neu - sondern auch die nach der Menschlichkeit in einer Zukunft mit KI" schreibt Anja Witzke im Donaukurier (11.4.2021). "Insgesamt besticht die Produktion durch eine innovative Herangehensweise, eine spannende Aufbereitung des Stoffes und ein Ensemble in Höchstform."

 
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