Transparenz und Teilhabe schaffen

12. April 2021. Marion Tiedke, aktuell Leiterindes Studiengangs Schauspiel an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, ist Dramaturgin und war bis 2020 Ko-Intendantin des Schauspiel Frankfurt. Im Interview mit Christine Dössel spricht sie in der Süddeutschen Zeitung über die Notwendigkeit, Macht im Theater neu zu denken und zu organisieren. 

Theater sind Großbetriebe, so Marion Tiedtke, die Leitungskompetenz erfordern. "Und die kann nicht nur auf den Schultern eines einzigen Menschen ruhen. Es muss mindestens drei verschiedene Personen geben, die sich die Leitung teilen. Sie sollten unterschiedliche Qualifikationen mitbringen und entsprechend verschiedene Aufgaben übernehmen, aber gemeinsam über die künstlerischen Verträge entscheiden." 

Wenn jemand Geschäftsführer und Intendant in einem sei und womöglich noch Regisseur und Chefdramaturg am Haus, dann gibt es aus Tiedtkes Sicht "wie man in der Staatstheorie sagen würde, keine Gewaltenteilung mehr. Dann können sich tatsächlich so kleine Fürstentümer ausbilden." Als Drittes komme hinzu, dass die Ensembles immer kleiner würden. "Das bedeutet: Der Markt für Schauspielerinnen und Schauspieler wird enger und die Konkurrenz größer." In den jetzigen Strukturen "beruht die Macht der Männer auf Kontakten und Allianzen, sind Sachlichkeit, Qualität, Leistung, Wertschätzung und Transparenz keine primären Kriterien. Theater ist eine kollektive Kunstform. Wir sollten es entsprechend neu denken."

Bereits die Findungskommissionen müssten unterschiedlicher besetzt sein, so Tiedtke weiter. "Nicht immer mit denselben Leuten vom Deutschen Bühnenverein. Der Bühnenverein ist ja die Vertretung der Intendanten. Es wäre gut, wenn Vertreter vom Ensemble-Netzwerk oder der Bühnengenossenschaft und auch Personen aus dem Haus, an dem der Intendant oder die Intendantin künftig arbeiten soll, eine Stimme hätten." So werde Transparenz und Teilhabe geschaffen.

Tiedtke begrüsst die Gründung der Themis Vetrauensstelle, findet sie aber nicht ausreichend. "Wenn etwas passiert, wo ist dann die unabhängige Anlaufstelle im Theater, an die ein Mitglied des künstlerischen Personals sich wenden könnte, ohne Schaden zu nehmen? Ich fände es richtig und wichtig, wenn jede Kommune, jede Stadt eine solche Stelle einrichten würde."

Entäuscht zeigtz sie sich, dass die Corona-Krise von den Theatern nicht genutzt wurde, um die Strukturdebatte einmal wirklich zu führen. Stattdessen haben man auf Halde produziert. "Dabei wäre diese Zwangsauszeit eine wunderbare Möglichkeit gewesen zu fragen: Was müssen wir in den Häusern verändern, um zukunftsfähig zu bleiben? Und um Visionen zu entwickeln: Warum machen wir das überhaupt? Theater lebt von Begeisterung, Euphorie, Idealismus. Wenn daraus ein System aus Druck und Angst wird, schlecht bezahlt in den meisten Fällen noch dazu, wird es schwierig, die Leute zu halten." 

(sle)

 

 

 
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