Exen in Hotelzimmern

von Ariane von Graffenried

Bern, 20. Mai 2007. Der amerikanische Erfolgsdramatiker Neil LaBute schreibt viel. Alljährlich schüttelt er lässig ein "well made play" aus dem Ärmel. Und Anina La Roche hat, so scheint es, für die Inszenierung solcher Stofflichkeiten ein Händchen.

Die 1971 in Zürich geborene Autorin und Regisseurin studierte in Hamburg Schauspielregie, inszenierte auf Kampnagel in Hamburg, am Zürcher Schauspielhaus und am Theater Basel. Auch in Bern ist La Roche keine Unbekannte. 2002 wurde sie mit der Produktion "Terminal A" zum zeitgenössischen Theatertreffen "auawirleben" eingeladen. Das Stück beruht auf einer wahren Begebenheit: Sans-Papier lebt im Transitraum eines Flughafens. Als er nach elf Jahren einen Pass erhält, will er den Flughafen nicht mehr verlassen.

In dieser Produktion arbeitete La Roche mit dem Autor und Dramaturgen Rainer Hofmann zusammen, mit dem sie 2006 auch den Bestseller "Am Hang" von Markus Werner für das Stadttheater Bern adaptierte.

Affären zu Kurzgeschichten

Für ihre neue Inszenierung hat Anina La Roche einmal mehr mit Rainer Hofmann zusammengearbeitet: "Some Girl(s)"; das Konversationsstück von Neil La Bute, ist gleichzeitig auch die letzte Produktion des Stadttheaters auf der  traditionsreichen Kornhausbühne, vor dem Umzug in die neue zweite Spielstätte des Schauspiels.

Im 130-Plätze-Theaterchen hat Beni Küng eine Bühne für Voyeure geschaffen: Das Publikum sitzt sich gegenüber, Aug in Aug. Dazwischen liegt ein Hotelzimmer, kein Fenster zum Hof, sondern ein wandloser Raum. Dort trifft ein namenloser Literaturdozent mit literarischer Ambition auf vier Frauen, die er früher allesamt sitzen gelassen hat. Bevor er heirate, erklärt der Mann, wolle er versuchen, die Vergangenheit "auszubügeln." In Wirklichkeit aber sammelt er Erlebnisse für seine noch zu schreibenden Geschichten.

Tristesse der Hotelketten

Thomas Mathys Dozent holt sich ein Evian aus der Minibar, knabbert Cashewnüsse und wartet auf seinen Highshool-Schwarm, den er beim Abschlussball versetzt hatte. Sam (Silvia-Maria Jung) stöckelt in rosa Capri-Hose ins Zimmer. Sie hat nicht viel Zeit, ihre Kinder warten, sie muss zurück an den Herd. Am Ende ist nichts ausgebügelt, bloss die Frau zerknittert. der Mann gibt sich reumütig. Gleichzeitig lacht er auf den Stockzähnen, denn aus Sam ist genau das geworden, was er immer angenommen hatte.

Jedesmal bevor die nächste Kandidatin auftaucht, wechselt das Stück die Stadt. Wie von Geisterhand verschieben sich Betten, Minibar und Fauteuil. Die Fernsteuerung lässt vor uns ein anderes Zimmer derselben Hotelkette entstehen. Das betritt zunächst Tyler (Grazia Pergoletti), eine jung gebliebene Draufgängerin. Damals hatte sie dem Mann zuliebe einen Dildo umgeschnallt, heute lässt sie immerhin noch den Hotelaschenbecher mitgehen. Aber der Dozent wird sie auch dieses Mal genauso sitzen lassen wie Lindsay (Ragna Guderian), eine selbstsichere Akademikerin im Trenchcoat, die ihn zwingen will, mit ihr zu schlafen, während ihr Ehemann im Auto auf sie wartet.

Bloß wozu das alles, wozu?

Warum dieser Mann mit seinem Geschwätz die Frauen so aus der Fassung bringt, ist unerklärlich. Was LaBute uns damit sagen will auch. Natürlich – die Frauen sind scharfzüngig, ironisch und leiden an gebrochen Herzen. Der Mann hat seine Verlobte, den sicheren Hafen, in den er die nächsten 100 Jahre zurück flüchten kann. Das ist uns alles so bekannt wie die vor Klischees und Standardsätzen starrenden Beziehungsgespräche. Ähnlich wie bei Yasmina Rezas "Gott des Gemetzels" fragt man sich andauernd: Muss ich das sehen? Wir erkennen unsere Lächerlichkeit im Spiegel: ja. Aber bringt uns das Spiel auch nur einen Gran neuer Erkenntnis? Nein.

Das Gefühl gedanklicher wie emotionaler Unterforderung geht voll auf LaButes Konto. Anina La Roche hat getan, was sie konnte. Sie inszeniert flinkes, freundliches Boulevard-Theater im Stile des Londoner Westends. Mit Verfolgungsjagd und einer lustigen Männerfantasie, in der die drei Frauen und ihr Kerl im lila Schummerlicht eine kleine saubere Orgie feiern.

Die Traumsequenz endet, wenn Bobbi (Fabienne Biever) auftritt. Sie, endlich, liest ihrem Ex-Geliebten die Leviten. Sein übertriebnes Winseln, Flehen, Schreien hilft ihm nichts. Bobbi ist längst über ihn hinweg, gegen sie verliert er Spiel, Satz und Sieg. Als Bobby gegangen ist, ruft der Mann seine Verlobte an: "Ich liebe Dich." Und wieder glaubt man ihm kein Wort.

 

Some girl(s)
von Neil LaBute
Regie: Anina La Roche, Bühne: Beni Küng, Kostüme: Sarah Bachmann.
Mit: Ragna Guderian, Grazia Pergoletti, Silvia-Maria Jung, Fabienne Biever, Thomas Mathys.

www.stadttheaterbern.ch

Kritikenrundschau

Auch die Berner Zeitungen zeigten sich angeödet. Im Berner Bund (22.5.2007) schreibt Regula Fuchs: "Regisseurin Anina La Roche, die zuletzt mit Markus Werners "Am Hang" das Stadttheater-Publikum in Scharen angelockt hat, inszeniert behutsam, ja fast etwas brav und lässt vor allem den Text selber sprechen. Der aber sagt immer nur das eine: Neil LaBute lamentiert über den bindungsunfähigen modernen Menschen, der zwar die Wahl hat, dem am Ende aber doch nur die Qual bleibt – denn auch die Liebe ist nur eine Option und das richtige Glück schwierig zu packen."

Und Frank Gerber in der Berner Zeitung (22.5.2007) teilt mit, dass sich Neil LaBute im Programmheft "lang und breit über Schuld und Verrat und Strafe und Verzeihung" auslasse, um dann so fortzufahren: "Die Regisseurin Anina La Roche konnte mit diesem Aspekt des Stücks offensichtlich und glücklicherweise wenig anfangen. Sie serviert "Some Girl(s)" als Boulevardkomödie. … Dem Abend – und vor allem dem Stück – fehlt trotz allem eine Pointe."

 
Kommentar schreiben