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Hinter tausend Stäben

von Valeria Heintges

Zürich, 15. April 2021. "Es beginnt", sagt Regisseurin Leonie Böhm vor Beginn aus dem Schneideraum heraus, "wenn keiner mehr da ist." Einer ist aber doch noch da: Andrej, nennen wir ihn mal so, der Bruder. Der Bruder der "Drei Schwestern", diesem Figurentrio, dem Anton Tschechow mit seinem gleichnamigen Stück und literarischen Sehnsuchtslosungen wie "nach Moskau, nach Moskau" ein Denkmal gebaut hat. 

An diesem denkwürdigen "Streamy Thursday" – wie das Schauspielhaus seine Livestream-Reihe nennt – bleibt in Leonie Böhms Fassung "Schwestern" der Bruder allein zuhause. Denkwürdig ist der Donnerstag, weil am Tag vorher der Schweizerische Bundesrat trotz steigender Infektionszahlen beschlossen hat, die Theater wieder spielen zu lassen – ab kommendem Montag, vor 50 Zuschauern maximal, egal, wie groß die Hütte ist. Der Zuschauerraum des Zürcher Schauspielhauses ist sehr groß. Regelrecht beängstigend riesig sieht er im Video dieses Livestreams aus; furchterregend rot leuchten die vielen leeren Stühle Schauspieler Lukas Vögler entgegen, wenn er da so ganz allein auf der schwarzen Bühne umhergeht. Jaja, da ist auch noch Souffleur János Stefan Buchwardt, und die Kameramänner sind auch da. Und doch wiegt Vöglers Satz "Wie schwer das ist, allein zu sein" hammerschwer und brutal.

Schwestern1 560 Gina Folly uDie Schwere des Daseins: Lukas Vögler trägt sie auf den Schultern © Gina Folly

Er ist reuevoll, auch wenn kein Wort der Entschuldigung fällt. An der Abwesenheit seiner Schwestern trägt er schwer. "Wie schön ihr seid", sagt er. Und: "Wunderbar haben wir hier zusammengelebt." Zurückgeblieben ist ein Einsamer. Er kommt sich vor wie ein Klavier, auf dem keiner spielt und von dem der Schlüssel verloren ging. Doch er sucht und findet Trost, denn er will "arbeiten", gar: "Uns und unsere Gegenwart will ich verarbeiten." Und spätestens bei diesem Stichwort-Verb klingelt es dann doch bei Tschechow-Freunden. Auch wenn sie alle nicht vorkommen, keine Irina, keine Mascha, keine Olga. Und sowieso kein Kulygin, kein Werschinin und kein Tusenbach. Ihre Sätze sind da, ihre Hoffnungen, ihre sich im Hamsterrad drehenden Gedanken und ihre Schwermut, die zuweilen Reigen tanzt mit einem tiefgründigen, fast verzweifelt wirkenden Humor.

Steinbruch mit doppeltem Boden

Leonie Böhm bedient sich an dem Dramentext wie an einem Steinbruch. Sie baut die Sätze ein und um. So entsteht das Lamento eines Schauspielers, dem mit dem Publikum auch der Sinn der Arbeit abhandenkam. Wenn Vögler als Andrej der Zeit mit seinen Schwestern hinterhertrauert, dann trauert ein Schauspieler um seinen Lebenssinn, seinen Daseinszweck. Das ist tragisch und traurig – und gibt Tschechows zuweilen fast abstrus wirkenden Zeilen über die sinnstiftende Kraft der Arbeit einen hochaktuellen Doppelboden.

Verwundet und verwundert

Doch weisen die kurzen 60 Minuten auch über diesen zeitgebundenen Sinn hinaus, ziehen den Fokus auf die ganz großen Fragen: Wer bin ich? Was macht mich aus? Und wer ist es wert, mir Vorbild zu sein? Dass das nicht kitschig wirkt und nicht banal, ist Lukas Vögler zu verdanken, der verwundet und verwundert spielt, sich öffnet, ohne sich zu entblößen. Ihm gelingt im Spannungsfeld zwischen Vergrößerung im Kamera-close-up und der Totalen auf diesen riesigen, leeren Zuschauerraum ein feines und schwebendes Spiel, das sich auch von kalauernden Improvisationen nicht in den Abgrund ziehen lässt.

Schwestern2 560 Gina Folly uBruder, allein zuhaus´ © Gina Folly

Das hat, das muss gesagt sein, auch mit seinem schweigenden, aber unübersehbaren Bühnenkollegen zu tun. Mitten auf das leere Rund hat Sören Gerhardt einen riesigen schwarzen Panther gestellt. Weil nicht nur Tschechow, sondern auch Rilke als Ideengeber dem Theatertext Pate standen. So schleicht sich das berühmte Panther-Gedicht mit seinen "tausend Stäben", "hinter tausend Stäben keine Welt" und vor allem mit "Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht" in Tschechow hinein und wird, von Lukas Vögler vertont und gesungen, auch zur Gänze zu Gehör gebracht. Am Ende behält der Panther das letzte Wort, wenn Vögler in einem quasi suizidalen Akt in dessen Maul kriecht, der Panther seinen Hals und majestätischen Kopf hebt und mit stechend-leuchtenden Augen in den dann völlig dunklen Theaterraum blickt.

Man muss weitergehen

Ein Abend, der seine Premiere im "Streamy Thursday" erlebte, der allerdings auch analog echt großartig wirken wird. Und mit dem sich Leonie Böhm würdig vom Experiment Zürcher Schauspielhaus verabschiedet. Nicht mindestens drei – wie geplant – sondern nur zwei Jahre ist sie geblieben, fand, so sagte sie den CH Media, in den Extremzeiten mit Neuanfang und gleich folgender Pandemie nicht die zu ihr passenden Strukturen. Wie heißt es doch im Stück? "Man muss weitergehen, sonst bleibt alles wie es ist." Und so, wie es derzeit ist, soll es ja bitte wirklich nicht bleiben.

 

Schwestern
Monolog nach Drei Schwestern von Anton Tschechow
Inszenierung: Leonie Böhm, Bühne: Sören Gerhardt, Kostüme: Zahava Rodrigo, Musik: Lukas Vögler, Dramaturgie: Fadrina Arpagaus / Bendix Fesefeldt.
Mit: Lukas Vögler.
Online-Premiere am 15. April 2021
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

Schauspielhaus.ch

 

Kritikenrundschau

"Das Stück 'Schwestern' hat Lukas Vöglers Performance viel zu verdanken. Er erspart dem Publikum schreiendes Pathos ebenso wie aufgesetzte Komik. Stattdessen schafft der Schauspieler mit Lakonie und Melancholie eine sanfte Spannung, einen leichten Fluss, der auch über die gelegentlichen Untiefen des Textes hinwegträgt", schreibt Ueli Bernays von der Neuen Zürcher Zeitung (16.4.2021). "Dass der Monolog immer wieder improvisiert wirkt, ist an sich keine Schwäche. Aber manchmal verheddert er sich in Klischees und schrägen Bildern."

"Es ist eine sehr redliche Arbeit, die ihre sehr schönen Momente hat, aber die grundlegende Geste, dass aus der Depression etwas Neues, Kreatives entsteht, Kunst entsteht – das ist ja die Grundidee des Abends, Reden übers nicht Rauskönnen, aber damit Herauskommen – das schafft er nicht", so Andreas Klaeui vom SRF (16.4.2021).

"Das Wort Corona fällt nicht an diesem Abend. Aber die Verlorenheit des Menschen ohne Gegenüber, der Frust über den Verlust echter Begegnungen, die Betäubung in der Einsamkeit könnte nicht schärfer geschnitten werden als in dieser scheinbar lockeren Sehnsuchts-Logorrhoe", schreibt Alexandra Kedves vom Tagesanzeiger (16.4.2021). "Das ist buchstäblich Jammern auf hohem Niveau – ist konzentriert-krampffreies Streamtheater at its best, brandaktuell und zugleich ohne Anbiederung."

"Schwestern" stellt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (17.4.2021) als "einstündiges Kondensat aller Lockdown-Erfahrungen, gesammelt im Laufe eines Jahres und angereichert mit Tschechows kanonischem Text" vor. Regisseurin Leonie "Böhm gelingt es, klassische Stoffe auf die Bühne zu bringen und gleichzeitig das Nachdenken darüber und die Wesenhaftigkeit der Ausführenden zu thematisieren. Das ist oft umwerfend. Bei 'Schwestern' klappt es nicht so richtig." Das Stück und die "weiche Larmoyanz" der Solofigur künden eher vom "momentanen Theaterelend".