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Furcht verwandeln

von Nora Amin

29. April 2021. In der globalen Geschichte der Performance wird das Jahr 2020 in Erinnerung bleiben als das Jahr der Erkenntnis, dass wir nur überleben, wenn wir uns verändern. Obwohl die Geschichte der Menschheit seit jeher von Veränderung bestimmt ist, war es doch eine neue Einsicht für uns, Transformation im täglichen Leben praktizieren zu müssen. Theatermacher*innen und Tänzer*innen weltweit mussten vermitteln, dass Kunst und Kultur zum menschlichen Immunsystem beitragen und dass es innovative Wege geben muss, an ihnen festzuhalten, um so an der Essenz der Menschlichkeit und Lebhaftigkeit festhalten zu können.

Die Herausforderung, an unserer Menschlichkeit festzuhalten, wurde weltweit zur zentralen Fragestellung vieler künstlerischer Arbeiten. In der ägyptischen Performanceszene standen Fragen im Mittelpunkt öffentlicher Debatten und Diskussionen wie: Was ist Theater? Wie geht man mit digitalen Lösungen als Alternativen zu physischer Präsenz um? Wie geht man mit physischen Restriktionen um? Anstatt den Fokus auf neue Lösungen und den dabei entstehenden kreativen Flow zu legen, verbrachten viele Theatermacher*innen ihre Zeit damit, die Alternativen zu kritisieren und sich über die Bedrohung des Theaters, die mit diesen Alternativen einhergeht, zu beschweren.

Hauptsache, der Betrieb läuft weiter?

In der soziokulturellen Realität Ägyptens, in der alles verhandelbar und – möglicherweise – kompromittiert ist, wurde die Frage, was "notwendig" sei, stets in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. Jene, die aufgrund der Ausgangssperre im März und April 2020 Einkommen verloren, sind der Meinung, dass diese Maßnahmen nicht notwendig gewesen wären. Andere, die die Ausgangssperre zuerst akzeptierten, fragten sich am Ende, ob es wirklich notwendig gewesen wäre, Theater zu schließen, obwohl das Publikum Masken tragen und sich damit sicher fühlen könnte. Solche Fragen stellen die Sicherheit und den "notwendigen" Schutz des menschlichen Lebens in Frage. Trotzdem diskutierten immer noch viele Menschen – manche auch gegenläufig zu den Entscheidungen des Staates –, ob wir wirklich Live-Performances weiter aussetzen sollen und wie lange dieser Zustand noch dauern soll. Stattdessen könnte man sich mit der komplexen Frage auseinandersetzen, wie viel das Leben der Zuschauer*innen wert ist, oder wie sehr diese objektiviert und benutzt werden, um die Maschine am Laufen zu halten.

TheaterbriefAegypten 2021 04 Harem of Fire Taliaa Theatre 560 Courtesy of Nora Amin u"Harem of Fire" am Taliaa Theatre © courtesy of Nora Amin

Vor dem Hintergrund der antiken ägyptischen Zivilisation, die besessen vom Tod war – wie sich eindeutig an der riesigen Menge der Grabmäler, Tempel und Pyramiden ablesen lässt –, scheut sich die gegenwärtige ägyptische Kultur nicht vor dem Umgang mit der Sterblichkeit. Anders als viele Staaten der Welt lebt die ägyptische Gesellschaft mit der täglichen Sterberate durch Covid-19 als normaler Tatsache. Aufgrund einer aufrichtigen Religiosität und einer einzigartigen Resignation angesichts des sogenannten "Schicksals" reagierte die Öffentlichkeit nicht mit Panik auf die Pandemie. Stattdessen schien sich ein neues Feld aufzutun, Möglichkeiten zu verhandeln: Sollten wir auf jeder Ebene weitermachen wie zuvor, oder sollten wir unser Verhalten ändern, um zu retten, was noch zu retten ist? Dieses Aushandeln hat sich auf das Feld des Theaters und des Tanzes ausgeweitet und überschattet nun das eigentliche Thema: die Beziehung zum Zuschauen als Mikrokosmos zu untersuchen, der die öffentliche Haltung zu Menschlichkeit und zur Würde des menschlichen Lebens widerspiegelt. Ein Thema, das die Performance-Szene Ägyptens bereichert hätte, indem es Perspektiven und Diskurse in Bezug auf Bedeutung, Wert und Dynamik des Zuschauens eingeladen hätte. Eine Bereicherung innerhalb einer Kultur des Performativen, die der Position des Zuschauens wenig Bedeutung beimisst, im Gegensatz zur Bühne, die zentraler Ort ist und den Diskurs der Autorität repräsentiert.

Nostalgisches Gefühl des Zusammenkommens

Ähnlich wie in vielen Ländern der Welt wurden in Ägypten die Bühnen der staatlichen Theater während der Ausgangssperre im Frühling und des teilweisen Lockdowns, der sich über die Fastenmonate des Ramadans erstreckte, vorübergehend geschlossen. Die Wiedereröffnung erfolgte im Sommer mit neuen Hygieneregeln. Der Mindestabstand musste eingehalten werden, alle mussten eine Maske tragen und Desinfektionsmittel wurden zur Verfügung gestellt. Die erlaubte Auslastung der Aufführungsräume wurde drastisch verringert, dennoch nahmen Künstler*innen die Arbeit glücklich wieder auf, als ob sie die Existenz der Pandemie leugnen würden, indem sie so taten, als ob sich nichts verändert hätte. Die Kulturministerin Dr. Ines Abdel-Dayem ermunterte dazu, Freiluftaufführungen zu veranstalten, da sie aufgrund der natürlichen und kontinuierlichen Belüftung mehr Sicherheit boten.

TheaterbriefAegypten 2021 04 Hadeed 560 Courtesy of NoraAmin u"Hadeed" der Modern Dance Company an der Oper Kairo © courtesy of Nora Amin

Der Platz vor dem Hanagar Arts Center wurde so zu einem vitalen Bereich für Freiluft-Performances. Die besonderen sommerlichen Wetterbedingungen in Kairo – die normalerweise bis in den Oktober reichen – machten es möglich, ein pulsierendes Programm zu kreieren. Obwohl sich nichts am Inhalt oder Stil der Aufführungen veränderte – die meisten wurden 2019 vor der Pandemie produziert –, weckten die Aufführungen auf dem Gelände der Kairoer Oper das nostalgische Gefühl des Zusammenkommens und die Sehnsucht nach Festlichkeiten. Diese Gefühle erschienen sehr gegensätzlich zur Stimmung der Pandemie, die von Unsicherheit und der Angst vor anderen geprägt ist. Freiluft-Performances 2020 möglich zu machen, erschien wie die Rückkehr zum Lebensatem. Da sie direkt nach der Aufhebung des Lockdowns veranstaltet wurden, schienen sie ein Symbol der Heilung und der Wiederherstellung des Zusammengehörigkeitsgefühls, das durch die Pandemie Risse bekommen hatte.

Hybridität als (teils) ideale Entscheidung

Die Restriktionen, die im Laufe der Pandemie 2020 veranlasst und auf das internationale Reisen ausgeweitet wurden, beeinflussten weltweit alle Theaterfestivals. Wir begannen, die Mobilität, die wir vor der Pandemie genossen hatten, wertzuschätzen. Auch die Kraft der physischen Begegnung zwischen Theatermacher*innen und einem Publikum auf der ganzen Welt wurde wurde neu befragt. Fast alle internationalen Festivals mussten in das Jahr 2021 verschoben oder durch Begegnungen im digitalen Raum ersetzt werden. Das Internationale Festival für Experimentelles Theater in Kairo (CIFET) wählte eine hybride Variante: Die internationalen Aufführungen und Wettbewerbe wurden durch digitale Formate ersetzt, während die ägyptischen Aufführungen als Präsenzveranstaltungen unter den geltenden Hygienebedingungen veranstaltet wurden.

Obwohl die Debatten und Konflikte zu den digitalen Aufführungen immer noch lebhaft geführt werden – eine Seite behauptet, es handle sich bei den digitalen Aufführungen um Filme, während die andere Seite meint, dass die Aufnahmen inszenierte Bühnenaufführungen seien und sich somit von geskripteten Filmen deutlich unterschieden –, kann nicht ignoriert werden, dass die hybride Variante für CIFET eine unumgängliche Entscheidung war. Einerseits war es unmöglich, im September 2020 das Festival mit der physischen Anwesenheit internationaler Gäste abzuhalten, andererseits schien es außer Frage zu stehen, das Festival abzusagen, während so viele internationale Festivals auf digitale Alternativen setzten. Die Hybridität erwies sich als ideale Entscheidung. Die ägyptischen Zuschauer*innen konnten weiterhin ihre Mobilität genießen und den Aufführungen physisch beiwohnen, während das internationale Publikum und die internationalen Künstler*innen über digitale Tools teilnehmen und interagieren konnten. Dennoch spaltete dies die Wettbewerbe und Sektionen des Festivals in digitale Wettbewerbe und Live-Wettbewerbe, letztere allein ägyptisch.

Digitale Kommunikation als Brücke in die Welt

"Jetzt Kunst performen: eine Notwendigkeit?" war der Titel einer eintägigen digitalen Konferenz im Rahmen des CIFET, die Künstler*innen und Wissenschaftler*innen aus Dänemark/Italien, Deutschland, Libanon, Kenia/Kanada, Korea, Marokko und Ägypten vereinte. Ich hatte das Vergnügen, die Konferenz zu konzipieren und zu kuratieren. Adressiert wurden die diversen theatralen Formate, die im Laufe der Pandemie entstanden waren, um auf die neuen Varianten und Konditionen für den Erhalt von Leben reagieren zu können. Kommunikation und Interaktion – obwohl virtuell – wurden als die naheliegendsten menschlichen Modi der physischen Begegnung bekräftigt. In diesem Sinne war die digitale Konferenz eine Möglichkeit, als Brücke in die Welt die Kommunikation und den Austausch mit Theatermacher*innen und Theaterwissenschaftler*innen weltweit zu ermöglichen.

Für manche war die Aussetzung der Aufführungen eine Möglichkeit, sich mit der Geschichte von Privilegien und der Kolonisierung der Bühne auseinander zu setzen. So konnte ein Raum für einen kritischen Diskurs geschaffen werden, der nach der Pandemie ein neues Kapitel der performativen Kulturen unterstützen kann. Obwohl Nullo Facchini (Dänemark), Nina de la Chevallerie (Deutschland) und Omar Abi Azar (Libanon) in voneinander weit entfernten Ländern ansässig sind, teilen die drei den Wunsch, das mächtige Potential von Ritualen innerhalb von Aufführungen zu reflektieren, welches hoffentlich dazu beiträgt, das Gefühl des Zusammenhalts und der menschlichen Verbundenheit nach der Pandemie zurückzubringen. Dies war eine Möglichkeit, das Treffen über die physischen Grenzen eines Konferenzraumes hinaus zu erweitern und auf einem transnationalen Level ein inspirierendes Netzwerk der Unmittelbarkeit und Dringlichkeit zu erschaffen. Diese Gelegenheit ergab sich aufgrund der Beschränkungen für Reisen und öffentlichen Zusammenkünfte – die Offenheit war das Ergebnis von Hindernissen.

Von uns gegangen ist eine ganze Generation

Was die ägyptische Performanceszene derzeit am meisten beschäftigt, ist das Verlustgefühl aufgrund der hohen Zahl von Künstler*innen, die wegen der Pandemie verstarben. Es scheint, als ob eine ganze Generation plötzlich von uns gegangen ist – Theaterlehrer*innen, Pionier*innen der Schauspielkunst, Expert*innen der Theaterregie sowie Akademiker*innen. Weil wir mit Sterblichkeit umzugehen gewohnt sind, hielten wir nicht inne, um zu fragen, was dieser kollektive Verlust für das Gleichgewicht unseres Feldes und für die Dynamik seiner Kontinuität bedeutet. Wir haben auch nicht innegehalten, um wertzuschätzen, dass Theateraufführungen das Verwinden des Verlusts unterstützen können – durch den Zusammenhalt des Publikums und die Möglichkeit, das Ungleichgewicht unserer sozialen Strukturen und die Notwendigkeit menschlicher Würde darzustellen. Am wichtigsten scheint mir jetzt, innezuhalten, zu hinterfragen und unsere Geschichte der Performance, die Positionen des Zuschauens und der Autorität ehrlich zu untersuchen. Insbesondere müssen wir hinterfragen, wie wir uns durch kritischen Diskurs transformieren: wie wir die Gefahr zu sterben in eine Möglichkeit der Wiedergeburt verwandeln – wie wir Furcht in Kreativität umwandeln.

 

Übersetzung: Antonija Cvitic, Redaktion: Antonija Cvitic und Elena Philipp

Hier geht es zur englischen Version: Letter from Egypt – Theatre maker Nora Amin reflects on how the performing arts were challenging the pandemic or succumbing to it.

 

TheaterbriefAegpyten 2021 04 NoraAmin 560 JacobStage uNora Amin © Jacob StageNora Amin ist eine ägyptische Autorin, Performerin, Choreografin, Theaterregisseurin und Wissenschaftlerin. Gründerin des landesweiten ägyptischen Projekts für das Theater der Unterdrückten und seines arabischen Netzwerks sowie der Lamusica Independent Theatre Group, für die sie vierzig Produktionen choreografierte und inszenierte. Fellow der Akademie der Künste der Welt (Köln), Fellow des International Research Centre for Interweaving Performance Cultures und Valeska-Gert-Gastprofessorin für Tanzwissenschaften in Kooperation mit DAAD und AdK (Freie Universität Berlin). Expertin für Kulturmanagement und Mentorin bei PAP/LAFT, sowie bei Flausen+ Bundesnetzwerk. Ihre jüngste Veröffentlichung ist "Tanz der Verfolgten" (MSB, Matthes& Seitz).

 

Dieser Beitrag entstand in einer Kooperation zwischen dem Internationalen Forschungskolleg "Interweaving Performance Cultures" der Freien Universität Berlin (Redaktion: Clara Molau, Antonija Cvitic) und nachtkritik.de.

Bislang veröffentlicht sind Theaterbriefe aus Argentinien und Chile.

 

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