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Eine Bühne den Liebenden

Von Falk Schreiber

Wien / online, 4. Mai 2021. Richard II. gilt als der schlechteste unter den vielen schlechten Königen Shakespeares. Sein Handeln ist erratisch, seine Herrschaft verschwenderisch, die Staatsfinanzen stehen vor dem Bankrott, und als echte Probleme auftreten, so etwas wie politischer Wettbewerb etwa, gibt er sofort klein bei und macht den Thron frei für einen Populisten, Heinrich IV., der den Weg zum Blutvergießen der "Rosenkriege" ebnen wird. Gleichzeitig ist Richard bei Shakespeare aber auch: ein tragischer Träumer, der überfordert ist von den Zwängen des Regierens. Ein Träumer, so inszeniert Johan Simons ihn im Wiener Burgtheater.

In langen Winternächten...

Auf den ersten Blick fehlen dem kurz vor der Wiedereröffnung der österreichischen Bühnen am 19. Mai zur Premiere gekommenen und deswegen als Livestream gezeigten Abend die Eigenarten des Simons-Theaters: Es gibt wenig forcierten Minimalismus jenseits der Ausstattung von Johannes Schütz (Bühne) und Greta Goiris (Kostüme), die Tendenz zu Wiederholung und Entkörperlichung, die man von vielen Arbeiten des Regisseurs kennt, ist zurückgenommen, über weite Strecken hält sich die Inszenierung eng an die Fassung Thomas Braschs und bringt das Stück in gut zwei Stunden zum drastischen Ende. Klassikertheater also, weit weg von Arbeiten wie Hamlet oder Penthesilea, mit denen Simons einen ganz neuen Blick auf kanonisierte Stücke durchexerzierte. Hier nimmt ein Theatermacher, der während der vergangenen Jahrzehnte eine singuläre Sprache entwickelt hatte, eine Vorlage augenscheinlich sehr ernst, hier will er etwas an einem Stück zeigen, und dafür nimmt er seine Regiesprache zurück. Und Simons zeigt: eben nicht die Parabel auf Politikunfähigkeit, die "Richard II." auch sein kann, die Erstarrung eines Systems, die sich nur um den Preis der Selbstzerstörung lösen kann. Sondern ein Liebespaar.

RICHARD II. von William Shakespeare Deutsch von Thomas BraschSaison 2020/21BurgtheaterRegie: Johan SimonsBühne: Johannes SchützKostüme: Greta GoirisMusik: Mieko SuzukiLicht: Friedrich RomDramaturgie: Sebastian Huber, Koen TacheletKönig Richard II.: Jan BülowKönigin Isabel: Stacyian JacksonJohann von Gaunt/dessen Geist: Martin SchwabHeinrich Bolingbroke, sein Sohn: Sarah Viktoria FrickHerzog von York: Oliver NägeleHerzogin von York: Sabine HauptAumerle, deren Sohn: Bardo BöhlefeldBushy: Falk RockstrohNorthumberland: Johannes ZirnerPercy, sein Sohn: Lukas HaasThomas Mowbray, Herzog von Norfolk: Gunther EckesShakespeares schlechtester König? Jan Bülow als Richard II. © Marcella Ruiz Cruz

Jan Bülow als Richard und Stacyian Jackson als Königin Isabel sind ein Paar, wie man es selten auf Bühnen sieht. Sobald die beiden eine Szene miteinander haben, blenden sie die Umstehenden aus, agieren nur noch mit- und füreinander, mal eng umschlungen, mal gefangen in einer ununterbrochenen Berührung. Hier ein unbewusstes Streicheln, dort ein kurzes Handhalten, es ist wunderbar, das zu beobachten, gerade in Zeiten des Kontaktverbots. Und es zeigt eine Alternative, die Richard freilich nie offensteht: Der wäre gerne ein Liebhaber gewesen, und dass er die Königswürde sofort abgibt, als sich ihm die Gelegenheit bietet, ist folgerichtig. Wenn auch ein bisschen dumm – retten wird ihn das natürlich nicht. Isabel bleibt in jedem Fall nur, seine Ermordung zu dokumentieren: "Sitz' in langen Winternächten am Feuer und erzähl' meine traurige Geschichte!“, verabschiedet sich ihr Mann von ihr. Er weiß schon, was ihm blüht.

Genaue Figurenarbeit

Vor dieser berührenden Liebesdarstellung werden die übrigen Figuren zu Talking Heads, deren Motive schal wirken. Das digitale Programmheft führt dabei auf eine falsche Spur: Ein Gespräch zwischen Dramaturg Sebastian Huber und Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke verweist darauf, dass es hier um die Legitimität von Herrschaft gehen könnte, aber als Falk Rockstrohs Bushy hierzu passende Fragen aufwirft, erweist er sich als langweiligste Figur des ganzen Stücks, als Prinzipienreiter, der Diskurse führt, die längst niemanden mehr interessieren. Am allerwenigsten Regisseur Simons.

Der findet aber nicht nur für Richard und Isabel einleuchtende Bilder, auch einige Nebenfiguren bekommen hübsche Szenen: Sarah Viktoria Frick als Heinrich und Gunther Eckes als Mowbray, zwei Kontrahenten, die sich in knurrende Bestien verwandeln. Oliver Nägele als Herzog von York, der den in einen lächerlichen Krieg gezogenen Richard vertritt und an den eigenen moralischen Ansprüchen scheitert. Bardo Böhlefeld, der den Verschwörer Aumerle als windschnittigen Hipster-Konservativen zeichnet. Das sind darstellerische Miniaturen, die andeuten, wie genau hier an den Figuren gearbeitet wurde.

RICHARD II. von William Shakespeare Deutsch von Thomas BraschSaison 2020/21BurgtheaterRegie: Johan SimonsBühne: Johannes SchützKostüme: Greta GoirisMusik: Mieko SuzukiLicht: Friedrich RomDramaturgie: Sebastian Huber, Koen TacheletKönig Richard II.: Jan BülowKönigin Isabel: Stacyian JacksonJohann von Gaunt/dessen Geist: Martin SchwabHeinrich Bolingbroke, sein Sohn: Sarah Viktoria FrickHerzog von York: Oliver NägeleHerzogin von York: Sabine HauptAumerle, deren Sohn: Bardo BöhlefeldBushy: Falk RockstrohNorthumberland: Johannes ZirnerPercy, sein Sohn: Lukas HaasThomas Mowbray, Herzog von Norfolk: Gunther EckesIm Bühnengehege von Johannes Schütz: Stacyian Jackson, Jan Bülow, Johannes Zirner © Marcella Ruiz Cruz

Weniger genau geht Simons mit den Eigenarten des Streamings um. Dieser "Richard II." ist eindeutig für die Bühne gebaut, der durchaus kunstfertige Kameraeinsatz (Bildregie: Moritz Grewenig) versucht zwar, spannende Bilder zu finden, bleibt aber der Inszenierung fremd. Was nicht heißen soll, dass dieser Abend keine Schauwerte hätte – in den Totalen und in der Draufsicht etwa kommt Schütz' spröde Gerüstbühne optimal zur Geltung. Dagegen wirkt die Konzentration auf einzelne Spieler:innen seltsam unmotiviert, insbesondere zu Beginn sorgen schnelle Schnitte auch noch für eine gewisse Konkurrenz zwischen Bildern und Regie. Zudem scheint die Übertragungsqualität nicht optimal zu sein, immer wieder verschwimmt das Bild in Pixeln, wird der Ton indifferent, was freilich auch am Empfang liegen kann – dem Abend jedenfalls tut es nicht gut.

Als Online-Veranstaltung ist "Richard II." also nur eingeschränkt zu empfehlen. Falls aber in naher Zukunft Theater wieder mit körperlich anwesendem Publikum möglich sein sollte, dann formuliert diese Inszenierung auch eine Sehnsucht: dass man sich fragt, ob solch ein kluger, konsequenter Zugriff auf einen Stoff tatsächlich nichts verliert, wenn man ihn ins Netz transferiert.

 

Richard II.
von William Shakespeare, Deutsch von Thomas Brasch
Regie: Johan Simons, Bühne: Johannes Schütz, Kostüme: Greta Goiris, Musik: Mieko Suzuki, Licht: Friedrich Rom, Dramaturgie: Sebastian Huber / Koen Tachelet.
Mit: Bardo Böhlefeld, Jan Bülow, Gunther Eckes, Sarah Viktoria Frick, Lukas Haas, Sabine Haupt, Stacyian Jackson, Oliver Nägele, Falk Rockstroh, Martin Schwab, Johannes Zirner.
Premiere im Stream am 4. Mai 2021
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

In der Süddeutschen Zeitung beschreibt Egbert Tholl () Regisseur Simons als "selten ein Freund der überbordenden, äußeren Bühnenaktion. Er sucht lieber nach der Musikalität eines Textes." Prominent im Fazit ist die Sehnsucht nach analogem Theater: "Ach, wie gerne wäre man da dabei gewesen. In ihrer digitalen Form ist die mit viel Aufwand, aber letztlich sehr nüchtern abgefilmte Aufführung ein hartes Stück trocken Brot, das hungrig macht auf die baldige Öffnung der Theater." Als eine zeitlang faszinierend, aber dann doch recht ermüdend beschreibt der Rezensent den Abend - und säumt es dennoch nicht, die Simonsschen Qualitäten zu loben, die hier durch ein erlesenes Ensemble zur Geltung kommen.

Im Standard lobt Margarete Affenzeller (online, 5.5.2021, 14:59Uhr) Jan Bülow in der Titelrolle:  "Der auf einem bemerkenswerten Grat zwischen Ratlosigkeit und Manöverstress gespielte König hingegen markiert hier (Übersetzung Thomas Brasch) die Leerstelle zwischen Mensch und Amt." Auch sonst spiele die Inszenierung "mit unkonventionellen Machtgesten. Allen voran Sarah Viktoria Fricks Bolingbroke. Als Richards größter Widersacher markiert sie in kecker Pumphose und jenseits aller Männlichkeitsmasken die allergrößte Überlegenheit durch gespenstische Wurschtigkeit, durch Verstellungskunst und herablassende Verspieltheit." Die Kameras seien unzufriedenstellend, um die Nuancen dieser "feingliedrigen Inszenierung" einzufangen.