Der Teufel möglicherweise

von Sascha Westphal

Bochum / online, 8. Mai 2021. Es beginnt mit einer Außenansicht des Bochumer Schauspielhauses in all seiner architektonischen Majestät. Dann schwebt die Kamera durch das leere Foyer und fängt die bildungsbürgerliche Atmosphäre ein, die dieses Theatergebäude verströmt mit seinen geschwungenen Wänden, den schmalen Säulen, dem riesigen Kronleuchter im oberen Foyer, in dem nun ein Wellblechbau steht, die sogenannte "WeltHütte", die einst Anna Viebrock für eine Triennale-Inszenierung entworfen hat.

Es lässt sich viel über den Weg sagen, den die Kamera und mit ihr auch das Publikum nimmt. Er erzählt eine Geschichte vom Glanz und von den Gewissheiten der 1950er Jahre, von Wiederaufbau und Wirtschaftswunder. Vor allem erzählt diese Kamerafahrt jedoch von dem Glauben, dass es immer so bleiben würde, und davon, was von diesem Glauben übriggeblieben ist. Die "WeltHütte" als Symbol einer anderen Wirklichkeit, die im Innern der Nachkriegsträume gewachsen ist.

Mitten unter uns

Begleitet wird diese Kamerafahrt nicht von Sätzen aus Sibylle Bergs Stück über einen namenlos bleibenden Mann mittleren Alters. Aus dem Off erklingt stattdessen eine kurze Passage aus Joseph Roths "Der Antichrist". "Der Antichrist ist gekommen", flüstert Bernd Rademacher und fährt fort: "Schon wohnt er mitten unter uns, in uns selbst." Damit ist in gewisser Weise schon alles über den Mann gesagt, den Rademacher im Folgenden spielen wird.

Viel gut essen 4 560 c birgit hupfeldHier dampt es am Herd: Bernd Rademacher in "Viel gut essen" © Birgit Hupfeld

Roths bittere, 1934 veröffentlichte Abrechnung mit den (Klein-)Bürgern der Welt, die in den 1930er Jahren eine apokalyptische Menschheitsdämmerung nicht nur geschehen ließen, sondern regelrecht vorangetrieben haben, wird zum Schlüssel, der Bergs Stücks aufschließt. So unterläuft die junge Regisseurin Anna Stiepani das Identifikationsangebot, das Sibylle Berg dem Publikum durchaus macht.

Vorliebe für Bio-Zutaten

"Viel gut essen" ist ein perfider Text, der einen zunächst auf die Seite des Mannes zieht, der einsam in seiner Küche steht und ein opulentes Menü für seine Frau und seinen Sohn kocht. Es gibt zwar frühe Wahn- und Warnsignale. Aber dieser nicht mehr ganz junge Mann, der eine Vorliebe für gutes Essen und exquisite Bio-Zutaten hat, kommt einem vertraut genug vor, dass es leichtfällt, sie zu ignorieren.

Erst mit der Zeit wird offensichtlich, dass er die Familie und das Leben, von dem er erzählt, längst verloren hat und sich nun in seinem Hass auf eine Welt, die er nicht mehr versteht, in Phantasien eines nahenden Kriegs ergeht. Die Homophobie, der Rassismus und der Antisemitismus schleichen sich nach und nach in diesen Monolog eines Mannes, wie es so viele gibt. Männer, die ihrem Zorn im Netz Luft machen und die es nicht unbedingt bei Worten belassen.

Viel gut essen 5 560 c birgit hupfeldEinen Hinkefuß hat der moderne Antichrist nicht mehr, aber vielleicht einen teuren Küchenblock © Birgit Hupfeld

Anders als Sibylle Berg, die mit ihrem Stück tief ins Innere dieses Mannes eindringt, blickt Anna Stiepani bewusst von außen auf ihn. Der größte Teil des Textes erklingt als Voice-over, dessen Lügen und Halbwahrheiten die Bilder des Films konsequent entlarven. Während Bernd Rademacher über das Kochen spricht, sieht man, wie er in einer Slapstick-artigen Darbietung eine Packung Mehl verschüttet. Hier macht sich jemand etwas vor, über Kochkünste und über sein gesamtes Leben. Die Form des Films ermöglicht Stiepani dabei, ihren Protagonisten zu verdoppeln.

Dialog mit sich selbst

Erst sind es Schnitte, die ein Spiel mit der Zeit und dem, was wir sehen, offenbaren. In einem Moment trägt Bernd Rademacher eine grüne Küchenschürze, im nächsten wieder nicht. Später wird offensichtlich, was eigentlich von Anfang an zu erahnen war. Dann sieht man Bernd Rademacher, wie er vor der Welthütte sitzt und sich dabei beobachtet, wie er das Essen zubereitet. Dieser Mann hat niemanden mehr. Sein ganzes Leben ist ein einziger nicht wollender Dialog mit sich selbst.

Viel gut essen 2 560 c birgit hupfeldEin Verlorener, aber mit Hang zum Clownesken © Birgit Hupfeld

Rademacher spielt diesen Verlorenen, der sich selbst immer weiter aufputscht, mit einem deutlichen Hang zum Clownesken. Er lässt keinen Zweifel daran, dass seine Figur im Grunde etwas Lächerliches hat. Aber diese Lächerlichkeit lädt nie zum Lachen ein. Sie ist vielmehr bedrohlich, weil der Namenlose seine eigene Situation verkennt und sich so fortwährend radikalisiert.

Während Bergs Stück das Publikum einlädt, sich in dem Mann wiederzuerkennen, um sich dann schließlich in Grausen abzuwenden, laden einen Stiepani und Rademacher einen, die Welt in diesem Mann und diesem Text zu erkennen. In der zitierten Passage von Roths "Der Antichrist" heißt es auch, dass die Menschen ihn nicht erkennen, weil der Teufel nicht wie im Märchen mit Hörnern, Hinkefuß und Schwefeldampf auftritt.

Kamera- und Gedankenfahrt

Der Teufel, das ist für Roth ein jeder, der dem Faschismus Tür und Tor öffnet. In diesem Sinne spielt Bernd Rademacher den erneut zurückkehrenden Antichristen. Er ist der Teufel möglicherweise und ganz sicher einer von uns. Im letzten Teil des Films hat er neben einem Megaphon auch einen Speer und eine Kopfbedeckung mit Hörner dabei. Ein vertrautes Bild. So ist Jake Angeli, der selbsternannte QAnon-Schamane am 6. Januar dieses Jahrs durch das US-Kapitol gezogen. Vielleicht ein zu offensichtliches Bild, aber eines, das eine große Kraft hat.

Stiepanis Inszenierung gleicht der Kamerafahrt, mit der sie beginnt. Ihr Film erweitert Bergs Stück über den Hass der abbröckelnden bürgerlichen Mitte. Er gleicht einer Gedankenfahrt aus den 1930er Jahren über das "Nie wieder" der 1950er Jahre, das sich so mächtig in das Gebäude des Bochumer Schauspielhauses eingeschrieben hat, in unsere Gegenwart, in der die westliche Demokratie kaum standhafter wirkt als eine Wellblech-Welthütte.

 

Viel gut essen
von Sibylle Berg
Regie: Anna Stiepani, Bühne: Lan Anh Pham, Kostüme: Lasha Iashvili, Dramaturgie: Vasco Boenisch.
Mit: Bernd Rademacher.
Dauer: 50 Minuten

www.schauspielhausbochum.de

 

Die von Anna Viebrock entworfene Spielstätte Welthütte des Bochumer Schauspielhauses wurde am 2. Mai 2021 mit Liebe. Eine argumentative Übung von Sivan Ben Yishai eröffnet.

 

 
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