Anstand in schweren Zeiten

von Lutz Hübner

Mai 2020. Der Preis der Deutschen Theaterverlage wird im Normalfall an Theater verliehen, die sich durch interessante Konzepte, mutige Spielplanentscheidungen und engagierte Zusammenarbeit mit Autor*innen und Komponist*innen hervorgetan haben. Was den 'Normalfall' zu einer nostalgischen Erinnerung gemacht hat, ist bekannt und damit auch, was aus all den Konzepten und Plänen der Theater und Opernhäuser geworden ist. Um Brecht zu zitieren: Ja mach nur einen Plan, sei nur ein großes Licht und mach dann noch nen zweiten Plan, gehn tun sie beide nicht ... und das hat, was die Kulturszene betrifft, nicht nur mit einem Virus zu tun, sondern auch damit, welchen Stellenwert die Politik der Kultur zumisst, da gehen die Solidaritätsadressen über ein wehmütiges Bedauern oft nicht hinaus, ansonsten sind Kulturverbote ein probates Mittel, Entschlossenheit zu simulieren, wenn man sich nicht traut, den Big Playern der Industrie Vorschriften zu machen.

Natürlich gab und gibt es Politiker*innen, die leidenschaftlich für die Kultur kämpfen, unbestritten, aber es ist deprimierend, wenn solch leidenschaftliches Engagement die löbliche Ausnahme ist. Es sollte der Normalfall sein.

HuebnerLutz SceenshotLaudator Lutz Hübner bei der Preisverleihung am 20. April 2021 im Grips Theater. Screenshot der Aufzeichnung des Livestreams
Wobei man präzisieren muss: Die Kulturinstitutionen wurden irgendwann unterstützt, freiberufliche Künstler*innen jedoch sehr lange ignoriert, weil der Arbeitsbegriff der Regierung aus Zeiten stammt, wo Arbeit bedeutete, morgens in die Fabrik oder ins Büro zu gehen. Solo-Selbstständige kommen in dieser Definition von Wirtschaft nicht vor und es spricht einiges für die Vermutung, dass der selbstständige Kulturschaffende insgeheim immer noch als die lustige Grille mit der Fiedel gesehen wird, die den ganzen Sommer zum Tanz aufspielt, während die Ameise schuftet. Nun bekommt die Ameise Kurzarbeitergeld, die Grille versetzt ihre Fiedel und darf Hartz 4 beantragen. So weit, so trostlos.

Leider muss man die Schraube noch eine Windung weiterdrehen, denn die Theater, die verwaltungstechnisch als Ameisenhügel gelten, haben die Grillen, vulgo die Solo-Selbständigen, ebenfalls lange vergessen, und das schmerzt, denn hier sollte sich eigentlich herumgesprochen haben, dass Freiberufler*innen ein genuiner Bestandteil des Betriebes sind, hier kann es nicht an kleinbürgerlicher Verachtung und Vorbehalten liegen, dass Autor*innen und Komponist*innen vergessen wurden

Einen Theatertanker durch schwere See zu manövrieren, ist eine Herausforderung, die volle Konzentration erfordert, keine Frage, aber wenn man in einem Schlauchboot in Rufweite des Tankers absäuft, fällt es manchmal schwer, Verständnis und Mitgefühl für die gestressten Kapitäne zu entwickeln.

HuebnerLutzTotale ScreenshotLob für die Ausnahme: Laudator Lutz Hübner im Livestream –  (ca. ab Minute 56).

Ein Theater lebt in allen Bereichen auch von der Arbeit der Selbstständigen und sollte deshalb schon im eigenen Interesse nicht nur die eigene Mannschaft im Blick haben, sondern alle, die dafür sorgen, dass der Pott immer Wasser unterm Kiel hat. Zum Beispiel durch neue Theaterstücke und Opern, in denen ein Publikum darüber nachdenken kann, was ihnen in den letzten anderthalb Jahren gesellschaftlich und persönlich widerfahren ist und widerfährt.

Damit diese Werke entstehen können, müssen Autor*innen und Komponist*innen freiberuflich arbeiten, sonst wird das nichts, es geht nicht anders. Diese Menschen haben sich vielleicht diesen Beruf ausgesucht, und ja, es ist klar, dass dieser Beruf wenig Sicherheiten bietet. Darauf sind Freiberufler eingestellt, jedoch nicht auf eine Pandemie, die ihnen jegliche ökonomische Grundlage entzieht und damit einem Berufsverbot gleichkommt. Dennoch nannte ein Stuttgarter Gericht diesen Umstand kürzlich das "Lebensrisiko, dass man nun mal eingehe", weshalb Kulturschaffenden eine verpflichtende staatliche Entschädigung nicht zustehe. Das Lebensrisiko eines Daimleraktionärs, seine Dividende in einem Geschäftsjahr nicht zu erhalten, wurde dabei nicht besprochen.

Festzuhalten ist auch: Es gab und gibt Theater, die leidenschaftlich für ihre Autor*innen und Komponist*innen gekämpft haben, auch hier ein Lob für die Ausnahme, die der Normalfall sein sollte, nämlich unbürokratische empathische Unterstützung in Kenntnis der Tatsache, dass Autor*innen und Komponist*innen das volle Risiko tragen. Eine ausgefallene Vorstellung bedeutet für einen fest angestellten Schauspieler einen freien Abend und einem Regisseur kann es egal sein, ob seine Inszenierung dreimal oder dreihundertmal gespielt wird, das ändert nichts an seiner Regiegage. Für Autor*innen bedeuten ausgefallene Vorstellungen und geschlossene Theater: Reserven aufbrauchen, Fiedel verkaufen.

HuebnerLutzProfil Screenshot"Das Grips Theater war immer ein Autorentheater." 

Es sei denn, man arbeitet an Häusern, die das im Blick haben und damit kommen wir endlich zum Grips Theater und der geheimnisvollen Post, die seine Autor*innen bekommen haben. Hier wurden ihnen zeitnah Abschläge auf die Tantiemen der ausgefallenen Vorstellungen bezahlt. Das taten auch vereinzelt andere Häuser, das Schauspiel Frankfurt sei hier als Beispiel erwähnt, aber gerade für ein kleines Haus wie das Grips mit einem vergleichsweise bescheidenen Etat bedeutet das finanziell und organisatorisch einen größeren Kraftakt, der nicht genug zu loben ist.

Das Grips Theater war immer ein Autorentheater, es ist die Gründung eines Teams unter Federführung eines Autoren, ein Haus, das immer auf neue Texte, auf politische Themen und gesellschaftliches Engagement gesetzt hat. Nun beweist es mit der für die Autor*innen geleisteten Hilfe, dass es dieses Theater ernst meint mit der Achtung vor ihrer Arbeit.

HuebnerLutz Nah Screenshot" ... das einzige Theater, das auf diese Anfrage überhaupt reagierte ..."  

Das zeigt sich auch bei einem weiteren Akt der Solidarität, der die Jury dazu veranlasste, diesen Preis dem Grips Theater zuzuerkennen: Als im Oktober letzten Jahres in Berlin ein Theater gesucht wurde, das seine Räumlichkeiten einer Gruppe von Theaterautor*innen zur Verfügung stellt, damit ein Verband der Theaterautor*innen, kurz VThea, gegründet werden kann, war das Grips das einzige Berliner Theater, das auf diese Anfrage überhaupt reagierte, sofort zusagte, das Theater, die Logistik, inklusive Hygienekonzept, zur Verfügung stellte und als vorbildlicher Gastgeber die Gründung zu besten Bedingungen ermöglichte.
Der VThea versucht, die Lehren aus den vorhin beschriebenen Missständen zu ziehen.

Wir müssen, gemeinsamen mit dem Verband Deutscher Bühnenverlage, Strukturen schaffen, die Autor*innen und Komponist*innen als Teil des Betriebes eine Verhandlungsposition geben, nicht nur den Theatern gegenüber, sondern auch gegenüber einer Politik, die endlich begreifen muss, dass eine Gesellschaft nach traumatischen Erfahrungen nur gesunden kann, wenn es Orte gibt, wo diese Erfahrungen verhandelt werden. Dafür braucht es Geschichten, die jemand schreiben muss und Menschen, die sie auf die Bühne bringen.

Es muss und wird an anderer Stelle ein Loblied auf die großartige Arbeit des Grips Theaters als Bühne für Uraufführungen gesungen werden. Der Berliner Kindertheaterpreis in Zusammenarbeit mit der GASAG ist ein herausragendes Beispiel dieses Engagements.

HuebnerLutzGratukation Screenshot"Gratulation!" 
Den Preis der Deutschen Theaterverlage 2020 bekommt das Grips für seinen Anstand in schweren Zeiten, denn so haben wir diesen Sonderpreis etwas altfränkisch definiert, als "Preis für Anstand", – in der Hoffnung, dass dieser Anstand als Ausdruck solidarischen Verhaltens in hoffentlich nicht allzu ferner Zeit zum Normalfall wird.

Ich gratuliere im Namen der Jury.

 

Lutz Hübner, 1964 in Heilbronn geboren, ist Dramatiker. In der Werkstatistik des Deutschen Bühnenvereins erscheint er regelmäßig als einer der meistgespielten Gegenwartsdramatiker auf deutschen Bühnen. Bekannt wurde er für seine, an ein jugendliches Publikum gerichteten Stücke wie "Das Herz eines Boxers", für das er 1998 den Deutschen Jugendtheaterpreis erhielt. Seit 2001 entstanden zahlreiche Stücke in Kollaboration mit Sarah Nemitz, mit der Hübner seit 1994 verheiratet ist.

Die Laudatio wurde am 20. April 2021 im Berliner Grips Theater gehalten. Die Verleihung des Preises der Deutschen Theaterverlage an das Grips Theater fand im Rahmen der Verleihung des Berliner Kindertheaterpreises statt. Die Aufzeichnung der gesamten Veranstaltung ist hier abrufbar. Lutz Hübners Rede beginnt ca. ab Minute 56.
Die Fotos im Text sind Screenshots der Aufzeichnung.

 

Meldung: Deutsche Theaterverlage zeichnen Grips Theater aus (11/2021)

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