Geschichten von Mut und Mobbing

14. Mai 2021. In der Süddeutschen Zeitung sammelt Sonja Zekri noch einmal Stimmen zum Fall Maxim Gorki Theater. Dort war Intendantin Shermin Langhoff Machtmissbrauch vorgeworfen worden. "Wenn man sich umhört unter denen, die nah, näher und am nächsten dran sind, dann vernimmt man Geschichten des Wachsens und Mutmachens, aber auch von Mobbing, man erfährt von Ermächtigung und Leidenschaft, aber auch von Machtmissbrauch", schreibt Zekri.

Die Auseinandersetzungen seien mehr als ein Binnenkonflikt. Von den Machtmissbrauchs-Konflikte der letzten Zeit hätte der am Gorki "die höchste Fallhöhe" – "weil das Gorki Flaggschiff und Symbol einer sich wandelnden Gesellschaft war, in der die Theater weit hinterherdümpeln", so Zekri, als "Leuchtturm der Diversität, queer, woke avant la lettre". "Shermin Langhoff, ausgerechnet", Erfinderin des postmigrantischen Theaters, Bundesverdienstkreuzträgerin: "Die Genugtuung derjenigen, die die Kritik an der weißen, männlichen Monokultur an der Spitze der Theater ohnehin schwer überzogen finden, ist mit Händen zu greifen."

Aufarbeiten oder zur Ruhe kommen?

Vom Statement des Gorki, das vor knapp einer Woche veröffentlicht wurde, unterzeichnet vom Ensemble, dem künstlerischen Advisory Board und Shermin Langhoff, fühlten sich Einzelne ausgeschlossen, so Zekri, darunter auch die Gewerke: "Bei einer Betriebsversammlung schwankte die Stimmung zwischen der Forderung nach Aufarbeitung der Vorfälle und dem Wunsch, zur Ruhe zu kommen". Seit dem ersten Spiegel-Artikel seien 40 Beschwerden beim Personalrat eingegangen, heiße es aus dem Haus, seit der Veröffentlichung des gemeinsamen Statements seien es noch mehr geworden.

Auch Fürsprecher*innen nennt der Artikel: Die Autorin Sibylle Berg, die dem künstlerischen Advisory Board angehört und deren Stücke am Gorki gespielt werden, komme in der ganzen Debatte die bahnbrechende Leistung Shermin Langhoffs zu kurz. Sie vermute ein "latentes Misstrauen der weißen Mehrheitsgesellschaft hinsichtlich der Erfolge einer nicht-weißen Erneuerin", so die SZ. Unter denjenigen, die sich für Shermin Langhoff aussprechen und den aktuellen Machtmissbrauchsvorwürfen nicht zustimmen können, sind u.a. die Schauspieler Till Wonka, Aleksandar Radenković und Benny Claessens, der seit zwei Jahren als Gast am Gorki arbeitet und den die SZ zitiert: "Es stehen Vorwürfe im Raum, die ich für mich persönlich nicht bestätigen kann. Ich habe das nie so erlebt."

Da war was

"Aber selbst die engagiertesten Verteidiger Shermin Langhoffs geben zu: Da war was", so Zekri. "Niemand möchte sich dem Vorwurf aussetzen, er schiebe die Schuld für die Mobbingerfahrungen den Opfern zu (victim blaming) oder nehme sie womöglich nicht ernst (victim shaming)." Shermin Langhoff selbst sei "über die verfahrene Situation ‚extrem unglücklich‘, sagen die einen, sie sei nach wie vor ‚kompromisslos‘, die anderen. Wieder andere sagen, sie habe viel an sich gearbeitet". Die Intendantin selbst sage nichts, sie wolle erst einmal Ruhe in ihr Haus bringen.

Auch Kultursenator Klaus Lederer schweige, lasse auf eine Interviewanfrage ausrichten, dass er "keinen Termin" finde. In der Berliner Zeitung veröffentliche er einen langen Gastbeitrag über Machtmissbrauch am Theater, in dem das Gorki-Theater nicht erwähnt werde, "und doch liest es sich wie eine Warnung". "Hubertus Knabe, den konservativen Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen, konnte Lederer gar nicht schnell genug loswerden, schimpfen konservative Stimmen in der Hauptstadt, an Langhoff hingegen halte er fest", schreibt Zekri. "Aus linker Klüngelei oder um sich bis zur Wahl im Herbst zu retten, oder, ein besonders perfider Vorwurf, weil sie eine Frau ist."

Gescheitert sei das Experiment Gorki nicht, so "ein kenntnisreicher Insider": "Wir haben es anfangs so gut und so anders gemacht“, zitiert ihn die SZ. „Wir haben erlebt, dass unser Theater möglich ist. Und dass es erfolgreich sein kann."

(Süddeutsche Zeitung / eph)

 

Mehr zum Thema:

Interview mit Berlins Kultursenator Klaus Lederer vom 12. Mai 2021.

Meldung zu den Recherchen des Spiegel und zur Klage einer Dramaturgin vor dem Berliner Bühnenschiedsgericht.

Christian Koch und Hartmut Welscher über den reformbedürftigen Machtbegriff am Theater.

 
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