Achtelherz unterm Knochenhimmel

von Christoph Fellmann

Luzern, 26. Oktober, 2008. Es gibt eine ganz, ganz leise Klaviermusik im Reiche Popo, die so gepflegt dahinperlt, als untermale sie das Geschehen am Hof seit tausenden von Jahren. Es gibt einen längst verdämmerten Staatsrat und einen König, den nur noch ein Anzug von fossilem Violett sowie eine dicke Schicht von Puder überhaupt im Leim halten. Ach, es ist bereits entsetzlich lange so, dass das Geschehen am Hof nur noch geschieht. Der Ennui als letzte Staatsraison.

Da fällt der Selbst-, Zweit- und Drittekel natürlich leicht. Gerade dem Leonce, dem jungen Prinzen des Hauses. Seine Haut ist blass, seine Augen sind schwarz gerandet, und er redet existenzialistisches Zeug. Ein klarer Fall von Emo, dieser Jugendkultur, in der es nur einen kurzen Gedankenflug bedeutet vom Lidschatten zur Todessehnsucht und zurück. Samuel Zumbühl spielt Leonce in Luzern sehr schön als chic zerrütteten und souverän blasierten Jüngling, der so melodramatisch wie ungefähr mit Liebe, Revolution und Tod kokettiert. Sein Selbstmordversuch ist nicht mal halb-, allenfalls achtelherzig.

Das Protokoll ist stärker

Im Grunde genommen, zeigt Andreas Herrmann in dieser Inszenierung von Georg Büchners "Lustspiel", fühlt Leonce ja das gleiche wie sein Vater, bloß 40 Jahre später. Nicht, dass er das schon wüsste, aber er wird es, wie man weiß, im Verlaufe der zweieinhalb Stunden erfahren. Und er wird wie sein Vater lernen, wie man sich im Leben einrichtet mit so einer Todessehnsucht.

"Leonce und Lena" ist eine ganz und gar tragische Komödie. Ja, man könnte sie schwarz und zynisch nennen: Ist es doch die Liebe, die zwei junge Leute zusammen und soweit auch ins Happy End, vor allem aber zurück in den Schoß der bürgerlichen Konvention führt. Das ist schon sehr schlau: Der König verheiratet zwei Automaten, um dem Protokoll zu genügen. Doch die Automaten, das sind nur die zwei jungen, dummen, verkleideten Betrüger, die dem Protokoll entkommen wollten. Das Protokoll ist stärker, und die Betrüger sind in Wahrheit die Automaten, die es erfüllen. Das nennt man noch eine Moral von der Geschicht'. Aber Andreas Herrmann macht das sehr klug: Er übergibt seinen Büchner, übergibt seine Figuren ganz der Ausweglosigkeit und schafft so – wirkungsvoll unterstützt durch die Musik von Jacob Suske – eine dichte, aber auch leise ironische Atmosphäre des großen Weltennuis. Darin aber lässt er dann seine Schauspieler ganz leicht und verspielt agieren.

Hysterisch gelangweilt

Und Herrmann hat für sein Ensemble viele kleine Kabinettstückchen eingerichtet, die das bekannte und ja auch etwas wohlfeile Stück zu einem zeitgenössischen Abend machen, in dem es in der Tat viel zu lachen gibt: Die zwei Kammerdiener (Jeanne Devos, Newa Grawitt), die hoch komisch vom Klavierstuhl kippen; der König (Christoph Künzler), der ganz verdutzt zu seinem schütteren Staatsrat spricht; Prinzessin Lena (Daniela Britt), die auf Gitarre und Glockenspiel das Lied "Auf dem Kirchenhof will ich liegen" übt. Und Valerio, dieser kriegsversehrte Narr, der seine Sottisen beim tollen Jörg Dathe ganz ernüchtert und bloß spricht. Und das alles in einer Landschaft aus riesigen, vom Bühnenhimmel bimmelnden Knochen, die, weil aus Stretch-Stoff gefertigt, dem suizidalen, auf seine hysterische Art gelangweilten Personal lustigerweise auch als Ruhekissen und Sitzsack dienen.

Zwar vertrödelt Andreas Herrmann seine "Leonce und Lena" gegen Ende in zwei, drei Szenen unnötig, etwa mit einer doofen Publikumsanimation oder ein paar Witzredundanzen aus dem ersten Teil. Über weiteste Strecken ist ihm aber doch eine sehr überzeugende Comédie humaine gelungen.

 

Leone und Lena
von Georg Büchner
Regie: Andreas Herrmann, Bühne: Max Wehberg, Kostüme: Catherine Voeffray, Musik: Jacob Suske. Mit: Samuel Zumbühl, Daniela Britt, Christoph Künzler, Jörg Dathe, Wiebke Kayser, Manuel Kühne u.a.

www.luzernertheater.ch


Lust auf mehr Leonce und Lena? Wir berichteten zuletzt von Dimiter Gotscheffs Hamburger Inszenierung.

 

Kritikenrundschau
Regisseur Andreas Herrmann und Bühnenbildner Max Wehberg stellten in der Luzerner Inszenierung von "Leonce und Lena" nun das Morbide dieses "wohl morbidesten Lustspiels der Weltliteratur" mit aller Deutlichkeit in den Vordergrund", schreibt Tobias Hoffmann in der Neuen Zürcher Zeitung (28.10.): auf der Bühne Totenbeingebilde und andere Vergänglichkeitssymbole. Die Begegnung von Leonce und Lena etwa finde im Innern eines Höhlengebildes in Totenschädel-Form statt – "Todessehnsucht als Seelenverwandtschaft". Wie stark Büchners Text Shakespeares "Hamlet" und "Was ihr wollt" verschmölze, habe man "noch kaum je so deutlich – man könnte manchmal fast sagen: didaktisch – vorgeführt bekommen". Zumbühl gebe Leonce als "Poseur des Wahnsinns und des Weltschmerzes", Dathes Valerio sei ein "kraftvoller Narr (...), der die Posen mit grobem Witz und intelligenter Ironie zu erden vermag". Leider ziehe Herrmann die Expositions-Szenen um König Peter "noch zusätzlich in die Länge zu ziehen", mit um "Entertainment bemühten" Regieeinfällen allerdings. Als "Vorspiele für die Kulmination im zweiten Akt" könnten sie jedoch "sowohl punkto Atmosphäre wie auch szenischen Witz nicht genügen".

"Die pure Leere wohlstandsverwahrloster Übersättigung" sei diesem Leonce "ins bleich geschminkte Gesicht geschrieben", so Urs Bugmann in der Neuen Luzerner Zeitung (28.10.). Lena hingegen die "selbstbewusste Unschuld, zwischen Naivität und Keckheit". "Zauberhaft poetisch" näherten sich die beiden an, "verloren in der Liebe, durch Gazewände getrennt" im "traumhaft ausgeleuchteten Bühnenbild". Herrmann biete "ein bisschen Spaß, ein bisschen Melancholie und Trauer, dazu ein bisschen Poesie und schönes Gefühl" – jedoch sei "die Färbung (...) zu uneinheitlich".

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