Wiederkehr der Schrumpfszenarien

von Michael Bartsch

Mai 2021. In Zittau möchte wohl mancher Theaterfreund die berühmte Blumenuhr anhalten angesichts des Stündleins, das ihre Porzellanglocken dem Gerhart-Hauptmann-Theater schlagen sollen. An der Neiße, weniger auch im Nachbarkreis Bautzen, herrscht derzeit Alarmstimmung ob eines neuerlichen Theatergutachtens, dessen Umsetzung einen massiven Eingriff in die ohnehin auf ein Minimum geschrumpften Theaterstrukturen bedeuten würde.

Solche Gutachten stapeln sich zwar schon in den Schubladen der Intendanzen in Bautzen, Görlitz und Zittau. Das Theater um die Theater begann spätestens 1999, als Kulturökonomin Cornelia Dümcke im Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien eine Zuschussminderung um 15 Prozent herauskratzen sollte. Nach der Wende hatte Zittau zwei Jahre schon nur als ABM-Theater überlebt. Jetzt aber geht es um alles, geht es um Sein oder Nichtsein speziell für das Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau GHT.

ZittauBlumenuhrWinter Jwaller viaWikimediaCommonsWelches Stündlein hat's geschlagen? Zittaus Blumenuhr im Winter © Jwaller, CC BY-SA 3.0 , via Wikimedia Commons

Nach dessen Fusion 2010 mit der Arbeitsteilung Musiktheater/Ballett in Görlitz und Schauspiel in Zittau gab es nur zwei Jahre später eine erneute Kürzungs- und Personalentlassungsrunde. Der Spardruck blieb erhalten in einem wirtschaftlich schwachen Landkreis, der über hohe Sozialausgaben klagt und nach Angaben des Finanzdezernenten ohne die Hilfe des Freistaates in diesem Jahr keinen genehmigungsfähigen Haushalt aufstellen kann. Immerhin waren die zurückliegenden Jahre guter Steuereinnahmen zwar keine fetten, aber eine Zeit reduzierter Ängste und relativer Stabilität.

Tarifangleichung als "vergiftetes Geschenk" des Freistaates

Man kann es nur paradox nennen, dass ausgerechnet ein Kraftakt des Freistaates Sachsen in dieser Zeit, der so genannte Kulturpakt von 2018, indirekter Ausgangspunkt des nunmehr heftig diskutierten Gutachtens geworden ist. Ursache sind nicht etwa die alles lähmende Seuche und ihre finanziellen Folgen. Denn das Gutachten zu Einsparmöglichkeiten bei den Theatern der Region wurde schon im Februar 2020 von den Gesellschaftern des GHT, also dem Landkreis Görlitz und den beiden Städten, bei der Münchener Beratungsfirma actori in Auftrag gegeben. Bezahlt hat es übrigens der Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien, der in der Sache vom Landrat, dem Vorsitzenden des Kulturraumkonvents, zum Schweigen angehalten worden ist.

Mit diesem "Kulturpakt" zeigte Sachsen nach zwei Jahrzehnten der Auseinandersetzung endlich einen Ausweg aus der Falle diskriminierender Haustarife auf. Gerade an der Neiße, bei der Neuen Lausitzer Philharmonie, lagen sie bis zu 30 Prozent unter dem Flächentarif im Öffentlichen Dienst. Für den "großen Sprung" zumindest an den Theatern und Orchestern der acht sächsischen Kulturräume gab der Freistaat zehn Millionen Euro zusätzlich. Wie es der Systematik des Sächsischen Kulturraumgesetzes entspricht, müssen sich aber auch die kommunalen Träger mit 30 Prozent, also drei Millionen Euro, an der Rückführung in den Flächentarif beteiligen. Außerdem sollen sie künftige Tarifsteigerungen tragen.

Zittau Gerhart Hauptmann Theater Zittau 2007 Wolfgang Pehlemann viaWikimediaCommons uDas Gerhart Hauptmann Theater in Zittau © Wolfgang Pehlemann, Wiesbaden, Germany, CC BY-SA 3.0 DE , via Wikimedia Commons

Statt sich über die längst fällige Anerkennung künstlerischer Arbeit zu freuen, fühlte sich der Landkreis Görlitz durch diese kommunale Mitbelastung alarmiert. Bis 2026 müssten deshalb die Kulturausgaben voraussichtlich um 1,6 Millionen Euro steigen. Wenige Monate nach Inkrafttreten des Kulturpaktes wurde Anfang 2020 das Gutachten in Auftrag gegeben mit dem Ziel, diese Mehrbelastung wieder irgendwie einzusparen. Landrat Bernd Lange (CDU) sprach jetzt in einer Pressekonferenz am 3.Mai sogar von einem "vergifteten Geschenk" des Freistaates. Zugleich warf er der Geschäftsführung des Hauptmann-Theaters vor, keine eigenen Sparvorschläge zu unterbreiten.

Generalintendant Klaus Arauner weist solche Anschuldigungen entschieden zurück. Man sei entsprechenden Aufforderungen stets nachgekommen, zuletzt erst 2019. Die Selbstanalyse kam aber zu dem wichtigen Schluss, dass nach einem Dutzend Schrumpfrunden weitere Einsparungen nur durch Schließung kompletter Sparten oder Häuser zu erreichen wären.

Das nun nach einer Indiskretion erst durch die Sächsische Zeitung bekannt gewordene actori-Gutachten sagt im Grunde nichts Anderes. Der Landkreis Görlitz legt zwar Wert auf die Feststellung, dass actori keine Empfehlungen ausgesprochen, sondern nur Schrumpfszenarien durchgespielt habe. Aber diese drastischen Planspiele lassen sich auch so interpretieren, dass die Autoren bewusst eine abschreckende Wirkung im Hinterkopf hatten. Mit der Aufgabe des Musiktheaters und der Dance Company sowie einer Fusion des Schauspiels Zittau mit dem in Bautzen würde das GHT faktisch liquidiert. Das traditionsreiche Görlitzer Haus diente nur noch als Gastspielstätte. Gespart werden solle auch durch die völlig asymmetrische Fusion der Neuen Lausitzer Philharmonie mit dem Sorbischen Nationalensemble.

Breiter Widerstand in der Region

Landrat Lange ging in der erwähnten Pressekonferenz selbst auf vorsichtige Distanz zu diesem Worst-Case-Szenario. "Natürlich will ich keinen Standort in Görlitz schließen und auch keinen Standort in Zittau!" Er räumte sogar Fehler im Umgang mit dem bereits seit Dezember des Vorjahres vorliegenden Gutachten ein. Nur einem Insiderkreis von Stadt- und Kreisräten waren die Ergebnisse zugänglich. Auch die Intendanten erfuhren erst in einer geschlossenen Sitzung am 22. April davon. Dieser Versuch, das Problem "hinter verschlossenen Türen zu diskutieren", sei ein Fehler gewesen. Informationen würden ohnehin an die Medien durchgestochen, denen der Landrat aber keinen Vorwurf machen wollte. Sein Eingeständnis, "ich bin kein großer Kulturmensch", überraschte nach 20 Jahren im Amt freilich niemanden mehr.

Bautzen Theater Julian Nyca viaWikimediaCommons uDas Volkstheater Bautzen © Julian Nyča, CC BY-SA 3.0 , via Wikimedia Commons

Bernd Lange steht offenbar unter dem Eindruck des Echos im Landkreis, im Kulturraum und von Bühnengewerkschaften nach Bekanntwerden der Pläne. Einstimmige Ablehnung schlug ihm sogar aus der eigenen CDU entgegen. Kreisvorsitzender Florian Oest möchte statt Schließung das Angebot in der Region erweitern, um sie nach dem Abschied von der Kohle attraktiver zu machen. Ihm schweben Zusatzangebote im Schlosspark Bad Muskau oder am ehemaligen Tagebau Bärwalder See vor, wo das "Ohr", ein Freilufttheater in eben dieser Form, auf Gäste wartet. Auch GHT-Intendant Klaus Arauner betont den Kontext zum viel beschworenen Strukturwandel und fragt sich, wie man sonst junge Menschen wieder zurück in die Lausitz holen wolle.

Schließungsalarm als Chance für langfristige Klärungen

Solche Kritik verweist zugleich auf Fragwürdigkeiten des Auftragsgutachtens. Wie kann die actori-Kulturberatung Abbauszenarien nahelegen, die im krassen Widerspruch zum eigenen, im Vorjahr erstellten Kulturplan für die umzubauende bisherige Lausitzer Kohleregion stehen? Welche Einspareffekte sind zu erwarten, wenn das verbliebene Zittauer Rumpfschauspiel statt wie bisher mit Görlitz künftig mit Bautzen formal fusionieren soll? Die Autoren schienen trotz ihrer geführten Interviews auch nicht zu wissen, dass die Sorben eine Orchesterfusion gar nicht wollen. Mehr noch, intern wird sogar die Bühnen-Vorzeigefolklore des Sorbischen Nationalensembles infrage gestellt, wo doch die Volkskultur viel mehr an der Basis in den Dörfern gefördert werden müsste. Und welche Rolle sollte ein fusioniertes Orchester ohne die Anbindung an das dann liquidierte Görlitzer Musiktheater spielen?, fragt zu Recht Gerald Mertens als Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung. Die kommunalen Gesellschafter müssen sich schließlich fragen lassen, welchen Sinn 2020 die Neuberufung Daniel Morgenroths als Nachfolger des scheidenden Generalintendanten Klaus Arauner für ein abzuwickelndes Theater hatte.

Die losgetretene Alarmdebatte biete aber auch eine Chance, meint die Zittauer Schauspielintendantin Dorotty Szalma. Kommunalpolitiker müssten sich nun entweder dauerhaft zu den beiden Häusern bekennen oder klar sagen, was sie nicht mehr finanzieren wollen. Der Schwarze Peter lässt sich nicht mehr den Theatern zuschieben, wenn man von ihnen Selbstverstümmelungsvorschläge verlangt. Die Kulturpolitik könnte und müsste erstmals den Beweis antreten, dass sich Verzichtbereitschaft lohnt und zu einer dauerhaften Stabilität der Bühnen und Orchester führt.

 

Michael Bartsch, geboren 1953 in Meiningen, freier Journalist und Autor. Nach der Wende Landeskorrespondent der Leipziger Volkszeitung in Dresden. Seit 1993 freiberuflich tätig für verschiedene Printmedien und den Hörfunk, Schwerpunkte Landespolitik und Kultur, speziell Theater und Musik.

 
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