Geschichte ohne Vergangenheit

von Andrea Heinz

Wien, 14. Mai 2021. Es gab mal eine Zeit, da brach Panik aus, wenn in Wien der Kartenverkauf für die Festwochen startete. Ist schon eine Weile her. Man erinnert sich, vor ein paar Jahren wurde einiges an Porzellan zerschlagen, das Verhältnis zwischen Festivalleitung, Publikum und Politik, naja, etwas eingetrübt. Tomas Zierhofer-Kin, der sich nach seinem Abgang darüber freute, dass "dieses unqualifizierte Kritiker-(bewusst ungegendert-)Blabla mir jetzt nun auch offiziell sowas von am Oasch vorbeigehen kann", schaffte es in seiner Intendanz endgültig, dem Publikum die Lust auf die Festwochen zu vergällen. Wobei die Erlöse bereits unter seinem Vorgänger Markus Hinterhäuser massiv einbrachen.

Seit 2019 ist nun Christophe Slagmuylder im Amt, der recht überstürzt als Einspringer bestellt wurde und einen notgedrungen hastig zusammengeschusterten Einstand hinlegte, der dann auch eher fade geriet. Viel versprochen wurde im Vorfeld, wie man das halt so macht bei neuen Intendanzen: Alles wird jetzt besser, neuer, aufregender.

Festzug Konzert 70Jahre FeWo InesBacher uDas Eröffnungskonzert mit Soap&Skin © Ines Bacher

Ganz so war es dann doch nicht, das durch die Zierhofer-Kin-Jahre schon arg gebeutelte, auf einen Festival-Messias hoffende Publikum ernüchtert. Wieder nichts mit der Erneuerung des alten Festwochen-Glanzes, der natürlich in Wahrheit ganz so überirdisch hell auch nie gestrahlt hatte. Und dann kam die Pandemie.

Rührend ernst gemeint

Insofern lässt sich nach wie vor nur bedingt etwas über die Intendanz Slagmuylder sagen, die nun in ihre dritte Saison geht. Bei der Eröffnung, die mal wieder ohne Publikum am Wiener Rathausplatz stattfand und vom ORF übertragen wurde, wurde auf jeden Fall klar, in welcher Traditionslinie man gerne gesehen werden möchte. Man feiert heuer auch 70-jähriges Jubiläum der Neugründung der Wiener Festwochen, 1951 fand nach Ende des Krieges das erste Eröffnungskonzert der Festwochen statt. In den Zitaten und Filmausschnitten, die im Laufe des Abends immer wieder eingespielt werden, wird offensiv auf die glorreiche Geschichte der Festwochen referiert – unter diskreter Aussparung der jüngeren Festwochen-Vergangenheit. Ein junger, schnauzbärtiger Claus Peymann, der sich Frankfurter Schule-mäßig über die Zweckmäßigkeit als neue Moral empörte, war so ungefähr noch das aktuellste, was man zu sehen bekam.

Gefeiert wurde ein Festival, das schon vor Jahrzehnten, damals noch rührend ernst gemeint und ohne PR-Sprech-Verdacht, für "die Wiener, alt und jung, Frauen und Männer" gedacht war, das international sein wollte und zugleich sehr lokalpatriotisch war. Zu Wort kommen in den Ausschnitten etwa Ursula Pasterk oder Viktor Matejka, es ist alles sehr pathosgeschwängert und idealistisch, und der zeitgenössische Kulturbetrieb sieht vor dieser Folie ganz seelenlos und durchkapitalisiert aus.

Festzug Rathaus Franzi Kreis uCrash-Test-Choreographin Florentina Holzinger © Franzi Kreis

Das Konzert bringt auf der Bühne das Koehne Quartett, PHOEN Extended, Die Strottern, Lukas Lauermann, Mira Lu Kovacs, Marie Spaemann & Christian Bakanic, das Herbert Pixner Projekt, Golnar & Mahan Trio und Mischwerk zusammen, als Special Guests außerdem Federspiel, Ernst Molden und Hernán Toledo & Tango Friends. Das hat wirklich schöne Momente, wenn die Musiker*innen in unterschiedlichen Konstellationen zusammen spielen auch der Rathausplatz wird fein bespielt, die Strottern sind auf einem der Balkone zu sehen, Ernst Molden sitzt auf einer Bank im Rathauspark, vor der Bühne tanzen einige Paare Tango – wobei sich hier auch schon ein Teil des Problems zeigt: Sie können das nur, weil dort nirgends Menschen sind. Die Eröffnung eines Festivals, das "die darstellenden Künste als Begegnung unter den Menschen in Erinnerung rufen und feiern" möchte, findet ohne sie statt. So hehr die Ansprüche sind, und natürlich: für die Pandemie kann niemand was, aber der Abend bleibt halt trotzdem seltsam kühl und wirkt in manchen Momenten fast wie ein trauriges Sinnbild für die Entfremdung von Kulturbetrieb und Publikum. Einsame Tangotänzer vor der Bühne, denen man zuhause auf dem Fernsehbildschirm zuschaut.

Feministische Gallionsfigur auf dem Festival-Tanker

Höhepunkt des Abends ist schließlich Florentina Holzingers "Festzug" – oder zumindest sollte er das sein. Vorbild war der vom Tanzpionier Rudolf von Laban inszenierte "Festzug der Gewerbe", der 1929 zur Würdigung der Handwerkskunst auf der Ringstraße stattfand. "Vierhunderttausend Zuschauer beim Gewerbefestzug. Glänzender Verlauf des Festzuges. – Kein Zwischenfall" titelte damals die Wiener Sonn- und Montagszeitung. Andere Zeiten. Masken und Frauen waren damals in der Öffentlichkeit noch nicht erlaubt.

Bei Holzinger sieht man nun, während auf der Bühne Soap&Skin ihren Auftritt hat, nackte Frauen und allerlei Maschinen: Autos, auf denen Laufbänder montiert sind, auf denen nackte Performerinnen laufen; LKWs, auf denen nackte Performerinnen Stunts üben. Dazu Rodeobullen und Bombast-Lightshow. Eine "dystopische Prozession" solle das sein, schreiben die Festwochen auf ihrer Homepage, eine "Leistungsschau", die Fragen aufwerfe nach Selbstoptimierung (da hätte Claus Peymann wieder einhaken können) und Widerstand (auch ein, zwei Spitzen gegen Sebastian Kurz fanden an diesem Abend Platz). Das hätte es, in einer Live-Situation, vielleicht auch alles sein können – auf dem Bildschirm zerfällt die Prozession vollends, die Kamera ist entweder zu nah dran oder zu weit weg, hat aber in Wahrheit keine Chance, zwischendurch wird auf Soap&Skin geschaltet, man kriegt diese Prozession kaum überhaupt zu fassen und dann ist sie auch schon wieder vorbei.

Das Ganze hat fast schon etwas Beliebiges, es wird einer herausragenden Choreographin wie Holzinger nicht gerecht, und macht eher den Eindruck, als wollte sich da ein Festival-Tanker halt auch noch eine "feministische Gallionsfigur" umhängen. An vier Samstagen im Juni und Juli wird der "Festzug" als Videoinstallation im Wiener Stadtraum zu sehen sein, und es bleibt zu hoffen, dass er in diesem Format besser wirkt.

 

70 Jahre Wiener Festwochen – Das Konzert

Buch, Gesamtleitung: Gerald Votava, Wolfgang Wais, Musikalische Leitung: Paul Gallister, Künstlerische Koordination: Charlie Bader, Lichtdesign: Daniel Biegger, Sounddesign Doris Jaindl, Volker Werner.

Mit: Koehne Quartett, PHOEN Extended, Die Strottern, Lukas Lauermann, Mira Lu Kovacs, Marie Spaemann & Christian Bakanic, Herbert Pixner Projekt, Golnar & Mahan Trio, Mischwerk, Federspiel, Ernst Molden, Hernán Toledo & Tango Friends.

Festzug

Idee, Konzept, Choreografie: Florentina Holzinger, Musik: Soap&Skin, Künstlerische Mitarbeit: Renée Copraij, Szenerie: Nikola Knežević, Sounddesign: Stefan Schneider.

Mit: Marie Blochnig, Sibylle Fischer, Maria Helgath, Annina Machaz, Audrey Merilus, Xana Novais, Courtney Robertson, Julia Rutigliano, Linnea Tullius u. a.
Premiere am 14. Mai 2021
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten

www.festwochen.at
soapandskin.com

 
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