Who's That Girl?

von Jorinde Minna Markert

Berlin, 23. Mai 2021. Herta Heuwer gilt also als die Urheberin des inoffiziellen Wahrzeichen Berlins, der Currywurst – das ist eine der historischen Anekdoten dieser Lecture-Performance, die irgendwie besser hängen bleibt als andere. Anne Tismer, Solo-Darstellerin des Abends "NAME HER. Eine Suche nach den Frauen+", setzt die Erfindung der Currywurst mit vollem Körpereinsatz wie folgt in Szene: 1949, Feierabend im Kiosk Kant-/Ecke Kaiser-Fiedrich-Straße, Herta Heuwer, ganz Multitaskerin hält in einer Hand den Wischmop, in der anderen die überzählige letzte Wurst, rutscht auf dem gemopten Boden aus, die Wurst fällt, die Wurstverkäuferin rummst ans Gewürzregal, ein Gewürz fällt, Gewürz regnet auf die Wurst – der Rest ist Geschichte und Wirtschaftswunder. Die Stelle ist exemplarisch für die Streuung spielerischer Momente in den Abend, der oft auch ein klassischer Frontal-Vortrag mit multimedialer Begleitung ist.

Auf dem Splitscreen-Altar

Dass der Inszenierung, die im September 2020 im Ballhaus Ost analog uraufgeführt wurde und deren digitale Fassung nun beim Theatertreffen läuft, der Umzug in digitale Räume so gut bekommt, liegt auch daran, wie geschickt das Bühnenbild (Jule Saworski) in die bearbeitete Aufzeichnung überführt wurde. Die Kulisse besteht aus einem großen, die Darstellerin weit überragenden Display-Triptychon, ähnlich dreier verschiedener Iphone-Generationen, die Touchscreens zum Publikum gekehrt. Die  Flügel des Split-Screen- Triptychons dienen zur Vergrößerung der Bilder, Videoclips und Stichpunkte, von denen Tismers Vortrag begleitet wird. In der digitalen Version tritt dieses multimediale Begleitmaterial – teils trashiger Emoticons-Overload, teils sehr liebevolle und detaillierte Collagen und Illustrationen – in den Vordergrund und wird zum eigentlichen Bühnenbild. Das trägt das Format der Lecture Performance – ein Format, das ohnehin eher mit den Sehgewohnheiten des Netzes als mit denen der Bühne korrespondiert. Wer setzt sich schließlich schon leibhaftig in einen TED-Talk statt vor Youtube?

Nameher2 600 HendrikLietmannConférenciere des Abends: Anne Tismer © Hendrik Lietmann

Anne Tismer agiert nicht nur als TED-Talkerin – sie ist Pantomimin, Pädagogin, Show-Masterin. Von A für "Alice Roth" (Schweizer Mathematikerin, Approximationstheorie) bis Z für "Zhen Yisao" (chinesische Piratin zu Beginn des 19. Jahrhunderts) stellt sie weiblich gelesene Personen vor, deren Schaffen und Wirken heute weitgehend unbekannt ist. Mit dem erklärten Ziel, diese Frauen der Historie einzuschreiben – ihre Namen dem aktiven Wortschatz hinzuzufügen, wie Tismer es in einem Interview im Deutschlandfunk Kultur ausdrückt.

Der Yuval-Noah-Harari-Effekt

Die namentliche Liste folgt dabei einzig der Chronologie des Alphabets – geographisch, fachlich, zeitlich springt diese alternative Geschichtsschreibung mit weiblichen Protagonistinnen wild herum wie ein Quant. Webcrawlerin Tismer strukturiert, rekurriert auf bereits erörtertes, stellt Hyperlinks her. In der ersten Viertelstunde kurz abzudriften und Madonna zu summen ("Like a Prayer" ist der Jingle des Stücks), stellt sich als äußerst ungünstig heraus – auf das Schweizer-Käse-Modell von Alice Roth wird im Laufe des Vortrags immer wieder zurückgegriffen, um die Theorien anderer Mathematikerinnen zu erläutern. Wer in dem sechsstündigen Abend durchgehende Konzentration hält, wird mit dem Yuval-Noah-Harari-Effekt belohnt und erhält in einfachem, unterhaltsamen Erzählgestus eine Aufstockung des Allgemeinwissens, etwa über Bonobos, Quantenphysik, Architektur, Mode, Anthropologie…

Wer nicht immer konzentriert genug lauscht, um alle fachlichen Verknüpfungen herzustellen, der werden dennoch musikalische, sinnliche, lustige und auch erhellende Momente beschert, beispielsweise wenn ein Videoclip die 94-jährige Wettkampfturnerin Johanna Quaas bei ihrer graziösen Bodenkür zeigt. Die Erkenntnis, die dabei aufploppt (das Sektkorken-Plopp ist neben Madonna ein zweites akustisches Gimmick des Abends), ist diese: Vielleicht sind die selbstverständlichen Narrative, in denen wir leben, tatsächlich allesamt fragwürdig. Wenn eine auf die 100 zugehende Person sich auf der Bodenmatte bewegen kann wie eine Forelle im Fluss, dann ist das verbreitete Narrativ des Alterns eindeutig unvollständig.

Nameher 600 HendrikLietmannRaketenstart im Bühnenbild von Jule Saworski © Hendrik Lietmann

Dabei geht es der Inszenierung nicht darum, die Behauptung eines utopischen Matriarchats aufzustellen oder den Einwegrasierer-Feminismus zu pushen, laut dem in jeder Frau eine Heldin oder Göttin auf Erweckung wartet. Das Beispiel der Ärztin und NSDAP-Angehörigen Johanna Haarer, die auflagenstarke Erziehungsratgeber linientreu mit Nazi-Ideologien publizierte und deren Buch "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" noch bis 1987 verlegt wurde, verdeutlicht, dass nazideutsche Täterinnenschaft nicht in ein verharmlosendes Narrativ von Weiblichkeit passt.

Diese sorgsam kuratierte Sammlung historischer und persönlicher Begegnungen mit weiblichen Perspektiven offenbart dabei nicht nur die Beschränktheit der Weltgeschichtsschreibung. Implizit werden auch einem Theaterbetrieb die Leviten gelesen, der auf hierarchischer Autorschaft, streng abgrenzbaren Kunstdisziplinen und Formen beharrt. Der Vortrag findet immer wieder auch als Austausch zwischen Regisseurin Marie Schleef aus dem Off und Darstellerin Anne Tismer statt – "Hab ich das jetzt richtig erklärt, Marie?" Das erinnert zwar manchmal an Seminare zum rhetorischen Aufpeppen von Power-Point-Präsentationen. Aber vor allem erzeugt es den Eindruck einer sowohl persönlich berührten wie auch kollektiv dringlichen Erkundung und Befragung von Narrativen. Auf die naturgemäße Unabschließbarkeit einer solchen Suche verweist ja bereits das "+" im Titel.

NAME HER. Eine Suche nach den Frauen+
Idee, Konzept, Text, Inszenierung: Marie Schleef, Performance, Text: Anne Tismer, Bühne, Video- und Bildinstallation, Kostüm: Jule Saworski, Dramaturgie, Text, Übertitel: Laura Andreß, Kommunikation, Netzwerk: Wiebke Jahns, Video-Operator, Sounddesign, Inspizienz: Ruben Müller, Künstlerische Mitarbeit: Michiko Günther, Lichtdesign: Fabian Eichner.
Mit: Anne Tismer.
Premiere am 25. September 2020
Online-Premiere beim Berliner Theatertreffen am 23. Mai 2021
Dauer: 6 Stunden, zwei Pausen

Ballhaus Ost Berlin
Kosmos Theater Wien
Münchner Kammerspielen

Kommentare

Kommentare  
#1 Name her, Theatertreffen: Freundlich unterspanntKonrad Kögler 2021-05-24 10:51
Vor dem Bühnenbild-Triptychon von Jule Swarowski, die auch für Kostüme und Video-/Bild-Installation zuständig war, wirkt Anne Tismer oft recht verloren, die Kamera nimmt sie kaum in den Fokus. Hier ist ein deutlicher Qualitäts-Unterschied zu den Stream-Angeboten zu spüren, die von 3sat mit Hilfe der TV-Rege produziert wurden.

Zum Madonna-Hit „Like a Prayer“ tänzelt Tismer über die Bühne und setzt zu einer Reise durchs Alphabet an: mit kleinen Schlaglichtern stellt sie von A wie Alice Roth, einer Schweizer Mathematikerin, über H wie Herta Heuwer, der Erfinderin der Currywurst, bis Z wie Zoe Alice Miller, einer Bildenden Künstlerin, zahlreiche mehr oder minder unbekannte Frauen und ihre Leistungen vor.

Kurzporträt reiht sich an Kurzporträt, immer wieder unterbrochen von Tanzeinlagen, vorzugsweise zu Madonna-Songs, aber auch mal zum 70er Jahre-Evergreen „Porque de vas", zu dem Tismer natürlich auch eine kleine Geschichte einfällt. Ironisch-launig ist der Grundton, sprunghaft-assoziativ geht es von Literatur zu Chemie, ab und zu garniert mit kleinen autobiographischen Anekdoten, z.B. über Anne Tismers Vorsprechen am Wiener Max Reinhardt-Seminar 1983, oder mit feministischer Grundsatzkritik an der Textauswahl der Stadt- und Staatstheater-Dramaturgien, mit der sich Regisseurin Marie Schleef aus dem Off meldet. Freundlich-unterspannt plätschert dieser Abend dahin.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2021/05/23/name-her-anne-tismer-ballhaus-ost-kritik/

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