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Kunst ist die Mission

von Natasha Tripney

29. Mai 2021. Nach fünf Monaten Live-Streams und digitalem Theater durfte ich letzte Woche endlich wieder einmal Teil eines klassischen Publikums sein – im Bush Theatre in London. Obwohl die Zuschauerzahl stark reduziert war und alle Masken trugen, tat das der Begeisterung der Leute keinen Abbruch, ihrer offensichtlichen Freude, wieder zusammenkommen zu können. Als vor Beginn der Vorstellung die Telefon-bitte-ausschalten-Ansage abgespielt wurde, jubelten die Zuschauer*innen.

Endlich wieder Theater – nach mehr als einem Jahr

Seit dem 17. Mai 2021 gilt in England die dritte Stufe der Exit-Strategie der britischen Regierung aus dem Lockdown. Das bedeutet, dass es "Unerhaltungseinrichtungen" einschließlich Theatern erlaubt wurde, wieder Publikum zuzulassen – mit Hygienekonzept. Im Herbst 2020 hatten nur wenige Theater kurz wieder Vorstellungen angesetzt, die meisten Spielstätten blieben geschlossen und öffnen also nach mehr als einem Jahr jetzt erst wieder.

Agatha Christies "The Mousetrap", das am längsten laufende Stück im West End, wird seit dem 17. Mai wieder aufgeführt. Die Coming-of-Age-Geschichte einer Drag Queen, "Everybody's Talking About Jamie", wird als erstes Musical wieder gespielt. Andere große Musical-Produktionen warten noch ein wenig, in der Hoffnung darauf, dass die Maßnahmen im Sommer noch weiter gelockert werden. Der Regierungs-Fahrplan sieht eigentlich eine Aufhebung aller Beschränkungen ab dem 21. Juni vor – auch wenn die Verbreitung neuer Virus-Mutanten bedeutet, dass ein Fragezeichen über diesem Datum schwebt.

Beispiel London (1): Das Globe Theatre

Shakespeare's Globe – das nachgebaute elisabethanische Theater an der Themse – öffnete am 19. Mai zum ersten Mal seit 429 Tagen wieder für die Öffentlichkeit. Es gibt gestaffelte Einlasszeiten, die Temperatur wird bei der Ankunft gemessen. Ein Test ist nicht erforderlich, aber jede*r Zuschauer*in muss die Corona-App des britischen National Health Service nutzen. Obwohl es sich um einen Veranstaltungsort im Freien handelt, wird das Publikum gebeten, Maske zu tragen. Die Pause entfällt, und die Karten sind auf 400 Personen auf den Sitzplätzen und 60 Personen auf den Stehplätzen im Parkett beschränkt.

Midsummer3 600 TristramKentonFreuden-Seifenblasen im "Sommernachtstraum" im Globe Theatre © Tristram Kenton

Finanziell war das vergangene Jahr eine herausfordernde Zeit für das Haus. Das Globe finanzierte sich stets aus den Ticket-Erlösen und Spenden. 2020 machte es einen Verlust von 2,9 Millionen Pfund und stand kurz vor der Schließung. Glücklicherweise war kurz vorher der Bau einer neuen Bibliothek und eines Archivs projektiert worden. Es gab also eine Rücklage, die umgeschichtet werden konnte. Außerdem erhielt das Theater 2,98 Millionen Pfund aus dem Kulturförderfonds der Regierung, der Teil eines Investitionspakets von 1,57 Milliarden Pfund zum Schutz der britischen Kultur war. Dies ist die erste staatliche Unterstützung, die das Globe seit seiner Eröffnung erhalten hat.

Beispiel London (2): The Kiln

Wie viele andere Theater auch, wurde das Globe mit einer Inszenierung aus dem Repertoire wiedereröffnet, seiner 2019er Produktion von Shakespeares "Ein Sommernachtstraum". Das Kiln Theatre im Norden Londons wird mit einer Neu-Inszenierung von Amy Triggs Stück "Reasons You Should(n't) Love Me" wiedereröffnet, einer Ein-Personen-Inszenierung – was die Situation zumindest auf der Bühne vereinfacht. Im Zuschauerraum wurde die Kapazität des Theaters von 292 Plätzen auf 98 reduziert, ein Gang wurde eingeführt, um sicherzustellen, dass die Zuschauer*innen möglichst nicht aneinander vorbeilaufen müssen. Die Richtlinien der Regierung, was erlaubt ist, sind an vielen Stellen nicht eindeutig. "Wir haben uns für das sicherere Ende der Skala entschieden", erklärt die Produktionsleiterin des Theaters, Nicki Brown. Das Kiln ist nicht nur ein Theater. Das Gebäude beherbergt auch ein Kino, ein Café und eine Bar, so fällt es unter mehrere Kategorien, was die Interpretation und Anwendung der Richtlinien zur Herausforderung macht, denn die Empfehlungen für Bewirtungs- und Unterhaltungseinrichtungen unterscheiden sich.

Kiln 600 PhilipVileThe Kiln in Nord-London © Philip Vile

In einigen Bereichen der Theaterbranche herrsche das Gefühl, dass es jetzt notwendig sei, "konservativ zu sein, um unser Publikum zurückzugewinnen", sagt die künstlerische Leiterin des Kiln, Indhu Rubasingham – um auf Nummer sicher zu gehen und künstlerische Risiken zu vermeiden. Glücklicherweise seien der Vorstand und die Mitarbeiter des Kiln sich einig, dass das Leitbild des Hauses weiter gelten solle, nämlich "ungehörte, ignorierte Stimmen zum Teil des Mainstreams zu machen". Letztes Jahr startete das Theater den "Kiln Community"-Aufruf, um 70.000 Pfund für die verschiedenen Communities zu sammeln, die das Theater anspricht; die Wiedereröffnungssaison, die drei Premieren und eine Wiederaufnahme umfasst, bietet eine Vielzahl von Stimmen, etablierte Namen wie Zadie Smith stehen neben Debütautor*innen.

AmyTrigg.Kiln 600 MarcBrennerWiedereröffnung im Kiln Theatre mit Amy Trigg © Marc Brenner

Sie hätten im letzten Jahr unter so schwierigen Bedingungen gearbeitet, dass es eine besondere Freude sei, jetzt wieder richtig in die Theaterarbeit zurückzufinden, sagt Rubasingham: "Jeder Moment fühlt sich kostbar an." Seit der ersten Schließung im März habe es so viele Fehlstarts gegeben: "Ich glaube dass wir alle in Tränen ausbrechen werden, wenn wir endlich wieder vor einem Publikum auf der Bühne stehen."

Wiedereröffnung mit Streaming in Newcastle

Trotz der Freude über die Wiedereröffnung warten auch einige kleinere Theater entweder noch bis zum 21. Juni, auf die prognostizierte Aufhebung aller Einschränkungen, oder sie wählen einen hybriden Weg und zeigen ihre Arbeit sowohl vor einem reduzierten Publikum als auch online. Das Alphabetti Theatre, ein kleines unabhängiges Theater in Newcastle, hat auch in normalen Zeiten nur 75 Plätze. Trotzdem war es die einzige Spielstätte in der Stadt, die jetzt wieder geöffnet hat.

Alphabetti 600 VonFoxMediaEin Theaterraum, zu klein für Lockdown-Regeln: das Alphabetti in Newcastle © Alex Fisher

Die erste Inszenierung nach der Wiedereröffnung ist konzipiert für ein Publikum der Größe eines Haushalts. Die Zuschauer*innen bewegen sich an einer Reihe von Kabinen entlang und sehen Filme, die von Theaterkünstler*innen mit Lernbehinderungen gedreht wurden. Eine Live-Performance des Stücks wird im Juni folgen. Da nur 18 Personen überhaupt gleichzeitig ins Haus dürfen, hat der künstlerische Leiter des Alphabetti Ali Pritchard sich entschieden, die Filme auch zu streamen, damit mehr Menschen sie sehen können. "Ich glaube, es dauert noch ein bisschen bis zur Normalisierung der Verhältnisse", sagt Pritchard, "aber wenn nicht spätestens im Juli wieder mehr zahlende Zuschauer*innen kommen dürfen, weiß ich nicht, wie wir weitermachen sollen."

Wiedereröffnung mit neuer Open-Air-Spielstätte in Schottland

Die schottischen, walisischen und nordirischen Regierungen sind vorsichtiger mit der Aufhebung der Pandemie-Einschränkungen als die Regierung in London. In Schottland verunmöglichen eine Zwei-Meter-Distanzregel und eine Obergrenze von 200 Personen in Innenräumen es faktisch, Theater zu veranstalten, das wirtschaftlich tragfähig ist.

Die künstlerische Leiterin des Pitlochry Festival Theatre, Elizabeth Newman, hat deshalb auf dem Grundstück des Theaters ein Amphitheater bauen lassen, in dem Open Air gespielt wird. "Wir standen finanziell vor einer furchtbaren Situation", sagt Newman. Schottland hat ein Stufensystem, das alle drei Wochen überprüft wird. Pitlochry ist derzeit auf Stufe 2, aber Newman weiß, dass sich das jederzeit ändern kann. Sie hat so programmiert, dass sie "auf jede Veränderung reagieren kann". 17 Veranstaltungen sollen über den Sommer hinweg stattfinden. Der Planungs-Prozess habe sich angefühlt wie eine Modellbau-Aufgabe, sagt Newman. Gleichzeitig sei es wichtig, sich daran zu erinnern: "Die Kunst ist nicht das Problem, die Kunst ist die Mission."

PitlochryFestivalTheatre 600Das Pitlochry Festival Theatre, auf dessen Grundstück jetzt Open Air gespielt wird © Pitlochry Festival Theatre

Newman sagt, sie habe das Gefühl, dass die Menschen begännen, das Leben mit Covid-19 nicht mehr als Krise wahrzunehmen, sondern als chronische Situation, mit der wir eben leben müssen. "Unser Mantra ist: Die einzige Konstante ist Veränderung." Auf diese Weise sei man nicht in einem ständigen Trauerzyklus gefangen. Das vergangene Jahr sei lehrreich gewesen. "Wir haben uns online etabliert und nun eine Möglichkeit gefunden draußen zu spielen." Aber es sei auch wichtig, sich daran zu erinnern, "dass Theater schon lange nicht mehr Teil des Lebens der Menschen ist und es eine Weile dauern wird, bis die Leute wieder Vertrauen fassen". Dies sei "nicht der Moment für Theater, selbstgefällig zu sein. Wir können nicht zulassen, dass die Menschen lernen, ohne Theater zu leben."

Natasha Tripney ist Leitende Kritikerin und Redakteurin von The Stage, der Zeitung der UK Theatre Industry. Sie ist Mitbegründerin von Exeunt, einer Online-Plattform für Theaterkritik, und schreibt regelmäßig über Theater und Kunst für Publikationen wie The Guardian und Independent.


Übersetzung: Sophie Diesselhorst

Here's the original English version of this article.