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Weltschmerz als Dauerzustand

von Stefan Forth

Hamburg, 29. Mai 2021. Hamburg feiert. Es ist der erste halbwegs laue Samstagabend nach dem Ende des strengen Frühjahrslockdowns. Das Schanzenviertel und der Reeperbahnkiez sind voller lautstarker Menschen, die trinken, reden, lachen. Im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses verbreitet sich dagegen leise Melancholie. Mit der Uraufführung von Christoph Marthalers "Die Sorglosschlafenden, die Frischaufgeblühten" geht dort nach monatelanger Zwangspause endlich mal wieder so etwas wie ein richtiger Bühnenspielbetrieb los.

Textfetzen vom Wahnsinnsdichter

Dass dieser musikalisch-lyrische Theaterabend ein ziemlich trostloses Bild von der Welt abgeben wird, ist im Grunde von Anfang an klar. In der linken hinteren Bühnenecke liegt ein Haufen zertrümmerter Streichinstrumente. Die schwarze Treppe hinauf zur Beleuchterbrücke ist mit rot-weißem Absperrband blockiert und mit einer Behelfsstütze als im Grunde kaum begehbar markiert. Klar, Verfall ist immer bei Marthaler. Dieses Mal ist allerdings auf Duri Bischoffs weitgehend leerer Abbruchbühne nun wirklich so gut wie nichts mehr von Dauer. Kaum wird mal ein Möbelstück hereingetragen, kracht es auch schon wieder in sich zusammen.

Sorglosschlafende 1 560 MatthiasHorn uVerfall ist immer: Josefine Israel und Samuel Weiss auf Duri Bischoffs Abbruchbühne - im Hintergrund:  Martin Zeller und Bendix Dethleffsen © Matthias Horn

Der Schweizer Meisterregisseur des Melancholisch-Musikalisch-Absurden steigt mit losen Textfetzen des deutschen Wahnsinnsdichters Friedrich Hölderlin ganz tief ein in die seelenmarternden Widersprüchlichkeiten und Absonderlichkeiten der menschlichen Existenz, wie sie sich in der zweiten Lebenshälfte manchmal mit besonderer Wucht offenbaren. Als "Jüngling in den Tagen der Hoffnung" mag da vielleicht noch ein Lied reichen fürs kleine, naive Glück. Je näher der Tod rückt, umso größer werden Verlorenheit und Einsamkeit.

Antithese zum Traurigsein

Marthaler wäre aber nicht Marthaler, wenn er dem Weltschmerz als Dauerzustandsbeschreibung an diesem ganz und gar handlungslosen Abend nicht doch auch noch das eine oder andere ironische Augenzwinkern entgegensetzen würde. In Sachen Slapstick und leiser Situationskomik macht dem Mann nach wie vor niemand so leicht etwas vor – auch wenn er beides in dieser Inszenierung nur sparsam dosiert einsetzt. Trotzdem: Wenn der wunderbar wirre Schnauzbartträger Samuel Weiss gerade mal wieder wild artistisch irgendeinen Tisch oder Stuhl zum Zusammenbrechen bringt oder mit krampfhaft verzerrtem, rot angelaufenem Gesicht minutenlang um seinen Verstand ringt, dann ist das schon ziemlich lustig. Und das befreite Lachen darüber ist die erleichterte Antithese zum Traurigsein.

"Du wirst Tränen finden. Sie gehören hierher", sagt die lässig-lakonisch dauerpräsente Schauspielerin Sasha Rau an einer Stelle programmatisch in Richtung der grauen Sichtbetonwand, die den Spielraum des Ensembles begrenzt. Wer hier gelandet ist, für den oder die gibt es kein Entkommen. Da hilft es auch nichts, Hände, Körper und Gesicht immer wieder tastend an den kalten Stein zu pressen. Das unentrinnbare Schicksal, Hölderlins "Vogel der Nacht" ist schon auf dem Weg. Kein Wunder: Schließlich hat Bühnenbildner Bischoff minimalistisch verspielt für dieses augenscheinlich riesige Tier vorgesorgt. Neben einer überdimensionierten Vogeltränke aus Plastik bietet der Schauspielhaus-Malersaal an diesem Abend außerdem noch einen Mega-Körnerspender und einen weißen Wetzstein in Größe XXL.

"Holde Kunst"

Marthaler nimmt Hölderlin in dessen teils arg pathetischem Selbstmitleid ernst, indem er ihm immer mal wieder mit fein gesetzten Seitenhieben grinsend Richtung Jenseits zuzwinkert. Das eine oder andere Lachen im Angesicht der Verzweiflung über die Welt – vielleicht ist das der einzig denkbare Trost, der hier noch bleibt.

Sorglosschlafendex 560 MathiasHornJüngling in den Tagen der Hoffnung?  Lars Rudolph und Sasha Rau © Matthias Horn

Die Musik taugt dafür jedenfalls nicht mehr, obwohl Bendix Dethleffsen am Klavier und Martin Zeller an den Streichern mit großer Bühnenpräsenz und nuancenreichem Spiel das Sanfteste und Poetischste aus Stücken von Robert Schumann, Carl Maria von Weber und Franz Schubert herausholen. Dessen Loblied "An die Musik" singt das Ensemble an diesem Abend zwar mehrfach, aber nurmehr als Erinnerung an eine zurückliegende Zeit, in der die "holde Kunst" noch das eigene "Herz zu warmer Lieb'" entzünden und eine bessere Welt vorstellbar machen konnte.

Bewegende Denkräume

Mit diesem nachdenklichen, leisen, verschrobenen, stellenweise auch sperrigen Abend den Spielbetrieb wieder aufzunehmen, ist eine ziemlich mutige Entscheidung. "Die Sorglosschlafenden, die Frischaufgeblühten" widersetzen sich stoisch dem aufgeregten Zeitgeist (abgesehen von ein bisschen Desinfektionsmittel-Slapstick) und scheren sich überhaupt nicht darum, ob die eigene ausgestellte Entrücktheit möglicherweise anstrengend werden könnte. Dabei geschieht ein kleines Wunder: Marthaler und sein hervorragendes Ensemble zeigen ganz unaufgeregt in noch nicht einmal anderthalb Stunden, was Theater so lebenswichtig macht. "Die Sorglosschlafenden" bieten bewegende Denkräume statt amüsanter Ablenkung – an einem Abend, der als Stream vermutlich sterbenslangweilig wäre, aber live zum Erlebnis werden kann.

 

Die Sorglosschlafenden, die Frischaufgeblühten
von Christoph Marthaler mit Texten von Friedrich Hölderlin
Regie: Christoph Marthaler, Idee und künstlerische Beratung: Carl Hegemann, Bühne: Duri Bischoff, Kostüme: Sara Kittelmann, Licht: Annette ter Meulen, Dramaturgie: Malte Ubenauf.
Mit: Bendix Dethleffsen, Josefine Israel, Sasha Rau, Lars Rudolph, Samuel Weiss, Martin Zeller
Premiere am 29. Mai 2021
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.adk.de
www.schauspielhaus.ch
www.schauspielhaus.de

 


Kritikenrundschau

"Ja, vielleicht ist es genau richtig, dass das Schauspiel sich wieder mit einem leisen Abend zurückmeldet, der von der Zerbrechlichkeit der Kunst erzählt," so Peter Helling in der Sendung NDR Kultur (30.5.2021) Christoph Marthalers Inszenierung sei zaghaft, schleiche sich geradezu in die Wirklichkeit hinein: "Vier Schauspieler und Schauspielerinnen, zwei Musiker in geschmacksverirrten Kostümen der 70er-Jahre." Am Ende gebe es donnernden Applaus, wegen Corona zählt der Kritiker kaum mehr als 30 Zuschauer und Zuschauerinnen im Malersaal des Schauspielhauses. "Der Kontrast könnte kaum größer sein: Das Publikum tost, und davor: Stille. Ein leiser Abend, wie eine gerissene Saite."

"80 Minuten unverdünntes, liebevoll verrätseltes und vor allem angenehm unaufdringlich leises Marthalern durfte man besichtigen", schreibt Joachim Mischke im Hamburger Abendblatt (31.5.2021). Für ihn passte "dieses behutsame Zurückmeldung bestens in die Gegenwart".

"Fragend und achtsam, tastend und zögerlich" sprächen die Spieler*innen in diesem "melancholischen, nahezu depressiven und vor allem recht verkopften Abend", so Katrin Ullmann in der taz (5.6.2021). "So, als würden sie dem Leben nicht trauen, und auch ihren Worten nicht – zumindest nicht darauf, dass diese ein Echo finden oder eine Resonanz." Kaum in Kontakt tretend, nimmt sie die Kritikerin wahr als "eingebunden in eine strenge Form, die einem bestimmten Ritual zu folgen scheint". Oder: Gefangen in Zwangshandlungen. "Es ist ein andächtiger und damit auch recht spröder Abend, den Regisseur Christoph Marthaler da geschaffen hat, geprägt vom Innehalten und von der Verlorenheit des Menschen, der vielleicht nur in der Musik Verzückung finden kann." Die Musiker spielten "unfassbar ruhig und pur und eindringlich", atmeten auf der Viola da Gamba oder dem Klavier Genauigkeit und Gefühl.

Der Marthaler-Kosmos erscheine an diesem Abend "so markengerecht, oder freundlicher gesagt: stilecht wiedererkennbar und in seinen Inszenierungselementen so vertraut, dass man tatsächlich verführt ist, die Augen zu schließen", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (8.6.2021). Eine "heile Welt" sei es dennoch nicht, was der Regisseur im Malersaal des Schauspielhauses zeige. "Trotzdem ist es ein Trost, hier unten zu sein, bei diesen Ungeselligen, Leisetretern, In-sich-Gekehrten, diesen Verdrucksten und Verträumten." Es sein ein Abend von "ungetrübter Behaglichkeit", was gleichzeitig vielleicht dessen "einzige Schwäche" ausmache, so die Kritikerin.