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V-Effekt mit Wow-Effekt

von Martin Thomas Pesl

Wien, 8. Juni 2021. Die Wooster Group hat es verdient, dass man über sie recherchiert. Muss man auch, wenn man kaum vierzehn Jahre alt war, als die legendäre Kompanie zuletzt in Wien gastierte, und sie daher nicht aus eigener Anschauung kennt. Vor allem aber recherchieren die Woosters selbst gern. Obsessiv. Das ist ihr Ding. Als sie auf Einladung Christophe Slagmuylders, des Intendanten der Wiener Festwochen, an Brechts "Die Mutter" arbeiteten, kam ihnen die Pandemie gerade recht. Ein Jahr länger konnten sie hinter den verschlossenen Türen ihrer "Performance Garage" alte Aufführungen sichten, Brechts Theorien lesen und an jedem Wort ihrer selbst erstellten Übersetzung ins Amerikanische feilen. Nun fand tatsächlich eine Wooster-Weltpremiere in Wien statt.

Ein waberndes Rätsel

In New York nennt man das 46 Jahre alte Kollektiv mit der 77-jährigen Regisseurin Elizabeth LeCompte die Mönche des Theaters. Auf der Bühne hinterlässt ihr hermetischer Zugang Rätsel. Einige Elemente mögen für den Arbeitsprozess gewiss wichtig gewesen sein, erschließen sich den Zuschauenden aber nicht. Die beiden unterschiedlich großen Videoflächen zum Beispiel. Die eine zeigt animierte Schwarzweißpanoramen, die andere Ausschnitte davon, aber mit einem wabernden Violett überlagert. Zwischen den Szenen werden sie ohne erkennbaren Grund sorgfältig gegeneinander verschoben.

The Mother 1 600 Nurith Wagner Strauss uWeltstars des Theaters zu Gast © Nurith Wagner Strauss

Oder allerlei Gegenstände auf der Bühne, deren Beschaffenheit und Zweck schon aus mittlerer Entfernung nicht zu entschlüsseln sind – laut einer Notiz im Programm stammen sie aus alten Wooster-Group-Produktionen und werden hier neu gewidmet. Oder der winzige Monitor, auf den Erin Mullin starrt, als sie mit dem Rücken zum Publikum sitzt, und auf dem auch irgendwas Schwarzweißes abläuft, was endgültig niemand mehr erkennt. Am meisten natürlich die Tatsache, dass die Spieler:innen sich trotz beharrlichen Applauses am Ende nicht verbeugen.

Dennoch überwiegt bei aller Befremdung die wohlbekannte Verfremdung. Nach den Gewehren der Frau Kathrin Angerer bringen die Festwochen gleich wieder Brecht, und zwar diesmal wirklich. Simple Schrifttafeln bezeichnen Schauplätze oder Personen, und wenn es zu naturalistisch zu werden droht, wird gesungen: Den gesamten Abend unterlegt eine Komposition von Amir ElSaffar unter Einbeziehung von Hanns Eislers Originalmusik, die ganz zum Schluss etwas unvermittelt in eine verzerrte Rave-Moderne ausartet.

Lenin hat mitgeholfen

Auch Brecht selbst gerät auf die Metaebene. Zum Einstieg erklärt Jim Fletcher im Ton eines nervösen neuen Lehrers die Rahmenbedingungen: Das Lehrstück "Die Mutter" (1931) basiere auf Maxim Gorkis Roman, eine ungebildete Arbeiterin lerne darin etwas über den Kommunismus, und sogar Lenin habe Gorki dabei geholfen, diesen gut darzustellen. Ein andermal wendet sich Fletcher ans Publikum, es habe ja sicher schon erkannt, dass er jetzt einen Polizisten darstelle, er werde jetzt im Schnelldurchlauf dessen Hausdurchsuchung andeuten.

The Mother 2 600 Nurith Wagner Strauss uDie Revolution kann kommen © Nurith Wagner Strauss

Auf die eigenen Recherchen zur Aufführungsgeschichte wird mit verschämtem Stolz verwiesen. "But that was in the German production", murmelt Kate Valk, aus der Rolle der "Mutter" Palagea Wlassowa steigend. Es ist eines der wenigen Male, dass Valk in ihr Mikroport hineinspricht. Normalerweise bewegt sie, ebenso wie ihre Kolleg:innen, wann immer sie das eigentliche Stück spielen, nur die Lippen zu ihrer eigenen voraufgezeichneten Stimme. So präzise geschieht dies, dass einen der Versuch, Fehler aufzuspüren, in den Wahnsinn treiben kann. Dass die Wahl dieses Stilmittels ursprünglich pragmatische Gründe hatte – keine spuckenden Sprechenden in viralen Zeiten –, schmälert keineswegs seinen Verfremdungseffekt.

Schritt für Schritt in den Tod

Alle Verschrobenheiten dienen letztlich dazu, dass man unterm Strich vielleicht die Vorgangsweise nicht versteht, wohl aber, wie im good old angelsächsischen Theater, das Stück. Von Palageas erstem ahnungslosen Verteilen von Flugblättern für die revolutionären Freunde ihres Sohnes führen klare, nachvollziehbare Schritte in weniger als anderthalb Stunden zu dessen Erschießung an einer Wand, die seine Arbeitergenossen gebaut haben – das Lehrstück lehrt, in Kostümen und Sound der Dreißigerjahre.

Fünf Spieler:innen stellen mit einfachen Mitteln ein in sich perfektes Kunstwerk von dichter Kurzweil hin und holen sich nicht einmal den Dank des Publikums dafür ab, stattdessen läuft nur ein Abspann mit den Worten "The End". Das wiederum geht darauf zurück, dass Elizabeth LeCompte sich so gern die alten Filmklassiker im Fernsehen anschaut. Habe ich alles recherchiert.

 

The Mother. A learning play
von Bertolt Brecht nach Maxim Gorki, Übersetzung ins amerikanische Englische: The Wooster Group (Scott Shepherd), Originalmusik: Hanns Eisler
Komposition: The Wooster Group, Inszenierung: Elizabeth LeCompte, Licht: David Sexton, Musik: Amir ElSaffar, Video: Irfan Brkovic.
Mit: Jim Fletcher, Ari Fliakos, Gareth Hobbs, Erin Mullin, Kate Valk.
Premiere am 8. Juni 2021
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.festwochen.at
www.thewoostergroup.org

 

Kritikenrundschau

"Nicht die Interpretationshoheit über ein Werk steht jeweils im Zentrum der Arbeit, sondern die Verfahren der Darstellung", so Margarete Affenzeller im Standard (9.6.2021) über die Arbeiten der Wooster Group. Auch die aktuelle Produktion veranschauliche "diese elaborierte Kunst beispielhaft". Dennoch habe der Abend "vorwiegend retrospektiven Charakter; die Inszenierung ist ein Zitatenschatzkästchen Brecht'scher und Wooster'scher Aufführungstraditionen, vom Sprechgesang bis hin zum Schildertheater." Trotzdem sei es "ehrenwert" für die Wiener Festwochen, "eine so prägende Theatercompagnie auch in ihren späten Jahrzehnten nicht aus den Augen zu verlieren". 

"Man fühlt sich wie ein Parteigenosse, der 80 sibirische Minuten ideologischer Gehirnwäsche absitzen muss. Brecht-Folter", stöhnt Norbert Mayer in der Presse (9.6.2021), obwohl sich Ensemble und Technik "redlich bemüht" hätten. Leider wirke das Ganze dennoch "wie eine Art armes Illusionstheater, das den Mythos des Lehrstücks desillusionieren will". So werde "aus dem V-Effekt (...) der F-Effekt: Die Festwochen schwelgen in Sozialromantik und vermitteln das Privileg, einfach gut zu sein".