logo_nachtkritik_klein.png
Drucken

Ein Glied fliegt um die Welt

von Stephanie Drees

Berlin, 9. Juni 2021. Schöpfen, schöpfen, schöpfen. Man denkt eigentlich an – ja, an was eigentlich? Gar nichts? Es nützt nichts. Schwupps, hier ein neues Gebirge, da ein neues Wesen. Man muss sich das mal vorstellen: Da hat man mal einen Pickel im Gesicht. Er ploppt auf und schon wieder ist Schöpfung angesagt, rasend erschaffen Körper und Geist neues Leben. Und zwar aus sich selbst heraus, einfach, weil sie es können.

Doch alles hat seinen Preis. Gaia, die Urgöttin, die Mutter der Erde und gleichzeitig die Erde selbst, ist am Rande ihrer Kräfte. "Denken, fühlen, schöpfen, gebären", fasst Gaia das in einem ihrer existentialistischen Speed-Monologe zusammen. Wirft mal schnell einige Worte ins Publikum, bevor es mit den Kindern weitergeht, ach, es sind doch mittlerweile schon einige an der Zahl. "Ich wollte alle, die da sind, spätestens als sie da waren", erklärt sie an diesem Abend einmal, aber, auch die begabtesten Über-Mütter müssen mal Dampf ablassen: "Müüüüde. Kaputt, kaputt, kaputt."

Weltschöpfung und Erschöpfung

Es heißt nicht umsonst Erschöpfungs-Syndrom. In "Gaia googelt nicht", diesem Mythen-Mash-Up von Nachwuchs-Dramatikerin Nele Stuhler (ansonsten aktiv in Theaterkollektiven wie FUX), das unter freiem Himmel am Deutschen Theater zur Uraufführung kommt, ist die Frage nach den Anfängen der unsichtbare Gaststar. Eine erzählerische Hydra mit vielen Köpfen, denn wer immer wieder etwas erschafft, der erschafft auch immer wieder Anfänge – und diese münden mitunter in den großen Erzählungen der Weltgeschichte.

Das ist tatsächlich interessant: Wie sind wir eigentlich von einer Erdenmutter-Erzählung, in der eine weibliche Figur die Dinge aus sich heraus erschafft, zu den großen Erzählungen des Patriarchats gekommen? "Gaia googelt nicht" gibt darauf keine echten Antworten, stellt die Frage aber in immer wieder neuen Variationen. Und Regisseurin Sarah Kurze tankt aus diesem Text genug Sprit, um die Inszenierung 90 Minuten lang auf Höchsttouren laufen zu lassen. Das ist nach den vergangenen, theaterstillgelegten Monaten wirklich etwas wert. Auch ohne den ganz großen ideologiekritischen Bogen.

gaia 2 560 c arno declair u"Müüüüde, kaputt, kaputt, kaputt": Gaia (Maren Eggert) ist manchmal ziemlich groggy © Arno Declair

Schließlich sind da die kleineren Bögen: Gaias Satz über die Müdigkeit, er kommt einem bekannt vor, kurz hat man Schauspieler*innen im Kopf, die – mal säuselnd, mal verzweifelt, mal resigniert – Nina in Anton Tschechows "Die Möwe" sind, eine Schauspielerinnen-Figur, die ihren großen Träumen nachhängt.

Es ist einer der hübschen Verweise in dieser wild-verschachtelten Mythen-Komödie auf dem Innenhof des DTs. Einer, der ganz nebenbei aufzeigt, auf welche Weise die ikonischen Frauenfiguren in der kanonischen Theaterliteratur ihren Platz eingenommen haben, nämlich oft sittsam leidend. Dafür ist – und das ist vielleicht das Schönste an dieser lustvollen, kompakten Freiluft-Sause – eine Gaia nicht gemacht. Und eine Maren Eggert, die sie im wahrsten Sinne verkörpert, schon mal gar nicht. Auf Müdigkeit folgt nicht etwa, wie bei Tschechow, der flehentliche Wunsch nach dem "Einmal Ausruhen!". Es geht heiter weiter in dieser Familien-Sitcom voller Gottheiten und jugendlichen Allegorien, die in verschiedenfarbigen Overalls vor einem kitschig-impressionistischen Wandgemälde ihre Neurosen blühen lassen.

Mit Bock

Diese Truppe. Alle machen ihren Job mit größter Spiellust, nicht nur die geilen Böcke haben richtig Bock. Selbst der personifizierte Mythos aus der Mülltonne, im Stück die Figur "kursiv", auf der Bühne ein Conférencier mit Vokuhila und verwehtem 80er-Jahre-Charme, wird von Harald Baumgartner voller schillernd-abgehalfterter Lakonie gespielt.

gaia 3 560 c arno declair hOpen-Air-Theater in Berlin-Mitte: Das Ensemble des DT  (Sarah Maria Grünig, Lisa Hrdina, Maren Eggert, Eli Riccardi, Alexander Khuon, Harald Baumgartner) schnappt mit Gaia nach Frischluft © Arno Declair

Um Ober-Göttin Gaia herum, die Maren Eggert zwischen diszipliniert-alleinerziehender Mutter, beherrschter Gouvernante und stressverfressener Firmen-Managerin hochdreht, schwirrt eine Handvoll Wesen. Die lieben Nachkommen, allen voran die herzerwärmende Sonne (Sarah Grünig), Selene, der personifizierte, selbstoptimiert-verspannte Mond (Elena Riccardi) und Kronos (Alexander Khuon), der sich zumindest in der ersten Hälfte der Inszenierung im wahrsten Sinne im Hintergrund hält. Was verständlich ist, denn mit voranschreitender Mythen-Entschachtelung wird klar: An Kronos' Stelle hätte man sich vielleicht auch dezent versteckt, da lauern Mommy-Issues, die hinsichtlich inzestuöser Verstrickungen Altmeister Freud wohl Verzückungstränen in die Augen getrieben hätten.

Dann ist da noch Uranos, mit dem Gaia eine ihrer bemerkenswertesten Lebensgeschichten erlebt. Mit diesem ihrer Nachkommen soll der Phallus in die Welt kommen. Den hat Gaia mehr oder weniger aus Versehen geschöpft – und, was soll man sagen: Auch wenn Uranos, mit großer komödiantischer Verve von Lisa Hrdina gespielt, schlussendlich seines Liebesstabes beraubt wird (Conférencier: "Es fliegt, das Glied"), die geschlechtliche Fortpflanzung ist nun in der Welt. Wer den Samen hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.

Früchte der Förderung

Der Text "Gaia googelt nicht" ist im Rahmen der Autor:innentheatertage entstanden, dem renommierten Dramatiker:innen-Festival am DT. Zwei Gaia-Texte von Nele Stuhler wurden in den beiden vergangenen Festivaljahren in szenischen Lesungen präsentiert. Sie hat weiter an dem Stoff gearbeitet. Am Uraufführungs-Abend des Stücks zeigte sich auch: Diese Zusammenarbeit fortzusetzen, eine junge Dramatikerin nachhaltig zu fördern, macht sich bezahlt. Nele Stuhler ist – auch abseits der Kollektive, in denen sie ansonsten arbeitet – eine Hoffnungsträgerin für die deutsche Dramatik. Dies behauptet die Kritikerin im leicht tantigen Tonfall. Einfach, weil sie es kann.



Gaia googelt nicht
von Nele Stuhler
Uraufführung
Regie: Sarah Kurze, Bühne: Manuel La Casta, Kostüme: Henrike Huppertsberg, Musik: Marcel Braun, Björn Mauder, Dramaturgie: Sima Djabar Zadegan, Bernd Isele.
Mit: Harald Baumgartner, Maren Eggert, Sarah Maria Grünig, Lisa Hrdina, Alexander Khuon, Eli Riccardi.
Premiere am 9. Juni 2021
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.deutschestheater.de

 

 Kritikenrundschau

Nachwuchs-Regisseurin Sarah Kurze könne sich in "Gaia googelt nicht" ganz auf die Übertreibungslust ihrer Schauspieler verlassen, schreibt Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (11.6.2021). Denn Maren Eggerts blasierte Gaia, Lisa Hrdinas burschikose Uranosverballhornung, Alexander Khuons verhuschter Kronos, Sarah Grünigs und Elena Riccardis verbrabbelte Mond-Sonne-Aktivistinnen und Harald Baumgartners lässiger Mythos himself "können das Narrenschiff schon schaukeln". Stuhlers Text sei klar auf Parodie gebürstet, "sie folgt der alten Masche, ehrwürdige Allegorien als burleske Buddies von nebenan auftreten zu lassen und damit jede Weltordnung als verhandelbar zu begreifen". Witzig sei das, "aber auch viel heiße Luft für heiße Sommerabende".

Dass die komplette Mythologie in Alltagssprache abgehandelt wird, soll das dem Ganzen eine komische Note geben, so Barbara Behrendt im rbb Kultur (10.6.2021). Regisseurin Sarah Kurze setzt auch eher auf vordergründige Komödie. Auf der Spielfläche herrscht noch das Chaos, Mülltonnen und einzelne Requisiten stehen herum. Fazit: Man werde weder mit Stück noch mit der Inszenierung richtig warm, auch wenn es eigentlich keine schlechte Idee sei, die Mythenschreibung feministisch zu hinterfragen.

In der taz (11.6.2021) findet Julia Hubernagel, dass "Gaia googelt nicht" als Komödie und "nebenbei als leichtfüßige Kritik am Geschlechtersystem zu verstehen" sei, schließlich thematisiere es letztlich den femininen Machtverlust. Die Geschichte einer überarbeiteten Schöpfermutter wirke dabei auch nicht unglaubwürdiger als "die Mär einer mal eben in sieben Tagen entstandenen Welt." Das gefällt der wohlwollend gestimmten Rezensentin, die einige lose Stränge bei Text und Inszenierung ausmacht, sich daran aber wenig stört. Auch ohne große Gesellschaftskritik sei der Abend ein Vergnügen. Überladen sei das Stück nicht, aber etwas überdreht. Wer "Spaß am Unsinn" habe, sei hier richtig.