Warum ich mir als Kind das Turbo-Festival gewünscht hätte

von Andrea Schöne

Leipzig, 11. Juni 2021. Als Erstakademikerin und Mensch mit Behinderung spielte Theater in meiner Kindheit und Jugend keine große Rolle im Leben, weil meine Lebenswelten nicht verkörpert wurden. Das Turbo-Festival hätte das sicher geändert. Tatsächlich könnte man mich jetzt fragen: Warum schaust du dir überhaupt ein Theater- und Tanzfestival an, wenn dich das sonst eigentlich kaum interessiert?

Zugänge

Dazu muss man wissen: Mein Interesse am Theater wurde jäh im zarten Alter von sechs Jahren gedämpft. Als einziges Mädchen in meinem Kindergarten wollte ich im Krippenspiel die Maria verkörpern. Nur traute man mir das mit meiner Körperbehinderung einfach nicht zu. Dafür spielte ich einen Engel, der einen Hirten aufweckte. Wütend war ich trotzdem und erinnere mich noch über zwanzig Jahre später sehr bildhaft daran. Womöglich ist das ein Grund warum ich nie versuchte, mich in einer Theatergruppe zu beteiligen, obwohl mich meine Lehrkräfte für mein ausdrucksstarkes Vorlesen lobten und ich bei einem Improvisationstheaterstück in einem Sprachkurs in Italien gefragt wurde, ob ich denn in einer Theatergruppe spiele, weil ich so talentiert sei. Und warum ich kaum ins Theater gehe.

TDJW Challenge Accepted Ich bin Steven Solbrig 03Identifikationsfigur: Jana Zöll in "Challenge Accepted: Ich bin" © Steven Solbrig

Während des Turbo-Festivals kam ich immer wieder ins Grübeln. Welche Zugänge habe ich durch meine Lebenswelten zum Theater? Warum zieht mich dieses Theater-Festival so in seinen Bann? Das Turbo-Festival ist das erste inklusive Kinder- und Jugend-Theater- und Tanzfestival in Deutschland. Vom 3. Juni bis 6. Juni konnte am Theater der Jungen Welt Leipzig (TDJW) wegen der Pandemie nur eine digitale Version stattfinden. Hier war nicht nur Behinderung ein Thema in den Theaterstücken, sondern standen auch Menschen mit Behinderung auf der Bühne, schrieben selbst Stücke oder führten Regie.

Junge Menschen aus vielfältigen Lebenswelten müssen angesprochen werden

Da in meiner Familie niemand ins Theater geht, war mein erster Zugang der Deutschunterricht und das hatte mit meiner Lebenswelt wenig zu tun. In welchen klassischen Theaterstücken kommen behinderte Menschen vor? Und dann auch noch empowernd? Ich hatte den Eindruck, einfach nicht für die Theaterwelt geschaffen zu sein.

Das Turbo-Festival stellte sich auch der Frage: Wo sind all die inklusiven Theaterstücke für das Kinder- und Jugendtheater? Und lud zum Austausch ein. Hier kam ich mit dem Theaterpädagogen Philipp Boos ins Gespräch, der bei dem Spielclub für Kinder in der Schauburg München auch inklusive Strukturen etablieren will. Inklusive Inhalte können im Theater nur entstehen, wenn auch die Schauspieler*innen vielfältige Hintergründe haben.

Erste Einflüsse für inklusive Theaterarbeit erhielt Philipp Boos während einer Workshop-Woche am Theater Hora in Zürich. Die Debatten um Vielfalt in der Theaterwelt und auf den Bühnen stehen für Philipp Boos erst am Anfang und er ist überzeugt, dass eine vielfältige Gruppe Theater viel besser macht. "Ich finde es interessant, wenn ich für ein Theaterprojekt Gruppen versammeln kann, die divers sind. Man hat ein Thema, mit dem startet man in den Prozess und weiß noch nicht, was am Ende herauskommt. Alle profitieren davon, wenn möglichst unterschiedliche Personen zusammenkommen." Gleichzeitig müssen die Theater mehr in die Räume gehen, wo junge Menschen mit vielfältigen Hintergründen sind und diese müssen gezielt angesprochen werden. Meine Lehrkräfte haben mich trotz Lob nie ermutigt der Schultheatergruppe beizutreten. Wer weiß wie sich mein Lebensweg weiterentwickelt hätte?

Empowerment durch Theater auf Augenhöhe

Bei der Performance von Jana Zöll in "Challenge Accepted: Ich bin" starrte ich zunächst auf einen schwarzen Bildschirm. Die Schauspielerin mit Behinderung spiegelt dem überwiegend nichtbehinderten Publikum das Machtgefälle, das behinderte Menschen, auch ich, täglich erleben. Stellt übergriffige Fragen, macht nicht nur sich, sondern auch das Publikum zur Bühne. Auf einer Bühne, wo sonst Menschen mit Behinderung alleine ganz unfreiwillig im Alltagsleben stehen. Ich muss mir einige Tränen verdrücken und versuche Abstand dazu zu gewinnen, wie Zöll auch meine Lebenswelt darstellt.

TDJW Challenge Accepted Ich bin Steven Solbrig 02Jana Zöll in "Challenge Accepted: Ich bin" © Steven Solbrig

Ich sehe plötzlich ihren Körper als Gipsabdruck und sehe mein Ebenbild, weil auch ich wie Jana Zöll kleinwüchsig bin. Zöll fragt das Publikum, wie sie ihren Körper sehen. Insgeheim werden wir zu Verbündeten, weil meine Sichtweise authentisch ist. Danach fängt Zöll an, mit einer Bodycam ihre Bewegungen durch ihre Wohnung zu filmen. Das spiegelt erneut meine Perspektive wieder. Ich fühle mich immer mehr selbst wie ein Teil der Performance. Es folgt eine Erläuterung über Privilegien und wie wenige davon Menschen mit Behinderung haben, weil sie kategorisiert werden. Nüchtern schildert Zöll was es für sie bedeutet, Teil der Risikogruppe zu sein, wie in ihrer Jugend niemand ihren Wunsch Fashion auszuprobieren ernst nahm.

Die Rollen tauschen sich, in meinem Kopf läuft ein Film über meine Jugend ab und ich finde so einige Parallelen. Fühle mich wie in meinen eigenen Workshops als Inklusionstrainerin. Als Jugendliche war ich mir vieler Formen von Diskriminierung und welchen Einfluss diese auf meinen Lebensweg nehmen nicht bewusst. Wie auch, wenn niemand öffentlich darüber sprach? Wie können sich Jugendliche emanzipieren, wenn niemand ihre Lebenswelt spiegelt? Ich wünschte mein 16-jähriges Ich hätte diese Performance gesehen.

Vorbilder schaffen

Und dann gibt es sie doch: Stücke über Inklusion, ohne direkt auf das Thema Behinderung anzusprechen, geschrieben von einer Theaterschauspielerin mit Behinderung. Mit der szenischen Lesung von "Wie das Eichhörnchen zu seinen Flügeln kam" von Friederike Jaglitz brachte das Turbo-Festival das Stück in der Uraufführung auf die Zoom-Bühne. Es handelt von einem kleinen Eichhörnchen, dem Maulwurf und der eingebildeten Amsel. Das Eichhörnchen hat den Traum fliegen zu können und baut sich völlig motiviert Flügel während die Amsel es schallend auslacht, dass Eichhörnchen nicht wie ein Vogel fliegen können. Völlig frustriert von all den missglückten Flugversuchen verbarrikadiert sich das Eichhörnchen in seiner Baumhöhle. Der Maulwurf möchte seinem Freund helfen und bittet deshalb den Waldzwerg um Hilfe. Am nächsten Morgen sind dem Eichhörnchen auf wundersame Weise Flughäute gewachsen und es fliegt so geschickt und flink durch die Bäume wie die Amsel. Das Eichhörnchen und der Maulwurf werden sehr gute Freunde während die Amsel einsehen muss, dass sie Unrecht hatte.

Zurecht fragt sich hier das Publikum: Hatte die Amsel also recht? Fliegen zu können muss einem von der Natur gegeben werden? Muss ich also Grenzen akzeptieren? Keineswegs. Der Waldzwerg, der dem Eichhörnchen über Nacht Flughäute schenkt, steht für mich hier vielmehr als Hilfsmittel und Antrieb, dass niemand sich schämen muss Hilfe anzunehmen, um die eigenen Ziele zu verwirklichen. Ebenso als ein Zeichen für Solidarität und Gemeinschaft, da der Maulwurf seinem neu gewonnenen Freund Eichhörnchen stets Mut zusprach fliegen zu lernen und den Waldzwerg für seinen Freund um Rat bat, weil das Eichhörnchen schon aufgeben wollte.

Jaglitz brachte hier mit viel Witz, liebevollen Charakteren (außer der Amsel) mit Bravour ein Kinderstück auf die Bühne. Vermittelte ohne lehrerhaft zu werden Werte über Freundschaft, Visionen und an die eigenen Träume zu glauben. Nie aufzugeben und sich nicht von anderen Menschen die eigenen Ideen schlecht reden zu lassen. Jaglitz spielte auf Wunsch der Intendantin Winnie Karnofka des Theaters der Jungen Welt Leipzig in dem Stück die Rolle der Amsel. Das ist Ergebnis von Jaglitzs Reise als Theaterschauspielerin mit Behinderung ans Ziel in der Theaterwelt.

Wer bestimmt, was normal ist?

Die Leidenschaft für das Theaterspielen entdeckte sie schon in ihrer Kindheit beim Krippenspiel und in vielfältigen anderen Rollen in der Schultheatergruppe. Als größte Herausforderung beschreibt sie die Rolle des Bettlers beim Sankt-Martins-Spiel als Kind. Vor Aufregung schlotterten regelrecht ihre Beine. Ihre Eltern förderten stets ihr Talent und gaben ihr und ihren Geschwistern durch gemeinsame Theaterbesuche schon früh einen Zugang in die Theaterwelt. Sie ist festes Mitglied in dem Ensemble "Meine Damen und Herren" in Hamburg. Die Theatergruppe wurde ihr zunächst empfohlen. Sie absolvierte eine Hospitation und blieb.

Von der Theaterwelt wünscht sie sich mehr Offenheit für Schauspieler*innen mit Behinderung. Besonders gelungen empfindet Jaglitz hier die neue Art von Inszenierung von Behinderung und Gender durch Alexander Riemenschneiders Inszenierung 2019 in Lukas Bärfuss' "Die sexuellen Neurosen unserer Eltern", welche die gesellschaftlichen Normen schon durch die Besetzung der Rollen infrage stellt. Jaglitz gab hier als Teil des Hamburger Ensembles "Meine Damen und Herren" ein Gastspiel am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. "Die 18-Jährige Dora, die in dem ganzen Stück ein Mensch mit Behinderung ist, wurde von einer jungen Schauspielerin ohne Behinderung gespielt und der Arzt, der war dann Ärztin, nämlich ich. Er hat sogar die Rollen von Doras Eltern vertauscht. Der Vater wurde von einer Frau gespielt, die Mutter von einem Mann." Riemenschneider regt unterschwellig neben der Geschichte wie Dora als junge Frau mit Lernschwierigkeiten ihre Sexualität entdeckt, gleichzeitig das Publikum an über gesellschaftliche Rollen, auch ihre eigenen, an nachzudenken. Was ist "normal"? Wer bestimmt was "normal" ist?

Erstes inklusives Festival im Kinder- und Jugendtheater in Deutschland – gerne mehr davon

Das Turbo-Festival setzt erste Akzente inklusives Kinder- und Jugendtheater bekannter zu machen und gleichzeitig Raum durch öffentliche Debatten Theater konstruktiv und inklusiv weiterzudenken. Zumal das Turbo-Festival auch keine Eintagsfliege sein soll. Die Intendantin Winnie Karnofka kündigte bereits an das Festival wiederholen zu wollen. Dann hoffentlich wieder gemeinsam im Theatersaal, um auch weitere Begegnungen zu schaffen und räumliche Barrieren ebenso anzugehen wie die Barrieren in der Denkweise wie Theater sein soll.

 

 

Turbo: Inklusives Tanz- und Theaterfestival für junges Publikum
Challenge Accepted: ich bin
von Jana Zöll
Regie: Jana Zöll, Dramaturgie: Anna Weyrosta.
Mit: Jana Zöll
Premiere am 5. Februar 2021
Dauer: 50 Minuten, keine Pause

Wie das Eichhörnchen zu seinen Flügeln kam
Szenische Umsetzung & Dramaturgie: Winnie Karnofka & Sebastian Schimmel, Organisation & Begleitung: Martina Vermaaten (MD&H), Ausstattung: Carsten Schmidt, Puppenbau: Mirjam Hoyer, Kostümbildassistenz: Laura Nowka, Regieassistenz: Lea Müller.
Mit: Friederike Jaglitz, Clara Fritsche und Luise Audersch.
Premiere am 6. Juni 2021
Dauer: 40 Minuten, keine Pause

www.theaterderjungenweltleipzig.de

 

 

Portrait Andrea Schone c Kurt SteinhausenAndrea Schöne ist freie Journalistin und Rednerin. Sie studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Geschichte in Eichstätt und Forlì. Als Journalistin mit Behinderung setzt sie sich für authentische Sichtweisen auf die Lebenswelt behinderter Menschen ein und klärt selbst als Inklusionstrainerin auf.
Foto: Kurt Steinhausen

 

 

 
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