Volle Pulle mit Liebesperlen

von Tobias Prüwer

Dresden, 11. Juni 2021. Pinkfarbene Plastikwürste hängen vom Himmel. Auf einer reitet Zofe Brigida und singt zusammen mit dem am Boden stehenden Lover Paolo ein hinreißendes Italo-Pop-Ständchen. Innige Schmacht und schamlose Ironie vereinen sich zum schönsten Moment, der den Dresdner Abend in einer Szene zusammenfasst. "Pure Vernunft darf niemals siegen", sangen einst Tocotronic. Die "Triologie der Sommerfrische" beweist die Richtigkeit der These. Regisseur Rafael Sanchez runderneuert das 260 Jahre alte Drama zum quietschbunten Fest des Theaters.

Liebe und Ehre

Von Carlo Goldonis Original bleiben die Figurenkonstellation und der Grundkonflikt um Liebe und Ehre. Die Sommerfrische, der Gang aufs Land steht alljährlich an; schließlich gehört sich das so für Menschen mit Ansehen. Und wenn man sich dafür verschulden muss. Filippo will mit seiner Tochter Giancinta ebenso aufs Landgut begeben, wie Leonardo mit seiner Schwester Vittoria auf das Anwesen nebenan. Der buhlt heimlich um Giancinta. Und würde Schönling Gugelielmo nicht ebenfalls mitreisen, wäre das Glück perfekt. Ihm wird aber Vittoria ohne sein Wollen versprochen, obwohl ihn Giantica liebt – ihrerseits schon ehevertraglich mit Leonardo verbandelt.

1 280 trilogie der sommerfrische Anna Katharina Muck Henriette Hölzel Raiko Küster Christine Hoppe Foto Sebastian Hoppe In der Sommerfrische wird gebandelt: Anna-Katharina Muck, Henriette Hölzel, Raiko Küster, Christine Hoppe © Sebastian Hoppe

Und Versprechen muss man halten, was sollen sonst die Nachbarn denken? Pure Vernunft muss siegen. Ringsum sorgt eine Figurenentourage für zusätzlichen Wirbel. Alsbald kommt man mit den durcheinander gewürfelten Namen nicht mehr mit. Das macht aber nichts, weil der Grundformel "Ehre vor Liebe" leicht zu folgen ist und die Charaktere sehr komisch herausgearbeitet sind. Zumal der Abend nicht auf den Text setzt, sondern auf unbändige Spielfreude, knallige Effekte und den treffend flach eingestreuten Wortwitz.

Vor den Latz

Die Bühne ermöglicht raumgreifendes Agieren und rasantes Tür-auf-Tür-zu-Stakkato. Das ist wörtlich gemeint. Besonders die arme Zofe Brigida bekommt aufschlagende Türen mehrfach vor den Latz geknallt. Ein Clou ist die Verdopplung der Kulisse. Zwei getäfelte, baugleiche Kaminzimmer sind als die Familienanwesen nebeneinander gesetzt. Das befeuert Turbulenzen bei gegenseitigen Besuchen – irgendwann wird die fehlende, nur gedachte Trennwand gleich ganz durchbrochen. Seitlich weggedreht werden die zwei Räume später zu den Sommerfrische-Landsitzen. Das detailreich-naturalistisch ausgestattete Bühnenbild steht im krassen Gegensatz zum künstlichen Spiel der Figuren in 70er-Jahre-Kostümen.

Pathos am Wursthimmel

Wütendes Aufgestampfe, die Hände über den Kopf werfen und in die Hüften stemmen: Vom Beherrschen der Contenance kann keine Rede sein. Dabei geht es doch gerade um dieses, um der Gesellschaft nicht zu missfallen. Selbst wenn das bedeuten muss, auf Lebenszeit unglücklich zu sein. Ansehnlich ist die an den Tag gelegte schauspielerische Exaltiertheit, weil die Darstellenden gekonnt und hochpräzise arbeiten. Zwischen souveräner Strenge und Liebesleidenden wirft sich Christine Hoppe überzeugend hin und her. Als geldgeiler Lulatsch-Hippie schlackst sich Philipp Lux durchs Bild und eine Affäre mit einer älteren Dame – immerhin er hat Erfolg. Heimlicher Star ist das Dienerduo Brigida und Paolo. Henriette Hölzels und Jannik Hinschs gegenseitiges Umwerben ist selbst beim Pathosmoment mit Wursthimmel von einer Leichtigkeit getragen. Beim Reflektieren über die Warenförmigkeit der romantischen Liebe im Kapitalismus zeigen sie den zweiten Höhepunkt des Abends.

1 560 trilogie der sommer c sebastian hoppeEs geht heiß her auf den zwei Landsitzen © Sebastian Hoppe

Man kann die Inszenierung als Ironisierung der vermeintlich heilen Welt der Telenovelas, einer High-Society-Oberflächlichkeit und Wohnwelt mit Carport ansehen. Der Drang aufs Land könnte auch ein leiser Kommentar zu einer Zeit sein, in der einigen Menschen ihr privater Urlaub wichtiger ist als die gesamtgesellschaftliche Pandemiebekämpfung. Vor allem aber feiert Rafael Sanchez das Theater, geht es um Emotionen statt Erklärungen. Zeigte Rimini Protokoll beim Dresdner Wieder-Auftakt in der vergangenen Woche, dass Theater ohne Schauspielende schlecht funktioniert, so waltete hier die pure Spiellust. Live und volle Pulle.

 

Trilogie der Sommerfrische
von Carlo Goldoni
übersetzt und bearbeitet von Sabrina Zwach
Regie: Rafael Sanchez, Bühne: Simeon Meier, Kosttüme: Ursula Leuenberger, Musik: Cornelius Borgolte, Licht: Olaf Rumberg, Dramaturgie: Kerstin Behrens.
Mit: Holger Hübner, Christine Hoppe, Moritz Dürr, Raiko Küster, Thomas Eisen, Anna-Katharina Muck, Philipp Lux, Ahmad Mesgarha, Henriette Hölzel, Jannik Hinsch, Anton Löwe.
Premiere am 11. Juni 2021
Länge: 2 Stunden, 15 Minuten, keine Pause 

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

 

Kritikenrundschau

Einen "phantasievoll überbordenden Sommertheaterabend mit aller technischen Finesse" sah Andreas Herrmann für die Dresdner Neuesten Nachrichten (14.6.2021), einen "Rausch für die Sinne", den so nur "echtes Theater erzeugen" könne. Regisseur Sanchez wahre die "Balance in der Distanz zum Kitsch" und gönne den beiden "Zank-Elstern" Vittoria und Giacinta "jeweils einen wunderbar ruhigen Monolog", so der Rezensent, der dem Abend einen "veritablen Erfolg in Sachen Auslastung und interaktivem Theaterlustfaktor" prognostiziert.

Regisseur Rafael Sanchez habe sich womöglich von der "quietschbunten Münchner Inszenierung Herbert Fritschs aus dem Jahr 2014 inspirieren lassen", vermutet Rainer Kasselt in der Sächsischen Zeitung (14.6.2021). "Originell" sei der "massive Einsatz von pink-farbenen Schwimmnudeln", dennoch: Slapsticks und Running-Gags stammten "aus der Klischeekiste", man amüsiere sich "in Intervallen". Die Inszenierung vertrage noch "Straffung", dann aber habe sie – "unterhaltsam" und "gut gespielt" – das "Zeug zum Renner".

 
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