Blut spritzt in Puppenheim

von Andrea Heinz

Wien, 12. Juni 2021. Die Geschichte von Maurice Maeterlincks "Pelléas und Mélisande", Hauptwerk des symbolistischen Theaters, ist schnell erzählt und erinnert eher an eine Legende, als an eine realistische Geschichte: Ein (angeblicher) Prinz findet im Wald ein Mädchen, er nimmt es mit auf sein Schloss und heiratet es, aber das Mädchen ist unglücklich, verliebt sich in seinen Bruder und alles endet schrecklich böse. Natürlich ist das Mädchen schön und geheimnisvoll, freilich auch unschuldig, der Prinz aber ist eifer- und rachsüchtig, wie Frauen und Männer halt eben so sind, man kennt das ja aus Film, Fernsehen und nicht zuletzt aus dem Theater.

Der Waffennarr liebt rohes Fleisch

Daniel Kramer (zuletzt künstlerischer Leiter der English National Opera in London) inszeniert das Ganze im Akademietheater als düstere und reichlich plakative Elegie. Die karge Bühne (Annette Murschetz) bleibt oft nackt bis auf einen im Hintergrund befindlichen gläsernen Gang, in dem man Golaud, den Prinzen, ab und an auf ein Stück von der Decke hängendes rohes Fleisch schießen sieht, dass das Blut nur so spritzt. Dieser Golaud, famos gespielt von Rainer Galke, ist – nur falls es noch nicht deutlich wurde – ein Brutalo und Waffennarr, aber dazu gleich mehr.

1 560 pelleas und melisande Barbare Petritsch Geneviève Sophie von Kessel Mélisande Rainer Galke Golaud c susanne hassler smithIn fieser Familie: BarbarA Petritsch (Geneviève), Sophie von Kessel (Mélisande) und Rainer Galke (Golaud) © Susanne Hassler-Smith

Ab und an werden Bilder auf den gläsernen Gang projiziert, etwa von zusammengenähter Haut oder schreienden Mündern, davor wechseln sich spärliche häusliche Versatzstücke ab, ein Kinderbett, ein Puppenhaus, eine Schaukel. Der Boden ist mit schwarzem Sand bedeckt, in dem Mélisande auf ihren hohen Hacken bedeutungsschwer versinkt, man befindet sich nämlich auf einer unentrinnbaren Insel.

Kaputte Familie auf Wasserschloss

Golauds Schloss, in dem er mit Großvater (Branko Samarovski) und Schwiegermutter (im Fatsuit und schön böse: Barbara Petritsch), beide siech, seinem Bruder Pelléas (will einfach nur weg von seiner kaputten Familie: Felix Rech) und dem zum Crossdressing neigenden Sohn Yniold (Maresi Riegner) haust, ist ein Wasserschloss. Draußen herrscht eine Hungersnot, einmal taucht kurz eine Horde Bettler auf, die Leute sterben impertinenterweise direkt vor dem Schloss, aber so wirklich kümmert das hier nicht. Denn es geht um etwas anderes, es geht um Mélisande (Sophie von Kessel als Frau aus Stepford), die traumatisiert aus einer früheren Beziehung gekommen, offenbar ohne Ausweg in der Beziehung zu Golaud gelandet ist und nun erneut traumatisiert wird.

3 560 pelleas und melisande rainer galke golaud c susanne hassler smith Golaud (Rainer Galke) lässt gern die Gliederpuppe leiden © Susanne Hassler-Smith

Um das zu zeigen, greift Kramer symboltechnisch in die Vollen: Golaud bekommt in manchen Szenen monströse, Hulk-mäßige Hände verpasst, oder, auch davon wird noch zu sprechen sein, ein bizarres, keulenartiges Gemächt.

Die zerlegte Frau

Vor allem aber Mélisande wird, wie man das mit Frauenkörpern ja immer prima machen kann, in ihre Einzelteile zerlegt: Ihre Haare, im Text ein zentrales Symbol, schleppt sie in Koffern mit sich herum, zieht sie auf und wieder ab, trägt sie am Ende sogar als Kleid. Ihre Hände werden zum Schluss durch kleine Puppenhändchen ersetzt, ihre (Puppen-)Augen auf die Bühnenrückwand projiziert.

Diese Puppe symbolisiert den abgespaltenen Teil ihrer Persönlichkeit, Mélisande trägt sie die meiste Zeit mit sich herum, ein blondhaariges Püppchen im weißen Kleid – wenn ihr selbiges nicht gerade vom Leib gerissen wurde. Denn was Golaud mit seiner Frau anstellt, wird anhand dieser Puppe gezeigt, und hier kommt nun auch das bereits erwähnte Gemächt zum Einsatz.

2 560 pélleas und melisande Barbare Petritsch Geneviève Sophie von Kessel Mélisande c susanne hassler smithOpfer von Schändungen: Sophie von Kessel als Mélisande (am Boden). Dahinter: Barbara Petritsch © Susanne Hassler-Smith

Dass man, wenn man Gewalt gegen Frauen anprangern und sein Mitgefühl für diese Frauen ausdrücken möchte (und das scheint Kramer laut Programmheft zu wollen), diese Gewalt besser nicht reproduzieren, die Frau nicht noch mal zum Objekt machen sollte, indem man einer Puppe auf der Bühne (natürlich nur symbolisch!) den Arsch aufreißen lässt, um dann einen überdimensionierten Symbol-Penis hineinzustopfen, scheint dem Produktionsteam offenbar niemand gesagt zu haben. Abgesehen davon, dass ein Schauspieler wie Rainer Galke durchaus dazu in der Lage wäre, diese Gewalt auch darzustellen, ohne sie gleich zeigen zu müssen. Aber dann verstehen es die Leute ja nicht.

Überhaupt reproduziert die Inszenierung eigentlich nur überdeutlich das altbekannte Muster: Sophie von Kessels Mélisande ist in erster Linie eine etwas devote, schreckhaft dreinschauende Frau, ein Opfer, über das man wenig erfährt, außer dass sie den einen Mann fürchtet, den anderen aber liebt und am Ende stirbt, weil sie ohne ihn nicht leben will. Quasi: Selbstbestimmung.

Schaler Nachgeschmack

Es gibt durchaus tolle Momente an diesem bildstarken, atmosphärisch dichten Abend, das darf man nicht unterschlagen, etwa wenn die ohnehin großartige Maresi Riegner als Yniold ihrem Vater mit einem kleinen Kasperletheater vorführt, was Mélisande und Pelléas miteinander gemacht oder eben nicht gemacht haben.

Aber er zieht sich leider auch gewaltig dahin, und die als Blenden eingeschobenen Szenen, in denen Leonie Berner vor dem Glücksrad-Setting als Moderatorin Vanna White auftritt, sind zwar schön anzuschauen, machen aber wenig Sinn und überfrachten das Ganze. Da scheinen seine Ideen mit jemandem durchgegangen zu sein, bloß: Nur, weil man ein symbolistisches Stück inszeniert, kann man deshalb noch lange nicht alles ungefiltert auf die Bühne bringen. Sowieso bleibt am Ende vor allem ein schaler Nachgeschmack. Darüber, dass ein Abend, der so feministisch tut, dermaßen unter-feministisch ist.



Pelléas und Mélisande
von Maurice Maeterlinck
Fassung von Daniel Kramer, neu übertragen von Alexander Kerlin unter Einbeziehung der Übersetzung von George Stockhausen (1897)
Regie: Daniel Kramer, Bühne: Annette Murschetz, Kostüme: Heidi Hackl, Musik: Tei Blow, Licht: Friedrich Rom, Sounddesign: Alexander Geiger-Wagner, Lars Völkerling, Videodesign: Marcell Bándi, Johannes Traun, Körperskulpturen: Peter Sandbichler, Dramaturgie: Alexander Kerlin.
Mit: Leonie Berner, Sophie von Kessel, Felix Rech, Rainer Galke, Barbara Petritsch, Branko Samarovski, Maresi Riegner, Bianca Kobald, Ylva Maj, Victoria Rottensteiner, Valentina Waldner, Pia Nives Welser, Clara Zeiszl.
Premiere am 12. Juni 2021.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

"So enigmatisch einzelne Szenen sind, zeigt sich nach und nach ein System", schreibt Michael Wurmitzer im Standard (13.6.2021), der vor allem die schauspielerischen Leistungen lobt: Als Titelpaar zeigten Sophie von Kessel und Felix Rech "Tragik und Witz", aber das gesamte Ensemble "liefert". In ihrem Fokus auf die Gewalt gegen Frauen wirke Kramers Inszenierung "alles andere als aus der Zeit gefallen".

Daniel Kramer zeige die "schwere Kost aus Gewalt und Trauma, Frauenhass und Frauenangst in fast spielerischen Andeutungen, kurzen, ständig wechselnden Bildern, voller schriller Töne und exaltierter Gesten", so Cathrin Kahlweit in der Süddeutschen Zeitung (13.6.2021). Die Inszenierung lebe "von der Ambivalenz des stetigen Stimmungswechsels". Das wolle mitunter zu viel und bleibe letztlich "seltsam oberflächlich". 

Regisseur Daniel Kramer habe die Geschichte Maurice Maeterlincks in "Ambieten zwischen Boulevard und Bezirksgericht" befördert, meint Barbara Petsch in der Presse (14.6.2021). Aus der "absichtsvoll verschlüsselten" Story des Autors mache Kramer ein "Traktar gegen böse Politik und für Feminismus", mit dem er "alle aktuellen Themen" abhake. Viele Zuschauer hätten das Haus "enttäuscht" verlassen, schreibt die Rezensentin, die sich dieser Enttäuschung anzuschließen scheint. 

 
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