Das Leben hinterm Rücken

von Katrin Ullmann

Hamburg, 12. Juni 2021. Grinsend kaut sie die saure Schlange zu Ende, dann erst singt sie los. Singt von den weißen Wolken und den Träumen, vom Abendwind, von Tränen und natürlich von der Liebe. Wie ein Kind steht sie da. Die papierne Schnuckertüte in der einen Hand, das Mikro in der anderen. Ihre selbst gemalten Wimpern enden als dicke Striche überm Augenlid, im wuscheligen Haar hängt eine verrutschte Tüllschleife. Breitbeinig und barfuß steht sie da und singt – nichts ahnend von der Welt – einen Schlager nach dem anderen. Die ganze Bühne gehört ihr. Sie, das ist Marret Feddersen, das ist der "Stern von Brinkebüll". Großartig spielt Cathérine Seifert diese eigenwillige Frau aus Dörte Hansens Zeitenwenderoman Mittagsstunde, den Anna-Sophie Mahler für die Bühne adaptiert und am Thalia Theater inszeniert hat.

Zigaretten im Stroh

Marret ist eine Figur, die man beim Lesen kaum greifen kann, die man sich vorstellt irgendwo zwischen Weltferne und Wut, zwischen zurückgeblieben und verrückt; mehr Mädchen als Frau. Seifert verkörpert sie mit einer wunderbar lässigen, faszinierenden Selbstverständlichkeit. Als eine Frau, die stur ist und merkwürdig, die Pantoffeln trägt, im Stroh raucht und regelmäßig den Weltuntergang verkündet. Eine, die aus Neugier und Ahnungslosigkeit mit einem sie verlachenden Landvermesser im Heu landet. Eine die immer Kind bleiben wird und dann selbst eines bekommt.

Mittagsstunde2 560 Armin Smailovic uZwischen Aschenbechern, Zapfanlage und deutschen Schlagern: Line-Dance in in Brinkebüll © Armin Smailovic

Dieses vaterlose Kind wiederum ist Ingwer Feddersen, der im Gasthof seiner Großeltern aufwächst. Zwischen Aschenbechern, Zapfanlage und deutschen Schlagern. Der als promovierter Uni-Dozent in Kiel noch immer verfolgt wird vom 4/4-Takt und der sich im Gegenzug regelmäßig in die Musik von Neil Young stürzt. Thomas Niehaus spielt jenen Anfang-Vierzigjährigen, der sich jetzt ein Sabbatjahr, ein "Bummeljahr", genommen hat, um seine alten Eltern zu pflegen. Da in seinem Heimatdorf Brinkebüll auf dem platten Land.

Midlife-Crisis im Strickpulli

Tatsächlich macht es Niehaus genauso wie seine Figur: Er stürzt sich in die Musik. Lässig und gekonnt wechselt er von Gitarre, Trompete zu Horn und Akkordeon, interpretiert Schlager und Kanons genauso wie Songs von Neil Young. Und wenn er zur Mundharmonika greift, ist das echt zum Heulen schön. Bei weitem ergreifender, als wenn er – recht technisch und distanziert – diesen Midlife-Crisis-Typen im Strickpulli spielt. Klar gehört er, der "was Besseres" geworden ist, nicht mehr so richtig in diese Dorfgemeinschaft. Am vorderen Bühnenrand, entsprechend weit weg, sitzt er von denen, die Heuballen schleppen oder im Fransen-Jeansoutfit (Kostüme: Pascale Martin) Line-Dance tanzen. Meist sitzt er dort vorn, hat die Gitarre um den Hals oder eine Marlboro im Gesicht singt oder erzählt. Erzählt so unbeteiligt, als wäre sein Leben ein Film, der sich in seinem Rücken abspielt.

Mittagsstunde1 560 Armin Smailovic uDer musikalische Einzelgänger in der Dorfgemeinschaft: Thomas Niehaus als Ingwer © Armin Smailovic

Diesen Film, dieses Dorfleben fasst die Regisseurin Anna-Sophie Mahler in realitätsnahe, ruhige, meist von der Live-Musik getragene Bilder. Da gibt es Chorproben und wortkarge Tresenmomente, autoritäre Schulstunden und Todesanzeigen zum Frühstück: Die weitgehend leere Bühne von Katrin Connan bietet dafür nicht mehr als ein paar Strohballen und Baumstümpfe und – im Zentrum stehend – einen Tresen, der so aussieht, als hätte man das Eichenholz-Klavier aus dem Gemeindesaal und den Altar der Dorfkirche zusammengebaut. Hier ist es weder urig, gemütlich noch geschmackvoll. Hier ist es, "ach du Scheiße", so wie es schon immer war. Mit nur wenigen naturalistischen Mitteln skizziert Connan ein Brinkebüll weit entfernt von Postkarten-Idylle oder Landlust-Verklärung und zeigt so, dass das irgendein Dorf sein kann. Eben eines, das durch die Flurbereinigung seinen ursprünglichen Charakter verloren hat.

Sehnsuchtsmelodien ohne Reibungsfläche

Anna-Sophie Mahler macht ziemlich viel richtig an diesem Abend. Ihre Bühnenadaption fokussiert sich auf ihren Erzähler Ingwer Feddersen, die Schauspieler*innen sind durch die Bank große Klasse, ihre Figuren sind wortkarg, stoffelig, verschroben, menschlich und ihre Haltungen klar. Die Regisseurin schafft durch den geschickten Einsatz von Live-Musik (Volker Zander, Tobias Levin, Martin Wenk, Henning Wandhoff) intensive – gegen Ende überwiegend melancholische – Atmosphären.

Vor allem aber stellt sie mit "Mittagsstunde" jene Generation von Erinnerungen auf die Bühne, die in den mittelalt besetzten Zuschauerreihen garantiert auf Resonanz und damit auch auf Rührung stoßen. Dieser Abend ist klassisches, psychologisch erzähltes, sehr gut gearbeitetes Schauspielertheater, mit einem grandiosen Ensemble und der beruhigenden Eindeutigkeit einer stringenten Erzählung. Mit Mut zu Kunstschnee, Walzer und Sehnsuchtsmelodien. Aber es ist eben auch – was vor allem an der Vorlage liegt – ein Theater ohne Rätsel oder Reibungsfläche.

 

Mittagsstunde
nach dem Roman von Dörte Hansen, Bühnenfassung von Anna-Sophie Mahler
Uraufführung
Regie: Anna-Sophie Mahler, Bühne: Katrin Connan, Kostüme: Pascale Martin, Dramaturgie: Matthias Günther, Musik: Volker Zander, Live-Musiker: Volker Zander, Tobias Levin, Martin Wenk
Henning Wandhoff, Video: Georg Lendorff, Licht: Jan Haas.
Mit: Thomas Niehaus, Cathérine Seifert, Bernd Grawert, Christiane von Poelnitz, Tilo Werner, Björn Meyer.
Premiere am 12. Juni 2021
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.thalia-theater.de

 

Kritikenrundschau

Wie Anna-Sophie Mahler "aus Dörte Hansens 300 Seiten langem Roman ihren Theaterabend entwickelt, mit Musik als Herzfaden, ist schlicht großartig", zeigt sich Katja Weise in ihrem Radiobeitrag im NDR (13.6.2021) begeistert. Die Regisseurin habe die "Sprachlosigkeit in Musik übersetzt" und auf das Ensemble überzeuge an diesem "melancholischen, mitreißenden Abend, der so kunstvoll vom Leben und Verschwinden erzählt", so die Kritikerin.

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Kommentare

Kommentare  
#1 Mittagsstunde, Hamburg: HerzenCarolin 2021-06-13 16:27
...für diesen Artikel, insbesondere den 1. Absatz. Mit "wuschelig" und "gebüschelt" gewinnt man halt die Herzen, Frau Ullmann!
#2 Mittagsstunde, Hamburg: DankInes Lacroix 2021-06-13 21:27
...also ich habe gelacht, geweint, gestaunt! Meinen allerherzlichsten Dank!
#3 Mittagsstunde, Hamburg: OhrwürmerHeiko Michels 2021-11-08 17:56
Gehn Sie nie in dieses Stück!
Es ist zwar ganz gut, aber man hat tagelang mit den schlimmsten Ohrwürmern zu kämpfen.
#4 Leserkritik: Mittagsstunde, Thalia HHReiner Schmedemann 2021-11-11 17:25
Dörte Hansens „Mittagsstunde“ erzählt vom Landleben in Nordfriesland. Ein Leben harter Arbeit in einer rauen Landschaft mit Sturm und Regen, in der der Mensch nicht viel zu sagen hat. Die Flurbereinigung hat die Landschaft zerstört, statt Bienen hört man nur noch das Brummen der Windräder. Scharf beobachtend erzählt D. Hansen von einer Welt des Vergehens. Es ist die Geschichte von Ingwer Feddersen, der in sein Dorf zurückkehrt, mit Menschen, die verschlossen sind, knorrigen Figuren mit ihren Absonderlichkeiten, Feindschaften, Neigungen, Neugier und Wärme. Eine Familiensaga schmucklos und voller Wehmut. Aus diesem Erfolgsroman macht Anna-Sophie Mahler eine Bühnenfassung für das Thalia Theater in Hamburg. Dabei geht sie mit D. Hansen, deren Kapitelüberschriften Songtitel sind. A.-S. Mahler setzt auf Musik und Schlager. Sie werden zu einer der tragenden Säulen dieser Inszenierung. Musik weckt Erinnerungen, wie es Erzählung nicht schaffen kann. Sie greift die Emotion an und zieht uns in die Geschichte. Diese gelungene Verflechtung von Erzählung und Musik macht den Abend zu einem erlebbaren Ereignis, ohne Kitsch, Klischees und Pathos, wie man ihn oft in Musicals findet. Es ist Schauspielertheater, die mit der Musik zaubernd. Thomas Niehaus als Ingwer hat enorm prägnante Auftritte, wenn er zu Beginn erzählend am Rand der Bühne mit Gesang und Gitarre in die Geschichte einführt oder wenn er nach der Pause über seine Wohngemeinschaft, seine Beziehung zu Frauen oder den Sinn seines Lebens sinniert. Da wird es still und hintergründig. Gewürdigt wurde dies mit dem Mares-Preis. Cathérine Seifert spielt die Marret überwältigend. C. Seifert verkörpert dieses Wesen zwischen Mädchen und Frau, Wut und Verrücktheit, Weitsichtigkeit und Trotteligkeit mit einer Selbstverständlichkeit, die zeigt wie gewaltig Theater daherkommen kann. C. Seifert liefert Bilder, die einen noch lange verfolgen, wie das Rauchen im Heu oder ihre Wut gegen ihre Schwangerschaft. Sönke (G. Schaupp) und Ella (Ch. v. Poelnitz) verkörpern beeindruckend die Gebrechlichkeit des Alters und es gelingen starke Bilder, wie ihr Schneewalzer. Starke Sänger*in C. Seifert, Th. Niehaus und B. Meyer sowie die Barracudas und T. Werner hauchen der Geschichte, die Emotionalität ein, die wie ein Funken ins Publikum springt und die Zuschauer (55 Plus) in eine Welt entführt, die zum Teil ihre eigene war. A.-S. Mahler und das Ensemble des Thalia Theaters haben einen Schlüssel gefunden, diesen Roman so aufzuschließen, dass begeisterndes, mitreißendes Theater entstand, das nicht auf Postkarten-Idylle und Musical-Verklärung setzte, sondern schmucklos schön und einem Schuss Wehmut, gewürzt mit trocknem nordischem Humor und selbstkritischer Ironie zu einem Erfolg beim Publikum wurde. Es muss nicht immer Musical sein, was diese Inszenierung belegt. Merci & Chapeau!

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