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Jeder kämpft für sich allein

von Stephanie Drees

Berlin, 13. Juni 2021. "Jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich" – Leo Tolstois zu Berühmtheit gekommenes Zitat scheint hier erstmal zu passen wie die Ente in den Teich. Aber. Moment. Die Dinge sind dann doch komplizierter, denn wir haben es an diesem Abend mit zwei Familien zu tun, deren Schicksale seit langer Zeit miteinander verwoben sind: Da gibt es die Ekdals und die Werles, zwei Männer sind ihre Patriarchen, zwei Fluchtpunkte auf den imaginären Familienbildnissen. Diese beiden Männer, eigentlich hätten sie noch ein Hühnchen miteinander zu rupfen. Das wäre wohl die ehrlichste aller Varianten gewesen, ihre individuellen Lebensgeschichten zu schreiben.

Das Phantom hinterm Plüschsofa

Einst waren sie so etwas wie Geschäftspartner, und nun ja: Der eine hat es geschafft, der andere nicht, der eine lebt noch immer, oder gar noch besser in der Kleinstadt, thront als Unternehmer an ihrer Spitze, lenkt die sozialen und wirtschaftlichen Geschicke mehr oder weniger offensichtlich. Und der andere: War mal Offizier, dann folgte der Knast, denn so ganz koscher ging es bei den tollen Geschäften mit dem tollen Geschäftspartner eben nicht zu. Einer muss den Kopf hinhalten. Es herrscht "Friss oder werde gefressen!" im Tierreich wie in der Vernunftehe zwischen Kapitalismus und Patriarchat.

Wildente2 560 Arno Declair h"Jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich" © Arno Declair

Und auch im Kapitalismus gibt es die Gespenster, die umhergehen und auf ihre Weise die Geschicke prägen. Regisseur Stephan Kimmig, mittlerweile mit einem Theater-Portfolio ausgestattet, das ihn als eine Art Ibsen-Experten ausweist, mag sie, die Schrecken des bürgerlichen Untergrunds. Phantome, die hinter den Henrik-Ibsen-Plüschsofas lauern. Auch hat er ein Händchen für ihre Domestizierung. So drängt sich an diesem Abend recht schnell die Frage ins Feld: Warum setzt er es für diese Arbeit so verhalten ein?

Familienmief in strahlend Weiß

Trotzdem ist das einer der durchdachteren Schachzüge in dieser Ibsen-Inszenierung am Deutschen Theater in Berlin: Die Väter sind zwar immer da, aber keiner von ihnen tritt auf. Zitiert werden sie, gar Zwiesprache wird mit ihnen gehalten, wenn Hjalmar oder Gerdis (hier als weibliche Überschreibung der Sohn-Figur Gregers), ihre direkten Nachkommen, auf der Guckkastenbühne umhertigern. Die Westen sollen in Weiß erstrahlen bei den beiden Familien. Eine klinisch-weiße Bühne, mal mehr, mal weniger grell ausgeleuchtet von Decken-LEDs, helle Kostüme für alle. Eine hermetische Zelle mit kreisrunden Fenstern, vor denen angedeutete Ventilatoren den Familien-Mief aufwirbeln. Ein menschliches Versuchslabor. Jeder und jede kämpft für sich allein. Aber alle beäugen sich. Permanent. Kimmig inszeniert den Text als großes Drama über Kommunikationsunfähigkeit, darüber, wie Egomanie und Taktik emotionale Gefüge zerfressen – im Innen wie im Außen.

Wildente1 560 Arno Declair uKommunikationsunfähigkeit im aseptischen Familien-Käfig © Arno Declair

Das ist ein guter Ansatz. Leider gerät das Ganze zu einer überwiegend aseptischen Textschlacht, bei der sich nicht nur die Figuren, sondern teilweise auch die Schauspieler*innen im Wege stehen, gibt ihnen die Inszenierung doch wenig Raum mehr zu sein als Repräsentant*in der sozialen Unterkühlung. "In einer Familie braucht einer den anderen", der Satz fällt recht früh an diesem Abend auf der Bühne des Deutschen Theaters und er ist ein Pars pro toto. Er hätte von allen kommen können – mit Ausnahme des konventionsüberdrüssigen, bürgerlichen Standards trotzenden Dr. Rellings aus der Kategorie "Freund der Familie". Er ist der Narr im Spiel, der den unsichtbaren Spiegel für diese schrecklich nette Sippe immer zur Hand hat.

Kontrapunkt und Kotze

Abhängigkeiten stabilisieren das dysfunktionale System selbstredend, und über den Abgrund hinwegreden können alle gut. Mit Ausnahme der jugendlichen Tochter Hedvig, die auf dem berühmten Dachboden dieses Stücks eine Wildente hegt und pflegt, die, verletzt und flügellahm, alles andere als wild ist. Linn Reusse spielt Hedvig mit Intensität. In dieser Inszenierung ist das Kind, das allen erwachsenen Ego-Monstern aus dem Blickfeld gerät, eine autistisch anmutende Kassandra. Fast erblindet, die Ente, ihr Kostbarstes, zärtlich-stoisch in einem gläsernen Wägelchen hinter sich herziehend. Ihr sprachliches Stakkato, ihre mäandernden Gedanken: Reusses Spiel wirkt im Vergleich zu den empathiebefreiten Kommunikations-Scharmützeln ihrer Mitspieler*innen manchmal fast überzogen, obwohl es das unterm Strich nicht ist. Kimmig setzt hier den Kontrapunkt, da ist sie, die personifizierte Wahrhaftigkeit und sie hat keine Chance, null, nada. Da sind die übermächtigen Anderen wie Hedvigs Vater Hjalmar, der seine eigene Frau beim Sprechen nicht mal anschaut, wie ein Soldat den Blick stur nach vorne gerichtet die Worte am Bühnenrand ins Publikum brüllt. Immer wieder arrangiert Kimmig die Dialoge auf diese Weise, die Figuren stehen versetzt – und die Texte werden ausgekotzt, liegen dann vor ihnen in einer unsichtbaren Lache. Auch dies: keine schlechte Idee, die aber so breitgetreten wird, dass schlussendlich Langeweile alle Bitterkeit überlagert. So steht sich auch die Inszenierung oft selbst im Weg. Das ist ein wenig bitter.

Die Wildente
von Henrik Ibsen
Regie: Stephan Kimmig, Bühne: Katja Haß, Kostüme: Anja Rabes, Musik: Michael Verhovec, Licht: Robert Grauel, Dramaturgie: John von Düffel.
Mit: Anja Schneider, Paul Grill, Judith Hofmann, Linn Reusse, Peter René Lüdicke.
Premiere am 13. Juni 2021
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

"Stephan Kimmig ist mit dem ausgezeichneten Ensemble eine packende, wirkungsvoll konzentrierte Inszenierung gelungen," schreibt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (15.6.2021). In hundert spannend komprimierten Minuten könne man im Deutschen Theater bewundern, wie sich Kimmig der Protagonistin und ihrem Schicksal gegenüber "so vorsichtig wie zupackend, so analytisch kühl wie einfühlsam forschend bewährt."  "Und als sich Hedvig hinter der Bühne erschießt, überströmt blendendes Licht den klinisch weißen Schaukasten: Operation gelungen, Patientin tot. Aber das Theater lebt."

"Mit dem Neustart des Theaters startet auch wieder die Routine der halbinspirierten, eher pflichtgemäß als mit erkennbarem Interesse an Tiefenbohrungen absolvierten Klassiker-Inszenierungen," schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (15.6.2021). Stephan Kimmigs Inszenierung sei der aktuelle Beitrag zu diesem "etwas zu weit verbreiteten Genre". Dafür, dass das alles irgendwie nach Gegenwart, zumindest halbwegs modern aussieht, sorgt aus Sicht des Kritikers "eine weiße, sterile Bühnenzelle unter Neonröhren (Bühne: Katja Haß). Vielleicht befinden wir uns in einem Raumschiff oder in der Isolierstation eines Krankenhauses, vielleicht sieht so einfach überehrgeiziges Interior Design aus, egal."

"Es ist eine so präzise wie radikale Familienaufstellung, die Stephan Kimmig hier präsentiert, bis zum bitteren Ende“, schreibt Felix Müller in der Morgenpost (14.6.20219). "Die Schauspieler sprechen oft gezielt voneinander weg und reiben ihre Wünsche und Enttäuschungen manchmal so heftig aneinander, dass es schmerzlich wird", so der Kritiker. "Die Treue zur Vorlage ermöglicht es auch, Schwächen in Ibsens Stück auszumachen, etwa in der plakativen Ausbuchstabierung seines Leitmotivs. Dennoch: ein eindringlicher, sehenswerter Abend über Fragen, die alle etwas angehen."