Nüchterne Märchenzeit

von Andrea Heinz

Wien, 17. Juni 2021. Zu Beginn ist da nur ein Geräusch. Es könnte ein Rudern sein auf einem See, ein Atmen, von einem Menschen, oder vielleicht auch der Luftzug von einem Blasebalg. Marlene Monteiro Freitas, sicher eine der spannendsten Choreografinnen der Gegenwart, hat sich Arnold Schönbergs "Pierrot lunaire" (eine Vertonung von dreimal sieben Gedichten von Albert Giraud) vorgenommen.

Aus der Ära der Exzesslust

"O alter Duft aus Märchenzeit" sind die aus Girauds Zyklus ausgewählten Gedichte für Sprechstimme und Kammerensemble mittlerweile selber, sie haben diesen Geruch von frühem 20. Jahrhundert, als mit der Apokalypse noch nicht ernsthaft gerechnet wurde, und der Exzess ein anerkannter Weg zu Selbstfindung und Erkenntnis war. Zu ihrer Entstehungszeit war die Komposition, selbstredend, ein Skandal, atonale Musik war damals noch shocking. Bei einer Aufführung in Prag kam es mal wieder zu einem "Konzertskandal", die Bühnenskandale traten im 20. Jahrhundert ja inflationär auf. Monteiro Freitas, Freidenkerin und für exzessive, überbordende und überfordernde Perfomances bekannt, scheint genau die Richtige zu sein für ein Stück wie den "Pierrot lunaire".
Pierrot lunaire2 600 Nurith Wagner Strauss uSofia Jernberg singt den Pierrot © Nurith Wagner-Strauss
An Ideen mangelt es ihr auch nicht bei der Wiener Aufführung zusammen mit dem Klangforum (Vera Fischer, Bernhard Zachhuber, Gunde Jäch-Micko, Andreas Lindenbaum, Florian Müller), mit dem Dirigenten und musikalischen Leiter Ingo Metzmacher und der schwedischen Sängerin Sofia Jernberg als Pierrot. Die Motive und Bezugsrahmen überlagern sich, die Musiker*innen/Performer*innen tragen Priesterkleidung und -krägen, auch wenn die Hemden verkehrt herum getragen werden, mit den Krägen und Knopfleisten am Rücken. Walkie-Talkies werden wie Babys getragen und geherzt, und sie schreien auch wie Babys. Instrumente werden hereingetragen und gebettet, als wäre es ein OP-Tisch.

Allerlei Faxen auf der Probe

Die Bühne befindet sich in der Mitte der Halle E im Museumsquartier, das Publikum sitzt rundherum auf allen vier Seiten, an der beweglichen Decke über der Bühne hängen an jeder Seite verzerrende Spiegel. Die Decke selbst ist zu Beginn so niedrig, dass man sich auf der Bühne fast bücken muss, zugleich mit dem ausgehenden Saallicht hebt sie sich.

Pierrot lunaire3 600 Nurith Wagner Strauss uSolisten als Ensemble vereint: Das auf Neue Musik spezialisierte Wiener Klangforum spielt bei Marlene Monteiro Freitas © Nurith Wagner-Strauss

Es ist eine Probensituation, immer wieder kommen Anweisungen oder Kommentare vom Band; wenn gespielt wird, leuchtet das "Record"-Zeichen an der Decke. Dazwischen wird gegessen oder Zähne geputzt, und die Musiker*innen machen allerlei Faxen, auch wenn sie dabei nicht lachen: Sie verwandeln ihren Geigenbogen in eine Angel, sie schielen ausgiebig, rollen auf ihren beweglichen Hockern herum oder formieren sich darauf zu einer rollenden Parade, ins Publikum winkend. Das hat clowneske, manchmal, weiß behandschuht, auch pantomimische Elemente.

Die Freuden des Kannibalen

Die Liebeskummer-Hymne Nothing Compares 2 U wird anzitiert, zwischen den einzelnen Gedichten, auf Italienisch, eine Zeile aus Pasolinis "Porcile" deklamiert, in der Pierre Clémenti als Kannibale gesteht, menschliches Fleisch nicht nur gegessen, sondern dabei vor Freude gebebt zu haben, oder, auf Lateinisch, ein Jesus-Zitat: Selig, die nicht sehen und doch glauben.

Pierrot lunaire1 600 Nurith Wagner Strauss uStrenge Form: Das Raum- und Lichtkonzept der Arbeit stammt von Yannick Fouassier © Nurith Wagner-Strauss

Die Stoßrichtung ist schon klar: Die Grenzüberschreitungen, die im "Pierrot lunaire" stecken, das Spiel mit (nicht nur musikalischen) Dissonanzen, das Mystische, aber auch die Komik, versucht Monteiro Freitas in einer Abfolge von Bildern (und unnötigen Text-Erweiterungen) einzufangen. Man sieht das auch alles und versteht durchaus die Absicht, nur: Es bleibt mechanisch, es verfängt nicht.

Als kammermusikalischer funktioniert dieser Abend durchaus, und Sofia Jernbergs unablässiges Augen-Aufreißen ist zwar zunehmend irritierend, als Sängerin aber ist sie großartig. Nur als Performance nimmt der Abend nie Fahrt auf, da springt kein Funke über. Wer ältere Arbeiten von Monteiro Freitas kennt, wie etwa "Jaguar", bei dem sie auch selbst auf der Bühne stand, der weiß, welche anarchische Kraft sie entwickeln können. Diese Energie aber fehlt "Pierrot lunaire", er ist, auf eine lähmende Art, zu konstruiert, zu kontrolliert, zu nüchtern. "Berauschest wieder meine Sinne", heißt es im Gedicht. Das ist in etwa, was dem Abend fehlt.



Pierrot lunaire
von Arnold Schönberg
Konzept, Regie: Marlene Monteiro Freitas, Musikalische Leitung: Ingo Metzmacher, Herstellung Kostüm: Marisa Ribeiro, Raum, Licht: Yannick Fouassier, Dramaturgie: Martin Valdés-Stauber, Musik: Klangforum Wien.
Mit: Sofia Jernberg, Vera Fischer, Bernhard Zachhuber, Gunde Jäch-Micko, Andreas Lindenbaum, Florian Müller.
Uraufführung am 16. Juni 2021
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.festwochen.at

Kritikenrundschau

Im Standard schreibt Helmut Ploebst (17.6.21, 16:01 Uhr ), für diese zeitgenössische Umsetzung habe "ein höllisch gutes Team zusammengefunden." "Vor allem zur Begleitung der Darstellerinnen-Musiker des von Freitas perfekt instruierten Klangforums, die ihren Schönberg derart gekonnt aus dem Gleis springen lassen", macht Sängerin Sofia Jernberg Eindruck auf den Kritiker, der ihren Auftritt als "anbetungswürdige Performance" beschreibt. Der Rezensent schließt: "Selten werden die Zeichen der Gegenwart so gelungen und gewitzt in Neuerarbeitungen historischer Werke verwoben wie in dieser kongenialen Zusammenarbeit brillanter Kunstschaffender."

Marie-Therese Rudolph beschreibt in der Wiener Zeitung (

Anders sieht es Gerald Heidegger im ORF (17.6.21, 10.56 Uhr) - "Es war sicher alles gut gemeint", öffnet der Kritiker und meint die "maximale Verfremdung", mit der er den Stoff behandelt sieht. "Was das alles mit Schönberg zu tun hatte? Alles und nichts." Mit dem Werk, "das ja die Schönheit in der Freiheit der Assoziation begründet", sei am Ende eben doch nicht zu spaßen. "Leicht gerinnt es zur Karikatur. Und das passierte an diesem Abend." Dem Werk Luft zu geben sei etwas anderes, als es auf 70 Minuten auszudehnen - das mache daraus "eine seltsame installative Fitnessübung für Bildungsbürger" resümiert der Rezensent, der hernach "eher missgestimmt als poetisch verzaubert in die Sommernacht" hinaus trat.

 
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