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Endlich jemand, der zuhört

von Gerhard Preußer

Düsseldorf, 19. Juni 2021. Es war einmal ein Theatermacher vor langer Zeit in einem fernen Land … Nein, das ist die falsche Geschichte. Gestern erhielt Jetse Batelaan den Preis des Internationalen Theater Instituts beim Festival "Theater der Welt" in Düsseldorf. Für an die 15 Theaterstücke für Kinder und Jugendliche, die er an seinem Theater Artemis in 's-Hertogenbosch und in deutschen Produktionshäusern gezeigt hat. Eigentlich sollte er den Preis schon 2020 erhalten, aber erst nach der Verschiebung des Festivals auf 2021 konnte er ihm nun übergeben werden.

Ureinwohner des Theaters

Anlass für die Verleihung ist die Aufführung seines Stückes "Die Geschichte von der Geschichte" (das schon 2019 auf der Biennale in Venedig prämiert wurde) im Düsseldorfer Schauspielhaus. In der Ankündigung heißt es: "Hut ab, wenn ihr uns hinterher sagen könnt, worum es geht! Wir haben den roten Faden längst verloren, aber vielleicht findet ihr ihn wieder?"
Versuchen wir es. Auf der Bühne und im Zuschauerraum gibt es seltsame Gestalten, halbnackt, aber dekoriert mit Bändern, Schnüren, allem möglichem bunten Kram. "Ureinwohner des Theaters" nennt sie die Baseler Dramaturgin Anja Dirks in ihrer Laudatio auf Jetse Batelaan bei der Preisverleihung. Sie sammeln im Düsseldorfer Schauspielhaus Dinge zusammen, deren Funktion sie nicht kennen wie Kinder oder Primaten: Neugier ist der Trieb, Ausprobieren die Methode, nicht Effektivität das Ziel, sondern Vergnügen. Wenn diese geschichtslosen Menschen zufällig auf einen bestimmten Punkt der Bühne treten, ertönt die Stimme der Geschichte. Die Geschichte kommt zur Welt im trostlosen Flachland (Niederlande), dort gibt es nur Moos und kalten Wind. In Bruchstücken wird die Geschichte der Geschichte erzählt, sie bricht ab, wenn niemand mehr auf dem Sprechpunkt steht. Die Geschichte macht sich auf dem Weg, sie entfaltet ihre Möglichkeiten und sucht Zuhörer.

Geschichte von der Geschichte1 600 Kurt van der Elst uDie Geschichte macht sich auf den Weg © Kurt van der Elst

Doch dann kommen drei riesige Pappfiguren auf die Bühne: sprechende Bilder von Cristiano Ronaldo, Donald Trump und Beyoncé Knowles, alle fünf Meter hoch, mit beweglichen Unterkiefern. So erfahren wir die Geschichte von Lukas (Ronaldo). Er ist 8 Jahre alt und tut, was sein Vater (Trump) ihm verboten hat, er schaut über die Kante in den Zuschauerraum. Das Durchbrechen der vierten Wand ist seit dem Kasperltheater immer ein wirkungsvoller Spaß- und Interaktionsmoment im Kindertheater. Hier wagt sich Lukas-Ronaldo in bedrohlicher Schräglage weit vor, fast stürzt er auf das Publikum, und spuckt dann doch nur etwas Wasser. Die Familienidylle scheitert aber nicht nur am Streit um ein Brot mit Eisalat, sondern auch, weil Mutter Pia (Beyoncé) im Baumarkt auf den freundlichen Klempner Kevin (dargestellt als Pappriese Kim Jong-Un) trifft. Dann ist sie nur noch eine halbe Mutter (ca 2,50 m hoch) und geht ab.

Eine Geschichte reist um die Welt

Der Abend ist voll von Scherzen für Achtjährige. Dass sie beim Düsseldorfer Premierenabend nur gutmütiges Lächeln bei den erwachsenen Zuschauern bewirkten, ist nur ein schwacher Hinweis auf die Lachstürme, die sie beim eigentlichen Zielpublikum auslösen können.
Drei Erzählstränge oder drei Metageschichten bündelt die Geschichte ohne Geschichte: das sind drei Und-dann-und-dann-Abläufe, aber nur lose verknüpft. Falls das doch für jemanden zu durchschaubar ist, schleichen immer wieder große, bunte geometrische Figuren über die Bühne wie bei Robert Wilson: gleichseitige Dreiecke, Quader, Pyramiden. Warum denn das? Genau: "Warum?", ist hier verboten. Die drei Geschichten – die von Lukas und seinen Eltern, die von den Ureinwohnern des Theaters und die von der Geschichte selbst – kommen zusammen, als die Geschichte auf ihrem Weg um die Welt im Theater auf Lukas trifft. Endlich jemand, der zuhört und nicht nur auf leuchtende Bildschirme starrt, mit weißen Knöpfen in den Ohren.

Es war einmal …

Meistens basteln die Ureinwohner vor sich hin auf der Bühne, ein Notenständer wird zum Schrubber. Mal wird ein Schuh aus dem Publikum geangelt, mal eine Tasche. Der Mann ohne Schuh holt ihn sich einfach zurück von der Bühne, aber da ist noch ein Fahrrad. Die resolute Besitzerin fordert es zurück. Das gibt Ärger. Hektisches Gezerre um ein Fahrrad, das ein Bühnenarbeiter schlichten muss. Aber als die Geschichte sich selbst erzählen will: "Es war einmal in einem entfernten Land vor lange Zeit, da gab es eine …", zerstören die seltsamen Urwesen den Sprechpunkt, grapscht ein Theaterurmensch sich das Textbuch der Sprecherin der Vaterfigur und isst es auf. Und so wird die Geschichte eben doch nicht erzählt.
Übrig bleibt Lukas, der verzweifelt ruft: "Habt ihr die Geschichte gesehen? Geschichte! Geschichte!" Ja, Geschichten hätten wir gern auf dem Theater, kleine und große. Wer hat sie nur gestohlen? Jetse Batelaans Kindertheater zeigt, es geht auch ohne Geschichte – wenn man die Geschichte vom Verlust der Geschichte am Theater erzählt.

 

Die Geschichte von der Geschichte
Von Jetse Batelaan
Deutschlandpremiere
Konzept und Regie: Jetse Batelaan, Künstlerische Beratung: Piet Menu, Bühne und Licht: Theun Mosk, Kostüm: Liesbet Swings, Musik: Gerjan Piksen, Textbeiträge: Don Duyns, Dramaturgie: Peter Anthonissen, Übersetzung: Carolin Seidl.
Mit: Goele Derick, Jente De Motte, Niels Kuiters, Hanneke van der Paardt, Tjebbe Roelofs, Peter Vandemeulebroecke.
Dauer 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theaterderwelt.de
www.dhaus.de
artemis.nl

 

Kritikenrundschau

Martin Krumbholz von der Süddeutschen Zeitung (21.6.2021) ließ sich nicht überzeugen. "Viel zu langsam schält sich an diesem Abend die Pointe heraus, die zudem recht dünn ist: Die 'Geschichte' entpuppt sich als lebendes Wesen, das sich nicht etwa bei Rossmann oder beim Bäcker Hinkel einschleicht, sondern - haha - im Düsseldorfer Schauspielhaus." Er resümiert: "Viel Eindruck schindendes Beiwerk, kein 'roter Faden': ein Umstand, den Batelaan kokett selbst beklagt, was die Sache aber nicht besser macht."

"Batelaan legt den drei Papp-Figuren Dialoge eines Familienausflugs in die Münder, spielt dabei mit Geschlechterrollen und scheinbarem Familienidyll. Lässt seine Protagonisten auch einfach mal aneinander vorbeireden und Papp-Trump auf dem Kopf stehen. Wie das alles zusammenpasst? Gar nicht. Es sind die Wendungen dieses irrwitzigen Bühnenspektakels und die Fragen nach dem 'was sehe ich da?' und 'was soll das?', die das Publikum honoriert", schreibt Claudia Hötzendorfer von der Westdeutschen Zeitung (21.6.2021). Da die 'Geschichte von der Geschichte' ganz ohne Erklärungen auskomme, könne jeder das in dem Stück sehen, was er sehen wolle.