Innerer Vorgang des Romanlesens

von Dorothea Marcus

Aachen, 30. Oktober 2008. Romanadaptionen sind in Mode. Kleine Theater schmücken sich gern mit großen Namen und können dazu noch "Uraufführung" in die Pressemitteilung schreiben. Haruki Murakamis letzter Roman "Afterdark" von 2005 allerdings scheint sich besonders schlecht fürs Theater zu eignen: verschiedene Erzählstränge, die sich von Mitternacht bis zum Morgengrauen punktuell berühren. Ansonsten wird in diesem Buch unheimlich viel geschlafen – ein eher untheatralischer Vorgang.

Erzählt wird wie durch das Objektiv einer Kamera, die durch eine nächtliche japanische Großstadt streift. Zuweilen wird der Zoom auf die Geschäftsführerin eines Love-Hotels gelegt, in dem gerade eine chinesische Prostituierte von einem Freier verprügelt wurde. Oder wir sehen die junge Mari, deren wunderschöne Schwester Eri seit Monaten fast komatös schläft. Kleine, zufällige Verbindungen entstehen zwischen den Figuren, wenn Mari sich mit einem Musiker trifft, der später das vom Freier in einem Supermarkt abgelegte Handy der Prostituierten klingeln hört.

Wütender Beschleunigungstanz

Regisseurin Monika Gintersdorfer ist allerdings weit davon entfernt, den 237 Seiten langen Roman nachzuerzählen, dessen Lektüre am Stück etwa sechs Stunden dauern würde. Sie versucht das Kunststück, seine innere Essenz zu destillieren. Gintersdorfer wurde schon mit dem Eysoldt-Förderpreis ausgezeichnet und arbeitet ansonsten eher in der Freien Szene: auf Kampnagel, im FFT Düsseldorf oder den Sophiensälen in Berlin. Man könnte ihre Methode vielleicht als "philosophisches Körpertheater" überschreiben, das seinen Entstehungsprozess immer mitthematisiert.

Die Schauspieler sitzen in der Nebenspielstätte "Mörgens" in einem leeren, grauen, neu riechenden Raum neben den 99 Zuschauern. Sie tragen japanisch anmutende Perücken, einer nach dem anderen tritt vor. Joey Zimmermann etwa verbeugt sich still und hastig. Man hört für Minuten nur das kleine Gaumengeräusch und das Rascheln seiner Kleidung (die äußerst geschmackvoll vom Berliner Designer Abdoulaye Kone alias Bob entworfen wurde). Elke Borkenstein spielt Tuba mit den Lippen, das wächst sich zum Jazzkonzert aus – denn Afterdark ist der Titel eines Jazzsongs.

Wie kann man in einer Stunde einen Roman thematisieren, für den man sechs Stunden Zeit zum Lesen braucht, fragt sie, und trifft damit schon den Kern. Denn auch der Roman spielt in sechs Stunden, von 23.58 bis 5.58 Uhr in Tokio. Und wie soll man undramatische Vorgänge wie Lesen, Rauchen, Kaffeetrinken oder Schlafen auf die Bühne bringen?

Schönheit, Sein und Schein

Borkenstein versucht es als Bildbeschreibung und "stellt es nach": mit betont unbeholfener Pantomime, in Echtzeit, in Zeitraffer – eine absurde Choreografie entsteht, ein wütender Zeitbeschleunigungstanz, der die Vergeblichkeit der Abbildungsmaschinerie Theater entlarvt. Dann kommt Hyun Wanner, lauernd wie ein japanischer Kampfsportler, mit vorgebeugten Schultern und Blick von unten nach oben, während er japanisch klingende Sätze spricht – und führt vor, wie die Klischees in unseren Köpfen eingerastet sind, wenn er sich aufrichtet und lächelnd sagt: "Jetzt haben sie mich wohl für einen Japaner gehalten". Zeigt, wie leichtgläubig wir uns der Illusionsmaschine Theater anvertrauen und sich ein Schauspieler nur durch kleine Haltungsänderungen in Romanfiguren verwandeln kann: mit vorgeschobenen Schultern in den schlaksigen jungen Musiker Takahashi; mit vorgestreckter Brust ist er dann schon wieder die wunderschöne Eri in einem Bikini – lasziv und lolitahaft verrenkt in einem Swimming-Pool.

Und schon ist man mitten drin in einer Geschichte, erahnt eine Schwesternbeziehung, eine scheiternde Liebesgeschichte und befindet sich zugleich mitten in einer Auseinandersetzung über Schönheit, Schein und Sein und darüber, wie Blicke mit Worten gelenkt werden: eine dem Theater zutiefst eingeschriebene Frage.

Schauspieletüde als Warnehmungsexperiment

Zwischendurch finden sich die Schauspieler zu Choreografien mit unsichtbarer Kamera zusammen, gehen vor und zurück, kreisen und schwenken. Einer tanzt einen flimmernden Bildschirm, ein Model geht auf dem Laufsteg und fällt aus der Form, verwandelt sich nur durch kleine Haltungsänderungen in ein Monster - nur durch die Körperhaltung. Eri fällt in ihren monatelangen Tiefschlaf, aber wie stellt man denn nun Schlaf dar? Joey Zimmermann, der unter seiner Japanperücke Glatze trägt, windet sich in einer hingegebenen Tanz weich durch den Raum, mit geschlossenen Augen und den Kopf an die Decke gerichtet.

Auf der Bühne wirkt das zuweilen wie reine Arbeitsetüden. Man macht sich lustig über Japanklischees und nimmt sie dennoch ernst. Zwischendurch wird der Schriftsteller bei der Arbeit gezeigt, im inneren Flow, zutiefst konzentriert – während er sich die Geschichte mit der geschlagenen Prostituierten ausdenkt und wie in einem unwillkürlichen Tick die Frau neben sich schlägt – und so den Umschlag von Innen nach Außen vorführt. Eben genau jener, der entsteht, wenn man etwas vom inneren Vorgang des Romanlesens und -schreibens in seine öffentliche Zurschaustellung im Theaters überführt.

Das hat manchmal Längen und nicht immer funktionieren die Übergänge zwischen den einzelnen Wahrnehmungsexperimenten und Schauspiel-Etüden. Dennoch gelingt Monika Gintersdorfer Beeindruckendes. Nicht nur, dass die Geschichten aus Murakamis Roman zwar fragmentarisch, aber absolut verständlich, unterhaltsam und sinnlich nacherzählt werden und zugleich ihre ungewöhnliche Form dargestellt wird. Wie nebenbei fällt dabei auch noch eine tiefgründige Auseinandersetzung mit Theaterästhetiken ab – das soll erst mal einer nachmachen.

 

Afterdark
Schauspiel nach einem Roman von Haruki Murakami
Inszenierung: Monika Gintersdorfer, Bühne: Dominic Huber, blendwerk, Kostüme: Abdoulaye Kone.
Mit: Elke Borkenstein, Anne Wuchold, Joey Zimmermann, Hyun Wanner.

www.theater-aachen.de

 

 

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