logo_nachtkritik_klein.png
Drucken

Der Spielplan der Zukunft

von Percy Zvomuya

1. Juli 2021. Eröffnet wurde das Market Theatre in Johannesburg am 21. Juni 1976, nur wenige Tage nachdem die Apartheids-Polizei demonstrierende Schulkinder ermordet hatte. In Soweto, dem schwarzen Ghetto in der Nähe von Johannesburg, hatten die Schüler:innen gegen die Einführung von Afrikaans statt Englisch als Unterrichtssprache protestiert. Durch die Sprache der weißen Machtelite sahen sie ihre Chancen in einem rassistischen Bildungssystem gemindert. Auf ihren friedlichen Protest reagierte die nationalistische Regierung mit Gewalt. Offizielle Zahlen nennen 176 toten Schüler:innen, manche schätzen jedoch, dass bis zu 700 Schüler:innen getötet wurden.

Dieses blutige Kapitel, das Teil von Südafrikas schmerzhafter Kolonialvergangenheit ist, deutet James Ngcobo an, wenn er die Wurzeln des Market Theatre im Konflikt verortet: "Das Market Theatre ist 1976 eröffnet worden, als das Schlimmste passiert ist und junge Menschen in Soweto von der Polizei niedergemäht wurden", so der künstlerische Leiter des Market Theatre, der aus der südöstlichen Küstenstadt Durban kommt und Theaterregisseur sowie vielfach ausgezeichneter TV- und Theaterschauspieler ist. "In seinen Anfängen hatte es das Market Theatre nie leicht", erzählte Ngcobo seinen Kolleg:innen, um sie zu motivieren, als sie ab März 2020 – wie alle Welt – unter den Einschränkungen litten, die die Verbreitung des Coronavirus eindämmen sollten.

Theater für ein Online-Publikum entwickeln

Gegründet wurde das Market Theatre von Barney Simon als Künstlerischem Leiter und Mannie Manim als Geschäftsführer. Gelegen ist es in einem ehemaligen Obst- und Gemüsemarkt in Newtown, Johannesburgs zentralem Geschäftsviertel. In einem Land, in dem von 1948 bis 1994 Apartheid herrschte, hat sich dieses Theater dem Antirassismus verschrieben. Seit 2013 hat es mit James Ngcobo erstmals einen Schwarzen Leiter.

Theaterbrief Suedafrika Market Theatre Johannesburg JanekSzymanowski CC BY SA 30viaWikimediaCommonsDas Market Theatre in Johannesburg © Janek Szymanowski (CC BY SA 30 via Wikimedia Commons)

Reaktionsschnell zeigte sich Ngcobo, als Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa den Theatern und dem restlichen Land Einschränkungen auferlegte. "Wir waren das erste Theater, das auf die neue Situation reagiert hat", so Ngcobo in einem Interview über das Projekt, das er nur drei Tage nach dem Lockdown auf die Beine stellte. Das Market Theatre lud 45 Künstler:innen ein, Monologe und Solo-Performances einzureichen, die speziell für Online-Vorführungen konzipiert sein sollten. Inhaltlich basierten sie hauptsächlich auf dem südafrikanischen Kanon. Die Schauspieler:innen spielten zuhause Monologe und Szenen aus bekannten Bühnentexten. Unter den Künstler:innen war zum Beispiel Mncedisi Shabangu in dem legendären Stück "Sizwe Banzi is Dead", bei dem der erfolgreiche Schauspieler und Regisseur John Kani Regie führte; Dorothy Ann Gould war als Hester in "Hello" und "Goodbye" zu sehen, beides Werke des ikonischen Autors Athol Fugard.

Zeit für Geschichten am Market Theatre

Auf diese Initiative folgte direkt die nächste, mit dem Namen "Ditshomo Story Time". Autor:innen, Schauspieler:innen, Regisseur:innen und Choreograph:innen schufen dafür neue zwanzigminütige Stücken, die "mit hochauflösenden Kameras gefilmt wurden, um für das Publikum zuhause ein möglichst reales Theatererlebnis zu schaffen", so Ngcobo. Den Auftakt von Ditshomo ("Geschichte" auf Sotho), bildete das Tanzstück "Cut" des Choreographen und Tänzers Vincent Mantsoe, das sich mit Themen wie Entfremdung und Eingesperrtsein befasst. Für den in Paris lebenden Tänzer war der Prozess eine besondere Herausforderung, da er mit dem französischen Videographen Frank Pizon und dem Musiker und Komponisten Mpho Molikeng aus Lesotho online zusammenarbeiten musste.

Die "Ditshomo"-Reihe lief sechs Wochen lang. Gezeigt wurden unter anderem das Tanzstück "Ithemba" (Hoffnung) von Choreograph Smangaliso Ngwenya und Tänzerin Thulisile Binda über das Wiederauftauchen vergangener Traumata oder das Ein-Personen-Stück "Elleloang", das von der Misere eines Ausländers handelt, der sich während der Pandemie in einem Netz der Bürokratie verfängt. In der Hauptrolle war Moliehi Makobane zu sehen, Napo Masheane schrieb das Stück und führte Regie.

Theaterbrief Suedafrika Ditshomo Elleloang MarketTheatre uMoliehi Makobane in "Elleloang" (Buch und Regie: Napo Masheane) © Market Theatre

Ein weiteres Stück hieß "Ascend/Descend", eine Tanz-Kollaboration zwischen Thamsanqa Masoka und Musa Motha, die ihre Bühnenhandlung aus einer Dinner-Situation entwickelt. Das Duo Anthony Coleman und Kate Tilley spielte in Paul Slabolepsyzs Stück "Endangered" mit, einer Produktion über die Beziehung eines Paares, das sich scheiden lässt. Ein weiterer Teil des "Ditshomo"-Line-ups war das Stück "The Table", ein Ein-Personen-Stück, das sich mit Gewalt gegen Frauen auseinandersetzt, geschrieben und produziert von Bobby Rodwell zusammen mit der Schauspielerin Faniswa Yisa.

Pandemie-Erkenntnisse: Hybrid und intim soll Theater sein

So frustrierend Corona auch für das Theater sei, erklärt Ngcobo, so habe es doch eine Entwicklung beschleunigt, die das Theater sowieso durchgemacht hätte. "Wo wir jetzt mit unserem Programm sind, dahin waren wir schon vorher unterwegs." Planten sie jetzt ihren Spielplan, so Ngcobo, machten sie im Market Theatre bewusst Platz für Online- und Präsenz-Vorführungen. Dem Direktor ist es wichtig, zu betonen, dass das nicht bedeute, die hohen Standards auf Spiel zu setzen, für die das Market Theatre bekannt ist.

Anhand des Beispiels eines in Großbritannien lebenden Künstlerischen Leiters, der Ende 2019 verpflichtet wurde und seit Ausbruch der Pandemie kein einziges Stück produzieren konnte, betont Ngcobo, dass die Notlage des Market Theatre die Gleiche gewesen sei, in der sich Theater auf der ganzen Welt befunden hätten. "So wird sich der Spielplan der Zukunft entwickeln. Wir gehen zusammen mit unserem Publikum auf diese Reise, und wir müssen es davon überzeugen, dass Online-Werke zwar Live-Theater nie ersetzen werden, aber dass sie doch ein weiterer Raum sind, in dem sie Theater erleben können."

Theaterbrief Suedafrika JamesNgcobo MarketTheatre uJames Ngcobo, der Künstlerische Leiter des Market Theatre © Market Theatre

Eine weitere Erkenntnis, die Ngcobo aus der Pandemiezeit bezieht, ist: Je größer die Veranstaltungsorte sind, desto größer sind auch die Probleme, denen sie ausgesetzt sind. Das Market Theatre hat drei Spielstätten – das John Kani Theatre, mit 387 Plätzen die größte Spielstätte, das Barney Simon Theatre mit 120 Sitzen, benannt nach dem Co-Gründer, so wie das Mannie Manim Theatre, das Platz für 155 Menschen bietet. Dachte Ngcobo im Frühjahr 2021 über das Schicksal der großen Theater im Londoner West End nach und darüber, ob sie bald wieder öffnen könnten, kam er zu dem Schluss: "Finanziell wird es keinen Sinn ergeben." Diese großen Theater leben von Produktionen im großen Stil und generieren ihre Einnahmen durch die große Anzahl von Besucher:innen. Ngcobos Meinung nach versetzt die Pandemie die Theater zurück in eine Zeit der intimen Produktionen für kleine Veranstaltungsorte und ein begrenztes Publikum – für ihn ein positiver Aspekt der erlebten Einschränkungen.

Staats- und Stadt-Förderungen für Theater

Das Market Theatre hat durch seine Online-Programme kein Geld verdient. Und doch wird es nicht das dasselbe Schicksal erleiden, welches andere unabhängige Veranstaltungsorte in Johannesburg ereilt hat, die auf ihre Besucher:innen angewiesen sind, um zu überleben. Das Market Theatre bekommt einen Hauptteil seiner Förderung von der Regierung, so wie das Schauspielhaus in Durban, Artscape in Kapstadt, das Performing Arts Centre of the Free State (Pacofs) in Bloemfontein und das Staatstheater in Pretoria. 2020 konnte das Market Theatre 106 Stellen finanzieren, so Ngcobo.

Theater werden in Südafrika über drei Wege finanziert: Geld kommt von der nationalen Regierung, von der lokalen Regierung oder von Universitäten. Johannesburg unterstützt zum Beispiel folgende Theater: das Joburg Theatre im zentralen Business-Viertel, das Roodepoort Theatre im Westen der Stadt und das Soweto Theatre in Soweto. Die Universität Kapstadt betreibt das Baxter Theatre und die Universität Witwatersrand in Johannesburg das Wits Theatre. Auch wenn das Market Theatre von der Regierung unterstützt wird, um die täglichen Ausgaben bestreiten zu können, so veranstaltet es doch ab und an Sammelaktionen, um besondere Projekte finanzieren zu können.

Nicht öffentlich geförderte Theater versuchen eine eigenständige Finanzierung, wie zum Beispiel das Fugard Theatre in Kapstadt. Doch dieses Theater wurde geschlossen – ein Opfer der Pandemie. Am 16. März 2021 veröffentlichte sein Gründer Eric Abraham ein Statement: "Nach einem Jahr Schließung wegen der Covid-19-Pandemie müssen wir mit großem Bedauern und Trauer verkünden, dass das Fugard Theatre mit sofortiger Wirkung endgültig schließen muss. Wir glauben nicht, dass die Pandemie oder die finanzielle Lage es dem Theater in absehbarer Zeit erlauben werden, wieder öffnen zu können."

In Konkurrenz mit den Unterhaltungs- und Bildungsoptionen zuhause

Zum 45. Geburtstag des Market Theatres und zum Gedenken an seine Gründung wurde im März 2021 eine Veranstaltungsreihe mit dem Namen "Salute the Playwright" durchgeführt, in deren Rahmen fünf neue Arbeiten gezeigt wurden. Als sich Ngcobo mit den Autor:innen traf, um die Stücke in Auftrag zu geben, so erzählt er, sei es ihm wichtig gewesen zu betonen, dass sich die Arbeiten nicht zwingend auf die Pandemie beziehen müssten. "Als Geschichtenerzähler haben wir zwei große Verantwortungen: Die eine ist, den Bezug zur aktuellen Lage zu bewahren, und die andere ist, der Gesellschaft zu helfen, ihre Problemen für den Moment zu vergessen."

Eine aktuelle Herausforderung habe das Theater auch schon vor der Pandemie beschäftigt, wenngleich sie sich verschärft habe, so Ngcobo: "Das Publikum war schon immer wankelmütig, aber dieser Tage ist es das mehr denn je, da es zuhause eine Menge Optionen zur Unterhaltung hat." Wenn Ngcobo sich mit seinem Team zusammensetze, betone er immer eine Überlegung: "Wir müssen uns stets fragen, warum wir unsere Zuschauer:innen überreden, all das, was sie zuhause haben, zurückzulassen und ins Market Theatre zu kommen? Was können wir ihnen bieten, von dem wir mit Sicherheit sagen können, dass sie es zuhause nicht haben?"

Diesen schwierigen Fragen muss sich jede:r künstlerische Direktor:in stellen – auch ohne Pandemie. Das Market Theatre scheint sich auf seine alte kämpferische Tradition zu besinnen, aber da ist auch etwas Anderes, das im offiziellen Hashtag des Theaters #TheatreWillRiseAgain mitschwingt: Hoffnung.

Übersetzung: Clara Molau

 

Theaterbrief Suedafrika PercyZvomuya NonzuzoGxekwa u© Nonzuzo GxekwaPercy Zvomuya ist ein Autor und Kritiker, der für zahlreiche Publikationen geschrieben hat, u.a. Chimurenga, Mail & Guardian, Al Jazeera, New Frame und die London Review of Books-Blog. Er ist Mitgründer von The Con, einem Schreibkollektiv in Johannesburg. Darüber hinaus ist Zvomuya Mitglied der Akademie der Künste der Welt in Köln, war Juror für den Caine Prize for African Writing und Fellow der Miles Morland Foundation.

 

 

 

Hier geht es zur englischen Version: Letter from South Africa

Dieser Beitrag entstand in einer Kooperation zwischen dem Internationalen Forschungskolleg "Interweaving Performance Cultures" der Freien Universität Berlin (Redaktion: Clara Molau, Antonija Cvitic) und nachtkritik.de (Redaktion: Elena Philipp). Bislang veröffentlicht sind Theaterbriefe aus Argentinien, Chile, Ägypten und Uruguay.

 
Eine Kooperation mit

FU InterweavingPerformanceCultures Logo 560