Generation Z im Taumel

von Sascha Westphal

Düsseldorf, 2. Juli 2021. Die große LED-Werbetafel, die sich von einem Pfeiler getragen in etwa vier Meter Höhe über der fortwährend kreisenden Drehbühne erhebt, gibt ihr Bestes. Das blasse, aber verführerisch leuchtende Rosé der Kirschblüten zeichnet sich in perfekter Schärfe vor einem Himmel ab, dessen strahlendes Blau nicht ein Wölkchen trübt. Das muss die beste aller Zukünfte sein, in der die Welt und mit ihr auch die Menschheit angekommen ist. Nichts weniger verkündet dieser riesige Screen, auf dem wenig später für ein paar Momente die Worte "You're in" erscheinen. Wir sind drinnen. Wir sind dabei. Nichts kann mehr passieren.

Zufriedenheit der Massen

Drin sein. Dabei sein. Das ist es, womit sich fast alle Menschen in Sibylle Bergs im England der nahenden Zukunft spielenden Roman "GRM Brainfuck" zufriedengeben. Mehr wollen sie nicht. Das reicht ihnen schon, schließlich erhalten sie ein bedingungsloses Grundeinkommen, das sie durch konformes Verhalten noch erhöhen.

GRM1 1200 Krafft Angerer uFuriose Choreografien unterm LED-Board   © Krafft Angerer

Wen stört es da schon, dass die Bedingung für diese Versorgung die nahezu totale Überwachung ist. Die lässt sich leicht kaschieren, etwa mit dem Bild der Kirschblüten, das zu Beginn von Sebastian Nüblings Bühnenadaption des Romans den ansonsten im Dunkel liegenden, weitgehend leeren Bühnenraum illuminiert.

Die Botschaft dieses Arrangements aus einem tristen Nichts und einer Kitschfantasie, die im wörtlichen Sinne über allem schwebt, ist simpel. Die Menschen finden sich mit allem ab, wenn es ihnen nur richtig verkauft wird. Und zum Beweis dafür erscheinen auf der riesigen Werbetafel für eine Demokratie, die sich so eigentlich nicht mehr nennen dürfte, die Gesichter einer Frau und eines Mannes, in die sich ein künstliches Dauerlächeln eingebrannt hat. Sie berichten davon, wie schlimm alles war, damals zu Beginn des neuen Jahrtausends, und fahren fort mit einer Lobeshymne auf die neue Zeit, in der das bedingungslose Grundeinkommen und ein System von 'sozialen Plus- und Minuspunkten' alles zur Zufriedenheit der Massen geregelt hat.

Realität gewordene Dystopie

Gabriela Maria Schmeide und Tim Porath statten diese Gesichter der, wie es im Roman heißt, "gelenkten Demokratie" mit einer derart penetranten und verlogenen Begeisterung aus, dass man sie durchaus für von Algorithmen generierte Avatare halten könnte. Dass diese beiden Vertreter einer strahlenden Realität gewordenen Dystopie tatsächlich Menschen sind, die es sich eher schlecht als recht in dem neuen Überwachungs-England eingerichtet haben, zeigt sich erst viel später, als sie unter der LED-Tafel erscheinen und von Tagen berichten, die sie in VR-Simulationen ihrer alten Leben verbringen. Sie sind längst überflüssig geworden, aber auch das ist in Ordnung, solange sie acht Stunden am Tag ihrer Nostalgie frönen können.

GRM2 1200 KrafftAngerer uDie Aktivist:innen im Gegenlicht eines Smartphones © Krafft Angerer

Zukunftsvisionen wie diese sind einem aus Sibylle Bergs Stücken und Kolumnen höchst vertraut. So hallen in den Szenen mit Schmeide und Porath Stücke wie Wonderland Ave. Und, etwas neuer, In den Gärten oder Lysistrata Teil 2 nach. Aber auch der andere Teil dieses "sogenannten Musicals", der von einer Gruppe junger Außenseiter und Coding-Aktivisten erzählt, die das System sprengen wollen, hat etwas Vertrautes. Für diese Facette seiner Romanadaption orientiert sich Nübling offensichtlich an der Sibylle Berg-Tetralogie, die er am Maxim-Gorki-Theater uraufgeführt hat. Hier wie dort werden die Texte meist chorisch gesprochen. Individuelle Biografien lösen sich in einem performativen Akt des gemeinsamen Deklamierens auf und werden so Teil eines Gegenkollektivs, das sich von der Masse der Menschen absetzt und sie zugleich spiegelt.

Energetische Choreografin

Statt der einzelnen Figuren, die in Bergs Roman auftreten und durchaus sehr individuelle Züge haben, stehen nun sieben junge Performer:innen auf der Bühne. Bei der Düsseldorfer Premiere dieser Koproduktion des Festivals "Theater der Welt" mit dem Thalia Theater Hamburg waren es allerdings nur sechs, weil Lukas Schätzke krankheitsbedingt ausgefallen ist. Mit ihren Texten halten sie den Lügen, die über die LED-Tafel flimmern, ein düsteres, aber auch weitaus sympathischeres Bild einer Gemeinschaft entgegen, die nicht mitmacht, die ihre Armut nicht kaschiert und davon träumt, die verlogene Ordnung in eine weitaus ehrlichere Anarchie zu stürzen.

GRM 1200 KrafftANgerer uLeben am Rand: Ensemblebild © Krafft Angerer

Wenn sie nicht (chorisch) sprechen, tanzen die vier Frauen und zwei Männer zu Grime-Songs der Ruff Sqwads Arts Foundation, einer von den Grime-Künstlern Prince Owusu-Agyekum (alias Rapid) und Ebenezer Ayern (alias Slix) ins Leben gerufenen Londoner Organisation, die junge Künstler:innen fördert und ihnen Räume schafft.

In diesen energetischen Choreografien verwandeln sich die Erfahrungen und die Haltungen der Generation Z, der Digital Natives, die von Kindheit an, von der Informationsflut des Internets mitgerissen worden sind, in teils abgehackte, teils zittrige und teils selbstbewusste Bewegungen. Sie posen und markieren ihr Territorium. Sie ringen mit dem Überfluss an Informationen und Eindrücken und vermitteln ein Gefühl für ein Leben am Rand, nicht nur der Gesellschaft, sondern auch am Rand des Lebens selbst.

Zusammen mit den aggressiven Klängen der Songs, die nichts beschönigen wollen, entwickeln die Musical-Szenen die Kraft, die "GRM Brainfuck" ansonsten schmerzlich fehlt. In ihnen durchbricht die Inszenierung die Mauern des gewohnten Berg-Sounds ebenso wie die Nüblings routinierter Performance-Strategien. Aber das alleine kann diesen mit hundert Minuten eigentlich erstaunlich kurzen Abend nicht tragen. Die Choreografien bleiben Fremdkörper in einem ansonsten unglaublich biederen Umfeld.

 

GRM Brainfuck. Das sogenannte Musical
von Sibylle Berg
Musik von Ruff Sqwad Arts Foundation
Uraufführung
Regie: Sebastian Nübling, Choreografie: Franklyn Kakyire, Co-Choreografie: Marlen Gollubits, Bühne: Evi Bauer, Kostüm: Bettina Kirmair, Musik/Sounddesign: Lars Wittershagen, Video: Robin Nidecker, Licht: Jan Haas, Dramaturgie: Julia Lochte, Produktionsleitung: Christian Persico.
Mit: Shah-Mo Darouiche, Johannes Hegemann, Maike Knirsch, Meryem Öz, Tim Porath, Lukas Schätzke, Gabriela Maria Schmeide, Anna Michelle Tehua, Francesca Waehneldt.
Premiere am 2. Juli 2021
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.theaterderwelt.de
www.dhaus.de
www.thalia-theater.de

 

Kritikenrundschau

Der "sich in Rotzigkeit und panzernde Ironie kleidende" kulturpessimistische Grundton der Inszenierung wirke "mindestens mittelalt", schreibt Alexander Menden in der Süddeutschen Zeitung (5.7.2021). Bergs Sprache sehne sich merklich danach, "die deutsche Entsprechung eines urbanen Englisch mit street cred zu sein", wirke mit ihren eingestreuten "What the fucks" aber nur "seltsam gehemmt". "Wäre 'GRM Brainfuck' die selbstgemachte Inszenierung einer Oberstufen-Theatergruppe, die nach der Lektüre von Aldous Huxleys 'Brave New World' im Englisch-Leistungskurs dazu ermutigt worden ist, doch einfach mal kritisch über Digitalisierung, Populismus, Konsum-Totalitarismus und so nachzudenken: man wäre einigermaßen beeindruckt", so Menden. "So aber wirkt der Abend wie ein tabellarischer Überblick aller Motzki-Themen der jüngeren Vergangenheit, beschrieben aus einer Lehnstuhlkritikerhaltung, die ungefähr so zeitgemäß erscheint wie Dabbing oder der Floss-Tanz: Gerade vorbei und deshalb besonders verspätet."

Auf "reich­hal­ti­ge geis­ti­ge Weg­zeh­rung" für den Sommer hatte Wolfram Goertz von der Zeit (8.6.21) gehofft - doch "wa­ren es lau­ter Phra­sen­krü­mel, die aus dem Buch auf die Büh­ne rie­sel­ten." Die sprachlichen Besonderheiten dieser "un­auf­hör­li­che Welt­kla­ge à la Berg" hebt der Rezensent hervor - "Wer ge­nau hin­hört, ent­deckt so­gar Ähn­lich­kei­ten mit der Pro­gram­mier­spra­che Brain­fuck" - sieht den Text aber "oh­ne son­der­li­che Pas­si­on" vorgebracht. "Aus Wut macht der Re­gis­seur Se­bas­ti­an Nüb­ling Ver­druss und aus In­di­vi­du­en ein net­tes Sex­tett. Es wirkt wie der An­ti­ken­chor in Woo­dy Al­lens Film Migh­ty Aphro­di­te: freund­lich, en­ga­giert, mah­nend und vom Vor­satz, dass al­le im­mer schön syn­chron spre­chen, leicht über­for­dert." - "So er­lebt das Pu­bli­kum den Abend als Ge­samt­kunst­werk mit deut­li­chen De­fi­zi­ten".

 

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