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Dreifacher Schwurbler

von Sabine Leucht

München, 4. Juli 2021. Ein Mann sitzt nachts an seinem Schreibtisch. Eine Katze besucht ihn und verschwindet wieder - aus seinem Zimmer und aus dem Gedicht. Das ist bereits die ganze äußere Handlung dieses satirischem "Sprechtextes" für die Bühne, der "Die Politiker" heißt und mehr oder weniger von allem erzählt. Vornehmlich aber von der Einsamkeit und den Dauerschleifen und Kurzschlüssen, die das nächtliche Denken produziert, vom Stillstand und von fehlenden Zukunftsperspektiven, wofür wir gerne und fast reflexhaft "die Politiker" verantwortlich machen – oder kurz: die Anderen.

Ein Text, der in die Coronazeit passt

Wer Sätze mit "die Politiker" beginnt, will nicht "ich" sagen. Wolfram Lotz macht beides, und zwar fast exzessiv. Er schreibt sich als an sich selbst (ver)zweifelndes lyrisches Ich in sein jüngstes Stück ein, das auch ein Plädoyer für die Übernahme von Verantwortung ist und in dem Witz und Melancholie so nahe beieinander liegen, wie es selbst bei ihm selten ist. "Die Politiker" sind eine 99-seitige Suada voller Wiederholungen und Brüche, aber ohne Figuren; ein Amalgam aus banalem Kinderreim, ausgefuxter wie -gefeilter automatic writing-Simulation, Poesie und politischer Klarsicht, in dem die titelgebende Spezies von weitem bestaunt wird, wie sie sich durch romantische Landschaften bewegt, Stürme beschwört und Teilchen beschleunigt.

Dabei passt schon allein das Isolations-Setting dieses Wahnsinnstextes so gut in die Coronazeit, dass sich seit der Uraufführung 2019 schon einige Häuser an ihm versucht haben. Zuletzt setzte Charlotte Sprenger in ihrer Livestream-Inszenierung am Hamburger Thalia Theater sieben vornehmlich chorisch sprechende Schauspieler auf ihn an. Felicitas Brucker begnügt sich nun an den Münchner Kammerspielen mit drei und verzichtet, anders als ihre Kollegin, auf Gesangseinlagen und O-Töne aus aktuellen Politiker*innenreden.

Auf halbem Weg zwischen Sprechakt und Figur

Viva Schudt hat Katharina Bach, Svetlana Belesova und Thomas Schmauser drei Miniguckkästen gebaut, die Luis August Krawens Videoanimationen in semi-realistische Wohnräume verwandeln. So sprengt Bachs hochexpressive Gefühlsathletik fast die Grenzen eines wasserblauen Badezimmers, während Belesova die Küche schräg darüber mit Kerzen schmückt und leise mit ihrer Perücke spielt. Und Schmauser macht sich – unablässig "die Politiker die Politiker die Politiker" vor sich hin ratternd – in einer Art Werkstatt Notizen, pustet in Papierstapel und schmiert sich grünen Schleim an die Backe. Auf halbem Weg zwischen Sprechakt und Figur skandieren, bellen, rufen, brüllen die drei den Text – meistens alle zugleich, aber selten simultan, sondern sehr unterschiedlich schnell und/oder laut. Mal ergibt das eine vollkommen chaotische Kakophonie, aus der einzelne verständliche Worte wie "Sozialneid" plumpsen. Dann wieder stellt die Technik alle drei nacheinander laut, so dass man dem Text über mehrere Sprecher hinweg folgen kann. Und manche Passagen hört man sogar dreimal hintereinander.

Politiker5 1200 Judith Buss uKatharina Bach, Svetlana Belesova, Thomas Schmauser in ihren Boxen © Judith Buss

Das ist alles richtig gut getimt und auch gut gemacht. Das Problem dabei: Die komplexe Architektur der Sätze geht unter, die man ohnehin am besten versteht, wenn Lotz selbst sie liest: schnell, aber ohne deshalb auch emotional zu übersteuern; und mit diesen überraschenden Mini-Stolperern, die ihre feine Musikalität unterstreichen. Brucker und ihre Akteure gehen es ebenfalls musikalisch an, arbeiten damit aber eher gegen den Text, dessen assoziative Überlagerungen und Sinn-Clashs sie mit dem Stimmengewirr überlagern, das das nicht-simultane Sprechen erzeugt.

Der Wert von Pausen

Energetisch reißt einen das die gute Stunde, die der Abend dauert, durchaus mit, man versteht halt bloß wenig und kommt schon garnicht mit eigenen Gedanken zum Zuge. Dazu wird mit vollem Körper- und Stimmeinsatz geturnt und gewütet; es fliegen Papier und Kunstblumen über die Bühne; Bach, die in dieser dreifaltigen Auffächerung des Erzähler-Ichs den (auto)aggressiven Part innehat, prügelt auf Schulranzen und Wände ein oder prozessiert sich eine Pistole ganz tief in den Rachen – und man fragt sich verdutzt, wo noch gleich die Poesie und der Humor abgeblieben sind. Erst als plötzlich abrupt das Licht angeht und ein geblendeter Schmauser fragt "Gibt es Fragen bis hierher?", wird das erste Mal gelacht.

Überhaupt demonstrieren die Münchner "Politiker" sehr schön den Wert von Pausen. Diese Momente des Atemholens und Innehaltens werden gegen Ende zahlreicher und jedesmal wird es fast sofort traurig, komisch oder beides zugleich. Neue Videos fluten und vereinheitlichen die vormals realistischen Räume mit Wellen, Stadtlandschaften oder Stroboskoplicht, Belesova steht lange still und staunend im Raum. Und als zu Schmausers letzten Worten – "Die Dinge sind alle allein" – auf der Bühne das Licht ausgeht und im Stück der Morgen anbricht, ist das doch noch ein bewegender Moment.

Die Politiker
von Wolfram Lotz
Regie: Felicitas Brucker, Bühne: Viva Schudt, Musik: Daniel Murena, Video: Luis August Krawen, Licht: Christian Schweig, Dramaturgie: Tobias Schuster.
Mit: Katharina Bach, Svetlana Belesova, Thomas Schmauser.
Premiere am 4. Juli 2021
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Über seine Poetologie spricht Wolfram Lotz in unserer Video-Reihe Neue Dramatik in 12 Positionen. Dort trägt er auch eine Passage aus Die Politiker vor (ab 51:45).

 

Kritikenrundschau

Eine "fulminante Großwetterlage" macht Christiane Lutz von der Süddeutschen Zeitung (5.7.2021) an diesem Abend aus. Lotz' "eigentümliche Poesie" sei "einnehmend" und "für sich genommen schon ein Ereignis". Bei Brucker werde der Text, "frei von Ironie, selbst zur völlig kruden politischen Ansprache, die, zur Not mit absurdesten Verrenkungen, beim Volk ankommen muss. So löst Brucker die Inszenierung wiederum vom Inhalt der gesprochenen Worte los. Hier ist jedes! Wort! Gleich! Wichtig! Aber wenn alle Wörter gleich wichtig sind, ist dann keines mehr wichtig? Denn wer zu laut tönt, wird möglicherweise irgendwann nicht mehr gehört."

Lotz' "formal radikalstes Stück" besitze "eine dramatische Intensität, die zwar anstrengend, mühsam und aufreibende", sei, "aber noch lange nach dem Theaterbesuch nicht aus dem Kopf zu bekommen ist", schreibt Melanie Brandl im Merkur (6.7.2021). Es werde von einem "energiegeladenen und unfassbar textpräzisen" Schauspielertrio vorgetragen.

Das Politische im "Starkstromanschluss" erlebte Robert Braunmüller von der Abendzeitung (6.7.2021) in den Kammerspielen. Damit verhalte sich das Stück aber auch "wie jeder dionysische Exzess antipolitisch, weil er sich dem (im Theater gespielten) Austausch von Argumenten verweigert." Entsprechend ambivalent fällt das Fazit aus: "Nach einem Jahr körperlicher Distanz wirken die von der Aufführung überspringenden Kräfte so stark wie ein Clubbesuch oder als Surrogat der noch immer kaum möglichen Popkonzerte. Das kann man wirklich nur selten über Theater sagen. Aber ist die Feier einer letztlich antipolitischen Haltung im politisch nicht ganz unaufregenden Sommer 2021 wirklich ein angemessenes Statement?"