Die Bewegtheit der Bilder

von Katrin Bettina Müller

Berlin, November 2008. Irgendetwas bewegt sich immer. Noch bevor man dahinter kommt, was da gerade im Bild geschieht, weiß man, dass es ein flüchtiger Moment war. Das Theater steht nie still und darin ist es dem Leben sehr ähnlich. Das in fast allen seinen Bildern zu vermitteln, ist eine besondere Stärke des Theaterfotografen Thomas Aurin.

Bei ihm kann es vorkommen, dass zwei, drei Schauspielerinnen sich gerade lachend jemandem außerhalb des Bildes zugewandt haben und man mehr Haare als Gesichter sieht. Oder dass Vorhänge, Wände und Rückenfiguren den Blick verstellen in einen Raum, der verschachtelt scheint und nur angeschnitten sichtbar ist. Diese Bilder repräsentieren nicht, weder die Stars des Ensembles noch wiedererkennbare Szenen. Aber sie vermitteln mit großer Intensität etwas von der Temperatur einer Aufführung, von der Unsicherheit ihrer Protagonisten, von den offenen Rändern der Konstellation.

 

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Arbeit des Chronisten

Und sie legen etwas von jenem Spalt zwischen Darsteller und Darstellung, zwischen Stück und Aufführung offen, der die performativen Spielformen, die in den neunziger Jahren entwickelt wurden, von den vorausgegangenen Rollenspielen trennt. Thomas Aurin ist Produktionsfotograf. Er kommt nicht erst zur Fotoprobe, dem einen Durchlauf für die Fotografen, wenn das Klacken und Summen der Kameraverschlüsse die Auftritte der Schauspieler und die Momente dramatischer Zuspitzung mit einer ganz eigenen Melodie und Erregungskurve begleiten.

Aurin ist schon bei den Proben dabei, im Auftrag der produzierenden Häuser. Er fotografiert kaum aus dem Zuschauerraum heraus, sondern agiert mit auf der Bühne. Um zu beschreiben, wie er da seine Motive findet, vergleicht er sich selbst mit einem Chronisten der Familie und sagt: "Ich brauche für jedes Bild einen Anlass, dass etwas geschieht, der mich ähnlich wie auf einer Familienfeier auf den Auslöser drücken lässt". Es ist nicht zuletzt diese unprätentiöse Haltung, dieses Sich-involvieren-Lassen in den Arbeitszusammenhang Theater, die in den Bildern spürbar werden.

Aurins Fotografien werden nicht nur der Presse für ihre Rezensionen angeboten, sondern stehen in den Schaukästen und Publikationen der Theater für das, was die Häuser sein wollen. Die zwei Bilder auszuwählen, die draußen am Theater in die Nacht hinaus leuchten, das sei oft hart in der Arbeit der Nachbereitung, sagt Aurin: Wenn er am Schreibtisch sitzt, bis ihm der Rücken wehtut, oder schließlich auf dem Teppich liegt, um aus den tausend oder tausendfünfhundert Aufnahmen, die während einer Produktion entstanden sind, nach und nach eine immer kleinere Auswahl zu treffen, erst von dreißig, dann von zehn und schließlich von den beiden gültigen Bildern.

 

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Die Offenheit und Bewegtheit seiner Bilder ist nicht allein das Ergebnis ästhetischer Präferenzen, sondern auch von Entscheidungen und einer Geschichte geprägt, die ebenso eng mit der Biografie des Fotografen, wie mit der Entwicklung des Theaters in Berlin in den neunziger Jahren zusammenhängt.

Prozesse der Verschiebung

Eigentlich wollte Aurin, 1963 in Magdeburg geboren, Grafik und Malerei studieren und dass es stattdessen Fahrzeugtechnik und Informatik in Zwickau wurde, von 1985-1991, hatte viel mit den Zugangsbedingungen zum Studium in der DDR zu tun. Nach dem Ingenieurs-Abschluss arbeitete er ein Jahr als Programmierer bei SEAT in Barcelona. Als er 1992 nach Berlin zog, war das auch wie ein zweiter Anlauf, doch noch den eigenen Interessen folgen zu können. Anfangs verfolgte er noch den Plan, sich mit einer Mappe von Fotografien an der Hochschule der Künste zu bewerben, bald aber ergriff ihn die Theaterfotografie mit Haut und Haar.

Er besuchte Fotoproben an allen Häusern der Stadt, bot seine Bilder als freier Fotograf an, freute sich über ein wachsendes Interesse der Redaktionen an der Freien Szene und am Tanz, begeisterte sich für die Volksbühne, die Frank Castorf 1992 neu startete und erhielt seinen ersten Fotoauftrag dort 1996. Seitdem gehört die Volksbühne zu den Häusern, deren Bild er mit gestaltet. Aber auch für das Schauspiel Essen, das Maxim Gorki Theater und das HAU in Berlin und das Hans-Otto-Theater in Potsdam arbeitet er heute.

Doch er wäre nicht zu dem kongenialen Vermittler der in Trash und Glitter badenden Bühnenbilder von Bert Neumann, der glamourösen und hysterischen Auflösungsszenarien von René Pollesch, der Schlingensief-Familie und der Verausgabungen Frank Castorfs geworden, wäre er dabei nicht auch immer seinem eigenen Impuls gefolgt, was ein gutes Bild ist. Und um dem nachgehen zu können, brauchte es eben ein Haus, das an Abbildung und Dokumentation weniger als an Eigenheiten und Verunsicherung interessiert war.

 

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Zudem fand der junge Fotograf in den Inszenierungen an der Volksbühne etwas eingelöst, was ihm zuvor schon beim Tanz aufgefallen war: Die Arbeit mit Prozessen von Verschiebung, von Transformation einer Zeichenebene in eine andere, von Lücken und Leere lassen, aber auch vom Überfüllen mit visuellen Informationen, wenn etwa noch andere Bildebenen über Video dazukommen. Und auch davon handeln seine Bilder.

Wovon keine Bilder existieren können

Das Wacklige, das Unfertige, das nicht Gesicherte übt eine große Anziehungskraft auf ihn aus, die er auch in einem anderen Theaterprojekt entdeckte, dem er bis heute verbunden ist: Aufbruch Kunst Gefängnis, dem Theater von Gefangenen, das der Regisseur Ronald Brus 1997 in der Berliner Justizvollzugsanstalt initiiert hat. In dem geschlossenen System des Gefängnisses sind nicht die Aufführungen, sondern schon die Proben jeweils ein Ausnahmezustand. Nicht zuletzt habe ihn da "die Sicherheit, etwas zu fotografieren, was es vorher nicht gab, wovon keine Bilder existieren können" inspiriert, sagt Thomas Aurin.

 

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Einige Jahre arbeitete Thomas Aurin auch im Auftrag für Theater in Hannover, Frankfurt, Essen und Hamburg. Und begann bald während der Zugfahrten zu den Proben mit einer Panoramakamera und in schwarz-weiß aus dem Fenster zu fotografieren. An diesen Bildern lässt sich seine Lust an grafischen Strukturen, aber auch an Irritationen, die durch die Geschwindigkeit des Zuges und Zeitverzögerungen in der Belichtung zustande kommen, studieren. Schärfen und Unschärfen sind ungewohnt verteilt, feste Körper werden teils durchscheinend, das Genaue und Ungenaue gehen spannende Verbindungen ein.

In Abständen von mehreren Monaten entwickelt und bearbeitet Thomas Aurin diese Bilder und entdeckt dabei sowohl in den Kontaktabzügen wie in Vergrößerungen immer wieder andere Strukturen, die ihm etwas über die Vergangenheit der Landschaft erzählen oder auch als abstraktes Muster interessieren. Er liest in dem, was sich im Moment der Aufnahme nicht kontrollieren lässt, und findet dabei immer wieder andere Geschichten.

Auf der Seite der Technik und im Vertrieb der Bilder hat sich viel verändert in den Jahren, die er freiberuflich als Fotograf dabei ist: Die Digitalisierung der Fotografie, das Angebot von Bildern über die Websiten von Theatern und Theaterfotografen. Doch den größten Einfluss hat in seinen Augen die Konkurrenz der Internet- zu den Printmedien auf die Theaterfotografie ausgeübt. Die großen Zeitungen haben den Mut verloren, ungewöhnliche Bilder mit einer eigenen Sprache zu zeigen und setzen stattdessen auf wiedererkennbare Stars und leicht zu lesende Szenen. Dieses Bedürfnis zu bedienen aber war seine Sache nie.

 

Katrin Bettina Müller ist Theater- und Kunstkritikerin und Redakteurin der tageszeitung in Berlin.


Mehr von Thomas Aurin sehen Sie auf der Bildleiste von nachtkritik.de. Und auf der Webseite www.thomas-aurin.de.

 

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