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Marsmenschen im Neonlicht

von Jan Fischer

Hannover, 10. Juli 2021. Dort dreht sich eine eigenartige Konstruktion an der Bühnendecke, woanders werden Berge abgebaut und Menschen zu Stein: Bei den Theaterformen in Hannover zeigen Julia Häusermann und Simone Aughterlony verrätselten Neonpunk während die chilenische Regisseurin Manuela Infante sprachliche Gesteinsschichten in marsianischer Verfremdung übereinander schichtet.

Schwangerschaft und Nasentumor

Die erste der beiden Inszenierungen – "No Gambling" – beginnt, schon rätselhaft genug, mit einem drehbaren Allerlei, das auf der Cumberlandschen Galerie von der Decke baumelt. Ein Lautsprecher ist daran montiert, ein paar Federn, ein Dreieck, das später noch Neonlicht verströmen wird, noch ein bisschen mehr Krimskrams, alles zwei Leitern montiert. Billardkugeln rollen auf die Bühne, Simone Aughterlony – nicht nur Regisseurin sondern eine der drei Performerinnen – setzt sich ein Geweih mit daran montiert Dartscheibe auf, Julia Häusermann, die zweite der Performerinnen, wirft einen Pfeil auf die Scheibe, während die dritte im Bune, Nele Jahnke, in einem weißen Latexanzug drumherum stromert. Häusermann – die mit Down-Syndrom geboren wurde – sagt in einer Passage mit Hilfe von Würfeln dem Publikum die Zukunft voraus. Eine Schwangerschaft ist dabei, oder auch: Ein Nasentumor.

NoGambling 600 MaxiSchmitzEin Helm aus Kartenschicksal: "No Gambling" © Maxi Schmitz

Es ist schwer zu sagen, was genau in "No Gambling" auf der Bühne eigentlich gebaut wird – irgendwie hat es mit Glücksspiel zu tun, mit Kneipenspielen wie Dart und Billard Würfeln und Wetten, irgendwie ist es aber auch eine bühnengroße, bewegliche Installation, durch die die Drei da ziehen, von irgendwo immer neue Gegenstände heranholen, immer neu umbauen, rückbauen, wiederaufbauen, während manchmal ein Beat mit spürbarem Bass durch die Zuschauerreihen brezelt, auf den wiederum minmalistische, sphärische Keyboardklänge gelegt sind. Jahnke verzehrt am Ende eine Melone, die vorher mit einer Machete zerteilt wurde. Alles das fein abgeschmeckt mit einer Prise Neonpunk-Ästhetik.
Es sind also Rätselbilder, die hier immer wieder aus Bühneninstallation herausgezerrt werden, dazu kommt ein wenig Tanz und Körperlichkeit, Videospielbewegungen mit Videospielsounds. Ein wenig erinnert das, wenn man so will, an David Lynch, vielleicht an frühe Filme von Lars von Trier, Werke also, bei denen das rationale Denken zugunsten des assoziativen ausgeschaltet werden muss, aber eben auch Werke, bei denen sich Rätsel an Rätsel reiht, grob zusammengehalten von einer Stimmung und von zwei, drei Motiven, die sich durch die Inszenierung ziehen.

Steinige Rätsel

Ähnlich – nur steiniger – ist Manuela Infantes "How to turn to stone" gestaltet. Auch hier stehen Rätsel im Vordergrund, eigenartige Bilder, die zunächst nicht so recht zueinander passen wollen. Von Marsmenschen ist da Rede, dann wieder von exhumierten Leichen, dann plötzlich von Bohrern und japanischen Konzernen und Zen-Gärten, und dann kommt wie aus dem Nichts noch eine Steinigung dazu. Hier wird erst nach und nach klar, dass alle diese Motive, alle diese Sätze, die mit Loop Stations und Echoeffekten wie Gesteinsschichten übereinander gelagert werden, einen Kommentar zur Ausbeutung von Minenarbeiten und zum Kupferabbau in Chile darstellen: Die Welt hungert für ihre elektrischen Geräte und Spielzeuge nach Kupfer. Die Marsmenschen sind die Arbeiter:innen, deren Schweiß unter den Arbeitsbedingungen grün vor Kupferoxid wird, deren Geist von den Giften erodiert, die letztendlich mehr Stein als Mensch sind, vergiftet zu einem Stück Landschaft.

HowtoturntoStone2 600 DanielMontecinosMehr Steine als Menschen: "How to turn to stone" © Daniel Montecinos

Beim Festival Theaterformen wird – das muss man dazu sagen – eine leicht veränderte Version der Inszenierung gezeigt, einer der Darsteller:innen hat sich bei den Proben verletzt und kann nun, mit einem Kreuzbandriss, nicht auf der Bühne stehen, sondern robbt eher durch das minimalistische Bühnenbild, das aus einer großen, grauen Decke, ein paar Folien und der Typographie der Untertitel besteht. Wo "No Gambling" das Rätsel, die surreale Eigenartigkeit, gerne auch auch als solche stehen lässt, kommt "How to turn to stone" mit einer Erklärung daher. Beide Inszenierungen sind auf ihre Art elegant gemacht: "No Gambling" baut Bild um Bild zusammen, lässt die Grenzen zwischen Tanz, Performance, Rauminstallation und – ja, vielleicht – Disko verschwimmen, um alles das dann ganz selbstbewusst nicht zu erklären, sondern schwingen zu lassen. Warum wird da jetzt die Melone mit der Machete zerhackt? Warum rollen die Billardkugeln? Was hat es mit der Latexkluft auf sich? Man weiß es nicht, und das will die Inszenierung: Ein großer Assoziationsraum sein, der dann aber doch wiederum so dicht gemacht, so dicht inszeniert ist, dass nichts darin Zufall ist.

Schicht auf Schicht

"How to turn to stone" arbeitet weniger mit einzelnen Rätselsequenzen, sondern mit Schichten, Sprachschichten, um genau zu sein: Träge wie Kontinentaldrift stapelt die Inszenierung Satz für Satz aufeinander, in Echos, in Wiederholungen, die immer wieder neu interpretiert, immer wieder neu dialogisch verarbeitet werden, in immer neuen Gedankenketten arrangiert. Selbst die Untertitel agieren hier als Bühnenbild, indem immer wieder typographisch die sprachlichen Überlagerungen gespiegelt werden. Ob da Menschen sprechen, oder Steine: Das wird nie so ganz klar. Fest steht: "How to turn to stone" möchte aber kein Rätsel sein – dazu ist der Inszenierung viel zu wichtig, die Aufmerksamkeit auf das fremdbestimmte Schicksal der Minenarbeiter zu lenken, die Auswirkungen des Kupferabbaus. Als Spirale dreht sie sich hin zu er Erklärung, zur Verknüpfung des Motivs der Marsmenschen mit dem der Menschen in den Minen, mit dem japanischen Zen-Garten und den japanischen Firmen, die die Ausbeutung der Menschen betreiben.

Im klugen Labyrinth

Beide Inszenierungen sind auf ihre Art klug gemacht, klug durchdacht, lassen sich auf abstrakte Art durchdenken, wenn man da denn möchte. Was "No Gambling" auf der Bildebene versucht, versucht "How to turn to stone" auf der Textebene: Schicht um Schicht aufbauen, bis man sich in dem Labyrinth verliert. "How to turn to stone" führt das Publikum dann auch wieder hinaus - "No Gambling" lässt es einfach dort.
Mit fast zwei Stunden ist "How to turn to stone" allerdings auch sehr lang – gerade auch, weil sich sprachliche Motive immer wiederholen, immer wieder neu aufgebaut werden und sich die Inszenierung dann eben mit derselben Geschwindigkeit bewegt, mit der sich Gebirge aufschichten. "No Gambling" dagegen ist kurz und bunt, knallig in all seiner Rätselhaftigkeit – bleibt in der Kürze aber so unbefriedigend wie wunderbar bizarr.

 

No Gambling / How to turn to stone

No Gambling
Regie: Julia Häusermann, Simone Aughterlony, Musik: Gérald Kurdian, Bühne: Thibault Vancraenenbroeck, Licht: Joseph Wegmann, Kostüm: Nathalie Pallandre.
Mit: Nele Jahnke, Julia Häusermann, Simone Aughterlony
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

How to turn to stone
Regie: Manuela Infante, Design: Rocío Hernández, Technische Leitung, Visuals: Pablo Mois, Produktion: Carmina Infante, Sounddesign: Manuela Infante, Design Visuals, Programmierung Lichtsound: Alex Waghorn, Choreografie: Diana Carvajal, Ton Tracks: Valentina Villarroel.
Mit: Aliocha de la Sotta, Marcela Salinas, Rodrigo Pérez
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.theaterformen.de

 

Mehr zu Manuela Infante: Ihr Stück Noise. Das Rauschen der Menge kam – von ihr selbst inszeniert – am 2. Juli 2021 am Schauspielhaus Bochum heraus und wurde von Gina Haller performt.

 

Kritikenrundschau

"Manuela Infantes 'How to turn to stone' ist eine ungewohnte, faszinierende Form des Theaters und gehört schon jetzt zu den Höhepunkten des Festivals", so Stefan Arndt in der HAZ (12.7.2021). Dass der Abend die Geschichte eines Umwelt- und Arbeitsskandals erzähle, werde dabei erst gegen Ende klar. "Die Fakten der Missstände in einer chilenischen Kupfermine bekommen durch diese Umwege eine tiefe Allgemeingültigkeit, die weit über die Beschreibung des einzelnen Falls hinausgeht."
"No Gambling" wiederum sei ein wilder Ritt durch "eine Realität hinter der Realität". Es ist, als falle der Zuschauer durch die Glasscheibe des iPads, auf dem Julia Häusermann zu Beginn ein Onlinespiel zu spielen scheint, in ein modernes Wunderland, "alles wirkt so schwebend leicht und ausgeglichen wie das riesige Mobile aus Sprossenleiter, Plastikdelfin und anderen Dingen, das hier die Bühne beherrscht. Ein wunderbar sonderbarer Abend". 

Was Julia Häusermann, Simone Aughterlony und und Nele Jahnke zeigen "ist eine Installation in Bewegung", schreibt Stefan Gohlisch in der Neuen Presse Hannover (12.7.2021). "Eine nicht strapazenfreie Stunde voller Metaphern zu einem Spiel voller Ernst. Es geht unter anderem um die fragwürdige Vorstellung des perfekten Menschen und idealen Körpers – der schon in der Person von Häusermann ein Kontrapunkt entgegengesetzt wird." Und über "How to turn to stone" ist der Kritiker begeistert: "Starke Bilder erzählen von Ausbeutung: der Erde und mehr noch des Menschen. So faszinierendes und faszinierend fremdartiges Theater gibt es in Hannover nur bei den Theaterformen."

"No Gambling" kranke daran, dass Collage noch kein Inhalt sei, bemerkt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (14.7.2021). Außer Julia Häusermanns krudem Witz sei in dieser "flackernden, hämmernden und schusseligen Anhäufung von Popzitaten" nichts zu finden gewesen, was wirklich unterhalte, "geschweige denn ein durchdachtes dramaturgisches Konzept erahnen ließ".
"How to turn to stone" hingegen lobt Briegleb: "(D)as ist sehr intelligentes politisches Theater, das seine künstlerischen Mittel klug einsetzt." Und weiter: "Den Zusammenhang zu thematisieren von Umweltzerstörung und stark asymmetrischen Machtverhältnissen, die zur Unterdrückung von Menschen und ihren Grundrechten führen, gelingt in diesem Stück absolut eindrücklich."