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Fröhliche Grausamkeiten

von Esther Boldt

Worms, 16. Juli 2021. Lang liegt er da, der Rüssel des Elefanten. Zärtlich gestreichelt und liebkost wird er, geschmiegt und gefüttert – mit Gugelhupf in jeder Geschmacksrichtung. Die Hand, die ihn streichelt und füttert, ist eine mächtige: die von Papst Leo X. Im vollen, weißgoldenen Ornat steht er da, golden kringeln sich die Locken unter der Mitra hervor. Seinen Job würde er am liebsten stante pede dem Dickhäuter übergeben – auch, als er von jenem kleinen Mönch erfährt, der im fernen Deutschland tobt und schreit. Dieses Deutschland! "Deutschland ist ein schönes Land", sagt sein Legat Cajetan einmal. "Es wird nur von den falschen Leuten bewohnt."

Zugespitzte Erzählung

Der kleine tobende Mönch, das ist Martin Luther, der sich vor 500 Jahren – am 18. April 1521 – in Worms weigerte, seine Schriften und Lehren zu widerrufen. Anlässlich dieses Jahrestages haben die Wormser Nibelungenfestspiele den Schweizer Dramatiker und Autor Lukas Bärfuss mit einem Stück beauftragt. Das heißt nun schlicht "Luther" und zeichnet die gesellschaftlichen wie politischen Veränderungen und Verwerfungen nach, die dessen Thesen und Texte bewirkten.

luther 3 560Vor der Sandsteinfassade des Wormser Doms: Joachim, Kurfürst von Brandenburg (Jan Thümer) © David Baltzer

Anstelle von Luther selbst treten andere historische Figuren auf – im Zentrum Joachim I., Kurfürst von Brandenburg, und seine Frau Elisabeth, Prinzessin von Dänemark. Historisch überliefert ist, dass beide sich überwarfen, als Elisabeth zur Lutheranerin wurde. Um das unglückliche Liebespaar gruppieren sich Brüder und Onkel, Raubritter und Ärzte, Kinder und Knechte. Und, die deutschen Umtriebe aus der Ferne irritiert beäugend: Papst Leo X. und sein geliebter Elefant Hanno.

Bei Bärfuss sind es ziemliche Stereotype, weitgehend frei von Komplexität und Ambivalenz. Sie stehen ganz in den Diensten der heiter zugespitzten Erzählung, des großen Gesellschaftspanoramas, das der Autor launig skizziert. Joachim ist bei ihm ein unerträglicher Schwerenöter und Gewalttäter, der sich nimmt, was er nicht kriegen kann, und unterjocht, was ihm nicht gehört. Elisabeth, die vor der Heirat zurückschreckt, wird kurzerhand gezwungen. Wer sich ihm in den Weg stellt, wird einen Kopf kürzer gemacht.

Großartiges Spektakel

Vor der imposanten Sandsteinfassade des Wormser Doms hat die ungarische Regisseurin Ildikó Gáspár, Mitbegründerin und Hausregisseurin am Budapester Örkeny-Theater, Bärfuss‘ neues Stück inszeniert. Hier ist alles Gold, was glänzt: Zwei Gerüste mit hohen Plateaus, auf denen Elisabeth (links) und Joachim (rechts) zu Hause sind. Eine Rutsche und ein Aufzug führen auf die Bühne hinab. Unten: goldener Boden, ein goldener Grill, ein goldener Container, eine Bude für Tourist:innen mit Souvenirs, Postkarten, Heiligenbildern und einem Cola-Automaten. Oh ja, Gáspárs Bühnenwelt ist schrill, heutig und lustvoll – und sie spielt auf allen Ebenen.

Die Musikerin Flora Lili Matisz begleitet das Geschehen, Máté Bredán und Jonas Lenz verarbeiten die Videos der Darsteller:innen live zu Videotelefonaten oder Videoclips, die auf einer Leinwand im Smartphone-Format nahezu permanent mitlaufen. Darsteller:innen gleiten auf Rollern, Rollschuhen und Hoverboards herein – oder auch mal mit dem Fahrrad. Männerrollen werden mit Vorliebe von Frauen gespielt – wie Sunnyi Melles ziemlich fabelhafter, fröhlich Grausamkeiten und gleichmütig politische Entscheidungen verkündigende Papst. Barbara Colceriu gibt mit eleganter Überlegenheit Friedrich, den Kurfürsten von Sachsen, und Iringó Réti seinen Spin-Doktor Spalatin. Verblüffend, wie viel diese simple, Männerbünde unterbrechende Besetzungspolitik eröffnet.

luther 1 560Zwangsverheiratet: Elisabeth, Prinzessin von Dänemark (Julischa Eichel) © David Baltzer
Ildikó Gáspár und das mitreißende Ensemble brennen vor dem Dom ein großartiges Spektakel ab. Die poröse Welt des 16. Jahrhunderts wird durch eine grelle, übermütige Gegenwartsbrille gelesen. Die Welt der Fürsten, die sich in ihren Fürstentümern verschanzten und ihre Alleinherrschaft genossen, bereits leicht vom wind of change umweht und sich festklammernd an ihrer alten, ererbten Macht. Der gierigen, korrupten Kleriker und ach, der Frauen: geschunden, benutzt, geraubt, missbraucht. Julischka Eichel und Jan Thümer geben als Elisabeth und Joachim von vorn herein ein vollkommen vergebliches Paar ab, er erst ganz unterwürfig, dann ganz Unterwerfung, sie erst hoher Stolz, dann großer Fall.

Die dunkle Seite der Macht

À propos: ein großer Mangel bei Bärfuss‘ "Luther": seine Thesenhaftigkeit, die die Plausibilität der Erzählung vollkommen überschattet. Joachim, ein anfangs noch recht umgänglicher Typ, wechselt im Handumdrehen zur dunklen Seite der Macht, als Elisabeth ihn zurückweist. Später wird, genauso plötzlich, Elisabeth von der halbtoten, geschundenen Ehefrau zur putzmunteren, selbstbewussten Lutheranerin. Da musste der Plot ganz schnell in die richtige Richtung gebogen werden – wie schade. Aber Gáspár und ihr Ensemble treiben dem Stoff seine Thesenhaftigkeit ziemlich energisch aus, mitreißend, zitat- und einfallsreich zeigen sie, wie hier eine Welt aus den Fugen gerät. Ach ja, und ziemlich gut gelaunt. Das schreibt man sich doch gern hinter die Ohren.

 

Luther
von Lukas Bärfuss
Uraufführung
Regie: Ildikó Gáspár, Bühne und Kostüm: Lili Izsák, Videodesign: Andás Juhász, Komposition: Tamás Bányai, Choreografie: Barnabás Horkay, Dramaturgie: Thomas Laue
Mit: Julischka Eichel, Jan Thümer, Jürgen Tarrach, Veronika Szabó, Barnabás Horkay, Johannes Klaußner, Anna Szandtner, Sunnyi Melles, Matthias Neukirch, Máté Borsi-Balogh, Barbara Colceriu, Iringó Réti, Konstantin Bühler, Ervin Pálfi, Katrija Lehmann, Flora Lili Matisz
Premiere am 16. Juli 2021
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.nibelungenfestspiele.de

 

Kritikenrundschau

"Mit all dem ihr innewohnenden Irrsinn spielt Sunnyi Melles diesen Papst", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (19.7.2021). "Wenn es je eine Idealbesetzung für einen der Welt abhandengekommenen, durchgeknallten Würdenträger gab, dann ist sie es." Lukas Bärfuss streife in seinem Text theologische Fragen und entwerfe ein historisch belegtes (Elefant!), bizarres Panoptikum der Zeit, bevölkert mit närrischen Figuren. "Schon bei der Lektüre wundert man sich über das Ping-Pong aus brillant scharfen und lustigen Szenen, denen solche von bemerkenswerter Plumpheit gegenüber stehen." Regisseurin Ildikó Gáspár nehme sich des redundanten Textangebots beherzt an mit einem leicht aberwitzigen Budenzauber. "Wenn man denkt, jetzt müsste der Irrsinn richtig abheben, geht dem Treiben aber vollkommen die Luft aus". Fazit: "So grell die Farben dieses Historiengemäldes auch sind, es bleibt reine Oberfläche."

Die Musiker Flora Lili Matisz, Anna Szandtner und Maté Borsi-Balogh machen wirklich Eindruck, "sie sorgen für nahezu alles, was dieser Inszenierung allzu oft fehlt: Atmosphäre, Tempo, Dynamik, Intensität", schreibt Hubert Spiegel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (19.7.2021). Sunnyi Melles fülle die Bühne mühelos aus, "mit Gesten, Blicken und einer großartigen Phrasierung", ansonsten bleiben überraschende Einfälle die Ausnahme.

Zwei Tücken treffen an diesem Abend zusammen, so Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (19.7.2021). Die erste sei, dass die Konstruktion mit dem großen Loch in der Mitte (da wo Luther steht und sinngemäß nicht anders kann), derart gebe es nichts Neues von Luther zu erfahren. "Die zweite Tücke ist der Versuch von Regisseurin Ildikó Gáspár, das Groteske daran herauszulocken, nein, herauszuzwingen." Dem Text bekomme das schlechter als erwartet. "Luther" werde dadurch zu einem munteren Kaleidoskop, revuehaft manchmal die Szenenabfolge.

"Man kann viel über laut vertretene Konzeptionen sprechen oder es auch für eine mittelbösartige Unterstellung halten", schreibt Ralf-Carl Langhals im Mannheimer Morgen (17. Juli 2021): "Aber so richtig hochmotiviert, scheint Bärfuss zur Auftragsarbeit 'Luther' nicht gewesen zu sein." Regisseurin Ildikó Gáspár habe die "ohnehin wenig komplexen Figuren" des Autors "überwiegend eindimensional" angelegt. Einzig Konstantin Bühler als Luther-Freund Ratzenberger stelle "beseelt leuchtend" eine Figur vor, "der man so etwas wie Glauben abnimmt", um den es in dieser Inszenierung aber sowieso nicht gehe.

"Warum das alles?" fragt Christian Gampert in der Zeit (21.7.2021). "Warum ein betulich historisierendes Stück mit teilweise pathetischer Sprache, dessen Figuren dann von der Regie in popbunte Kostüme gesteckt und immer wieder ins Hysterische getrieben werden?" Lukas Bärfuss habe "ein Stück, das keinem wehtut" geschrieben, ein Stück ohne Zentrum, das sich in Nebensträngen verliere. "Ildikó Gáspár, die in ihrer ungarischen Heimat Kummer und Bevormundung gewohnt ist, möchte ihre Chance nutzen und in Deutschland postmodernes Regietheater machen. Als Freiluftexperiment vor dem Dom ersäuft das leider in (zu) großer Weite." Einziger Lichtblick sei Sunnyi Melles, so Gampert: "als Papst ist sie sehr schräg und exzentrisch, ein androgynes, verrücktes Luxuswesen ohne politische Ambition."