logo_nachtkritik_klein.png
Drucken

Netztheater-Diskurs beleben

Juli 2021. Seit dem Frühjahr 2020 gehen Theater(schaffende) in der Corona-Krise verstärkt auf Online-Bühnen und entdecken und entwickeln dort neue Theater-Formen. Viele besonders innovative Netztheater-Produktionen kamen dabei vor allem in der ersten Zeit von freien Theatermacher:innen und Gruppen, bekannten und neuen. Denn die Freie Szene verfügte auf dem Feld bereits vor der Pandemie über einen Wissenvorsprung und wurde auch wegen ihrer auf flexibleres Arbeiten ausgerichteten Infrastruktur schnell zum Labor für Netztheater-Experimente.

Um die neuen Formate in ihrer Bandbreite an exzellenten Beispielen abzubilden und den Netztheater-Diskurs zu beleben, hat nachkritik.de vom 15. bis 17. April 2021 das "Zoom in Festival zum Netztheater in der Freien Szene" veranstaltet. Organisiert wurde es von Sophie Diesselhorst, Janis El-Bira, Simone Kaempf, Nikolaus Merck und Silvia Schober. Gefördert vom Fonds Darstellende Künste aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Sechs Gastspiele beim Zoom in Festival zum Netztheater in der Freien Szene

An drei Tagen liefen auf der unter Leitung von Timo Raddatz eigens entwickelten Festival-Präsenz nachtkritik.online sechs Gastspiele in verschiedenen Online-Medien. Für einen subversiven Umgang mit Social Media stand das Instagame "Der Kult der toten Kuh" von Laura Tontsch, wo die Funktionsweisen des populären sozialen Bildmediums Instagram offengelegt und Zuschauer:innen zu Mitspieler:innen werden. Auch "Goodbye Kreisky" von der Wiener Gruppe Nesterval ist interaktiv gedacht, wenn das Publikum entweder in Zoom-Gruppen über den Verlauf der Handlung berät und abstimmt oder sich in der Game-Variante durch die liebevoll ausgestalteten Möglichkeiten klickt.

anmo variante 6 560

"Twin Speaks" von vorschlag:hammer, die Online-Adaption einer Bühneninszenierung, erzählt per Telegram-Messenger einen surrealen Krimi – mit Text-, Sprach-, Videonachrichten und eigens angefertigten Stickern und Memes treten die Figuren in Dialog. "werther.live" vom in der Pandemie neu gegründeten Kollektiv punktlive bespielt gleich mehrere Social Media Kanäle gleichzeitig – Bühne ist hier der Bildschirm des Goetheschen jungen Werthers, dessen Sozial- und Liebesleben online geführt wird. Für das Genre "Theaterfilm", das die Mittel von Theater und Film gegeneinander antreten lässt, steht "Brigitte Reimann besteigt den Mont Ventoux" von Marlene Kolatschny und Jan Koslowski. Auch "A Room of Our Own" von Swoosh Lieu ist ein Theaterfilm ohne Live-Aktion – die kunstvolle Lecture Performance führt vom Theater in den öffentlichen, in den virtuellen Raum und am Ende mit neuen Bildern und Erkenntnissen wieder ins Theater zurück. Aus urheberrechtlichen Gründen waren die sechs Gastspiele alle nur während des Festivals auf nachtkritik.online verfügbar.

Ästhetik der Zugänglichkeit

Alle anderen Festival-Veranstaltungen sind weiterhin auf der Festival-Webseite nachzuschauen: In den Artist Talks kamen die Teams von je zwei Gastspielen zusammen zum moderierten Austausch miteinander und mit dem Online-Publikum. In ihrem Resümée betonten Jana Zöll und Steven Solbrig zum Abschluss des Festivals die Möglichkeiten, die das Netztheater für mehr Inklusion bietet, mahnten aber auch an, dass eine "Ästhetik der Zugänglichkeit" sowohl on- wie offline im Theater noch in weiter Ferne liegt.

In zwei prominent besetzten Panels wurde außerdem gefragt, was bei der Entwicklung einer Infrastruktur fürs freie Netztheater notwendig und sinnvoll ist, aus institutioneller und künstlerischer Perspektive. Drei Workshops machten Weiterbildungsangebote zu rechtlichen Fragen im digitalen Raum, zur Dramaturgie und Technik von Hybrid-Theaterproduktion und zum Einstieg ins Programmieren. Die Panels und Workshops sind sowohl als Videos verfügbar als auch in Zusammenfassungen inhaltlich aufgeschlüsselt (siehe unter: Liste der Einzel-Dokumentationen).

An dieser Stelle entsteht mit der Dokumentation des "Zoom in" Festivals ein Dossier zum Thema Netztheater, das über das Festival hinaus gepflegt und erweitert wird.

 

 

Übersicht Dokumentation Zoom in Festival

Kurze Vorgeschichte des Theaters im Netz

Artist Talk I mit Laura Tontsch ("Der Kult der toten Kuh") und Stephan Stock von vorschlag:hammer ("Twin Speaks") (Video-Aufzeichnung)

Artist Talk II mit Katharina Pelosi von Swoosh Lieu ("A Room or Our Own") und Martin Finnland von Nesterval ("Goodbye Kreisky") (Video-Aufzeichnung)

Artist Talk III mit Cosmea Spelleken ("werther.live") und Jan Koslowski ("Brigitte Reimann besteigt den Mont Ventoux") (Video-Aufzeichnung)

Panel I: Plattformen und Paywalls (Video-Aufzeichnung und Zusammenfassung)

Panel II: Netztheater als Guerillatheater (Video-Aufzeichnung und Zusammenfassung)

Workshop I: Rechtliche Fragen zum Netztheater (Video-Aufzeichnung und Zusammenfassung)

Workshop II: Dramaturgische und technische Fragen in der Hybrid-Theaterproduktion (Video-Aufzeichnung und Zusammenfassung)

Workshop III: Einführung ins Programmieren (Video-Aufzeichnung und Zusammenfassung)

Festival-Resümée von Jana Zöll und Steven Solbrig (Video-Aufzeichnung)

Festival-Bilanz aus technischer und logistischer Perspektive von Timo Raddatz