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Promi Deko Queen

von Georg Kasch

Berlin, 24. Juli 2021. Ist Theater eigentlich noch ein gesellschaftliches Ereignis, jenseits der immer ausgedünnter wirkenden Feuilletonseiten? Wenn man zur großen, schon im vergangenen März geplanten Premiere von "Mord im Orientexpress" ins Berliner Schillertheater eilt, wo gerade die Komödie am Kurfürstendamm ihr Interim aufgeschlagen hat, ahnt man, was Theater zuweilen auch bedeutet: roter Teppich, Blitzlichtgewitter, im Publikum Fernsehprominenz im Dutzend. Es ist ein Spektakel der eigenen Art, dessen Lust zu Größe und Glanz auch FFP2-Masken, Desinfektionsmittel und Nachverfolgungsdokumentation nichts anhaben können.

Stars, Stars, Stars

Ein Rummel, der sich auf der Bühne spiegelt. Denn "Mord im Orientexpress" nach Agatha Christies Roman von 1934 ist schon qua Team auf Prominenz getrimmt: Regie führt Katharina Thalbach, auf der Bühne stehen neben ihr selbst ihre Tochter Anna und ihre Enkelin Nellie, außerdem die Geschwister Pfister, legendäre Held:innen der großen Kleinkunst. Die Kostüme hat Guido Maria Kretschmer entworfen, populär in Boulevardmedien und Privatfernsehen, der etwa auch für die neuen Uniformen der Bahn-Mitarbeitenden verantwortlich zeichnet.

Orientexpress1 600 FranziskaStrauss uAlles im Kopf: Katharina Thalbach als Hercule Poirot © Franziska Strauss

Ein Spektakel aber ist auch "Mord im Orientexpress" selbst. In seiner Theaterversion von Ken Ludwig, handlich gemacht von Thalbach persönlich, ist es eines jener unzähligen Stücke, die das Spiel im Spiel thematisieren. Und das insofern raffiniert, weil wir als Zuschauer:innen erst am Ende begreifen (so wir das Finale nicht schon aus Roman und Film erinnern), dass hier fast alle eine Rolle spielen. Das Ganze ist ein Schauspieler:innen-Fressen, sechs Mal verfilmt (darunter 1974 hinreißend von Sidney Lumet mit Ingrid Bergmann, Lauren Bacall, Vanessa Redgrave und 2017 blutarm von Kenneth Branagh): Im Orientexpress auf der Reise von Istanbul nach Calais wird ein Mann ermordet, ausgerechnet, als der Zug im Schnee feststeckt. Meisterdetektiv Hercule Poirot weiß, dass es jemand an Bord gewesen sein muss. Aber alle haben ein Alibi.

Glanzvolle Illusionen

Momme Röhrbein hat für die große Bühne des Schillertheaters, das seit seiner Abwicklung Anfang der 1990er als Musical-Gastspielbühne und Opernausweichquartier dient, eine spektakuläre Kulisse entworfen, wie man sie im Stadttheater heute nur noch selten antrifft: Wirkt das Hotel zu Beginn noch etwas halbseiden, so gehören der tatsächlich abfahrende Zug mit Dampf und rollenden Rädern (und darüber der Bahnhof in erstaunlicher Tiefenoptik), später dann das Interieur – unten der Salonwagen, oben die Kabinen – in reinstem Art Déco zu den Höhepunkten des Abends. Wie auch die prachtvollen Kostüme, die ebenso lustvoll in den Luxus der frühen 30er Jahre eintauchen. Wie ein Vergrößerungsglas schiebt sich immer dann, wenn etwas illustriert werden soll, eine kreisrunde Leinwand vors Bild. Hier zeigen Maximilian Reichs Filmeinspieler in Großaufnahme gerafft, was man sich bis dahin hat vorstellen müssen – im Falle der (zurückliegenden) Kindesentführung etwa als eine Mischung aus "Nosferatu" und "M – Eine Stadt sucht einen Mörder".

Orientexpress3 600 FranziskaStrauss uDarf ich mal Ihr Alibi sehen? Max Gertsch und Nellie Thalbach © Franziska Strauss

Dass hier alles an die verdienstvollen Operetten-Ausgrabungen etwa der Berliner Komischen Oper erinnert, liegt natürlich auch an den Geschwistern Pfister, für die Komponist und Arrangeur Christoph Israel bei Klassik, Swing et cetera wildert, um aus dem Krimi ein Taschenmusical zu machen. Hübsch ist das, wenn sich Tobias Bonn als Eisenbahnchef Monsieur Bouc ans Klavier setzt und Christoph Marti als Millionärin (und Lauren-Bacall-Wiedergängerin) Helen Hubbard durchs Great American Songbook singen. Nur bleibt das eher ein Zitat ihrer eigenen Shows und der Operetten-Großtaten anderswo, als dass es den gesamten Abend verwandeln und mitreißen würde. Was übrigens auch für die unterforderten Tänzer:innen gilt, die sich im Zug als Albtraum-Allegorien winden müssen und erst bei der Zugabe richtig aufdrehen dürfen.

Volksschauspielerin Thalbach

Thalbachs Inszenierung leidet nämlich gerade im ersten Teil an einer gewissen Gemütlichkeit bei gleichzeitigem Hang zur Übertreibung. Nichts wird angedeutet, alles ausbuchstabiert. Fast wirkt es, als wäre die Regisseurin (die hier am Schillertheater übrigens 1987 mit "Macbeth" ihre erste Inszenierung vorlegte) mit ihrer Detektivrolle so beschäftigt gewesen, dass ihr entging, wie sehr die Kolleg:innen ihr eigenes Ding machen.

Natürlich hat das – gerade im Rückblick – seine Richtigkeit, dass hier alle maßlos übertreiben. Dennoch muss man schon Freude haben an den Monty-Python-haften Karikaturen, die hier in aller Überdeutlichkeit ausgepinselt werden: Nadine Schori plärrt als Greta Ohlsson bei jeder Gelegenheit los, Raphael Dwinger poltert als ehrpusseliger Schotte Colonel Arbuthnot wild herum, Anna Thalbachs Mary Debenham jammert und keift und bei Mat Schuhs röhrendem Pöbel-Mafioso ist man wirklich dankbar, als er endlich das Zeitliche segnet. Die Pfisters machen das wett: Tobias Bonn gibt wie immer den noblen Operetten-Tenor, Christoph Marti die exaltierte Diva, Andreja Schneider die schlechtgelaunte Großfürstin – hinreißend! Nur, wie gesagt, gibt’s sie in ähnlichen Rollen bereits in strahlenderen Umgebungen.

Orientexpress2 600 FranziskaStrauss uAbteil mit Aussicht: Christoph Marti, Nadine Schori, Andreja Schneider und Wenka von Mikulicz © Franziska Strauss

Bleibt Thalbach selbst, die längst zur Volksschauspielerin geworden ist. Völlig zurecht. Wie sie sich den Meisterdetektiv aneignet, gehört auch zu den Dingen, die man im Stadttheater so nur noch selten sieht: ein knurriger, schnurrender, entsetzlich eitler Kerl, der vor Chauvinismen und anderen Unerfreulichkeiten ebensowenig gefeit ist wie die Verdächtigen und – ein running gag des Abends – als frankophoner Belgier das H nicht aussprechen kann. Am Ende ist Theater eben auch eine kleine sympathische Frau, die sich derart virtuos in einen mäßig sympathischen Mann verwandelt, dass man vollkommen vergisst, wer hinter dieser Maske steckt. Und für diese Kunst muss man das Theater einfach lieben.

 

Mord im Orientexpress
von Agatha Christie
für die Bühne bearbeitet von Ken Ludwig, Deutsch von Michael Raab
Bearbeitet für die Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater von Katharina Thalbach
Regie: Katharina Thalbach, Bühne: Momme Röhrbein, Kostüm: Guido Maria Kretschmer, Musik: Christoph Israel, Co-Regie & Choreographie: Christopher Tölle, Video: Maximilian Reich.
Mit: Katharina Thalbach, Tobias Bonn, Anna Thalbach, Alexander Dydyna, Max Gertsch, Andreja Schneider, Nadine Schori, Nellie Thalbach, Christoph Marti, Raphael Dwinger, Mat Schuh, Wenka von Mikulicz; Tänzer:innen: Julian Bender, Carmela Bonomi, Kai Braithwaite, Abby Cheng, Sarah Julia Evertz, Tim Olcay, Eleonore Turri, Nigel Watson; Statist:innen: Josué Moy De Almeida, Sixto Hernandez Barrios, Elias Gabele, Martina Pietroni.
Premiere am 24. Juli 2021
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

https://www.komoedie-berlin.de

 

Kritikenrundschau

"Thalbach, die Expertin eines charmant überdrehten Volkstheaters, taucht die Agatha-Christie-Nostalgie in kunterbunten Retro-Pop und beflügelt das alles mit fröhlicher Selbstironie, Wumms und Gesangseinlagen", schreibt ein überaus erfreuter Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (25.7.2021).

Es entfalte sich "mit sinnlicher Eleganz eine totale, ein wenig altmodische, aber ungemein professionell aufbereitete, am Beginn noch ein bisschen sich einruckelnde, mit vielfachem Zwischenbeifall bedachter Schauspielershow", schreibt Manuel Brug von der Welt (26.7.2021). "Jeder hat hier sein auf den von Edelstöffchen umspielten Leib geschneidertes Solo, und trotzdem ist es facettenreiches Ensembletheater, liebevoll auscharakterisiert, raffiniert ergänzt um filmische Rückblicke und von der Seite reinfahrende Badezimmer und Kontore." Brug schließt: "Endlich wieder Amüsement und Unterhaltung!"

"Ein massiver Mummenschanz wird da in Agatha Christies Namen entfesselt", bemerkt Frederik Hanssen vom Tagesspiegel (25.7.2021), und fragt sich: "Ist das wirklich nötig? Resultiert die Faszination des 'Mord im Orientexpress' nicht gerade aus der Kammerspiel-Situation der Handlung?" Katharina Thalbach mache aus dem intimen Stück eine große Revue, mit Tanzszenen, pantomimischen Intermezzi und Showstopper-Gesangsdarbietungen, wolle aber gleichzeitig auf kein einziges Detail der Story verzichten. "Unklar bleibt bis zum Schluss auch, wo sie interpretatorisch hin will. Soll der Abend ein nachgespielter Roman sein, eine Boulevardkomödie, ein verkapptes Musical oder vielleicht doch eine Krimi-Klamotte?"