Gärten der Welt

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 25. Juli 2021. Im Sonnenuntergang sieht jede Stadt gut aus. Selbst das arg gebeutelte Beirut, wo vor knapp einem Jahr der halbe Hafen in die Luft flog, die Explosion verwüstete ganze Viertel, über 200 Menschen kamen ums Leben. Aus dem Autofenster der Regisseurin und Schauspielerin Maya Zbib (Mitgründerin der Zoukak Theatre Company, die auch schon öfter in Deutschland gastierte) sehen wir nun aber nicht die Zerstörung, sondern Vollkommenheit, den pastellbunten Himmel über der Corniche, der langen Küstenpromenade, auf der Beirut abends flaniert. "Wir haben den Sonnenuntergang um ein paar Minuten verpasst", informiert uns Maya Zbib und stimmt fröhlich ein in das Lied, das gerade im Autoradio läuft.

Mittelmeerküste grüßt Mittelmeerküste, wenn es ein paar Minuten später weitergeht mit dem Sonnenuntergang im ägyptischen Alexandria, wo Abdalla Daif den malerischen Blick durch die Sunset-Brille auf die Stadtsilhouette kontrastiert mit einem düsteren Szenario – "In ein paar Jahren könnte es diesen Sonnenuntergang nicht mehr geben", denn Alexandria ist akut bedroht vom steigenden Meeresspiegel. "Alle Menschen zusammen müssen sich dieser Realität stellen", der Realität des Klimawandels, so Daif: "Die Krise ist überall."

sun 560 sd uHimmel über den Städten © Screenshot

Zusammen mit der Berliner Regisseurin Lydia Ziemke (Suite 42) hat Abdalla Daif die Idee zu diesem Online-Festival gehabt, das acht Zeitzonen umspannt, acht Künstler:innen in Austausch bringt, die am vierten von insgesamt zehn Tagen alle jeweils zur Zeit des Sonnenuntergangs von ihrem Ort aus livestreamen, für eine Viertelstunde sich und ihre Umgebung zeigen. Amitesh Grover macht um 15:45 zentraleuropäischer Zeit im indischen Dehli den Anfang und gräbt eine Reihe von Gegenständen und Glückskeks-Zetteln aus einem Blumenkasten aus. Die Zettelchen beschreiben einen paradiesischen Garten, vielleicht den Garten, der hier grünen soll, sobald der Blumenkasten einmal komplett umgegraben ist.

Gärten der Welt

Der Garten ist auch das Leitmotiv dessen, was auf der Plattform "The Sun Sets Eight Times A Day", erreichbar unter eightsuns.online, sonst passiert. Denn während die Sonnenuntergangs-Livestreams die Ausnahme waren und es erst am letzten Festivaltag (dem 31.7.) noch einmal einen Livestream für die "Closing Session" mit den beteiligten Künstler:innen geben wird, kann man sie auch sonst jederzeit in ihrem virtuellen Garten-Atelier besuchen.

Die vom deutschen Medienkünstler Daniel Hengst gebaute Plattform hat zwei Ebenen: Durchs übersichtlich gebaute Foyer "In den Wolken" betritt man den "Garten", der als quadratisch aus dem Planeten geschnittenes Stück Erdreich über den Wolken schwebt, pulsierende bunten Punkte markieren die Bereiche, in denen die einzelnen Künstler:innen arbeiten. Klickt man auf einen der Punkte, landet man im Garten, wo sich hinter einzelnen Gegenständen, die beim Hinüberfahren mit der Maus aufleuchten, weitere Inhalte verbergen, meistens Videos.

sun3 sd 560 uDer Garten über den Wolken © Screenshot

Die Navigation ist intuitiv, das 3D Rendering des Gartens ist anschaulich, wird sogar während der zehn Tage noch um einzelne Details ergänzt, und verschlingt aber gleichzeitig nicht zuviel Rechenkraft. Für Benutzer:innen mit älteren Geräten stellen die Macher:innen außerdem noch eine Basisversion bereit, bei der der Garten sich nicht dynamisch in seinem Wolkenkosmos dreht und per Klick angezoomt werden kann, sondern nur als statischer Bildschirmhintergrund zu sehen ist. Jeder Bereich des Gartens hat ein eigenes Menü, das sowohl eine Einführung anbietet als auch die neu entstehenden Inhalte ordnet. Täglich kann man sich zudem per Telegram-Nachricht updaten lassen.

Die acht Künstler:innen Youness Atbane (Marokko), Zarif Bakirova (Aserbaidschan), Amitesh Grover (Indien), Abdalla Daif (Ägypten), Lucy Ellinson (Cymru/Wales, GB), Azade Shahmiri (Iran), Maya Zbib (Libanon), Lydia Ziemke (Deutschland) arbeiten allesamt entweder interdisziplinär oder "nur" im Theater, dann aber in mindestens zwei verschiedenen Funktionen. Hier nun suchen sie den Austausch in Online-Medien, allerdings mehr miteinander als mit den Zuschauer:innen. Ein, zwei Künstler:innen adressieren zwar in Fragebögen nicht nur ihre Kolleg:innen, sondern auch die interessierte Öffentlichkeit, aber das Gros der öffentlich geführten Kommunikation besteht aus Aufgaben, die die acht einander zuteilen. Wenn man den Zuschauer:innenzahlen in den Livestreams glaubt, beträgt das Publikum auch im Schnitt <= 20, könnte also wahrscheinlich nur begrenzt eingebunden werden.

Werkstatt für verlorene Dinge

Dabei gibt es hier einiges zu entdecken. Jeder Bereich des Gartens hat einen eigenen Themenschwerpunkt, mehr oder weniger konkret umrissen. Maya Zbib nimmt drei Gemälde der libanesischen Malerin Huguette Caland zum Ausgangspunkt für Videos, in denen sie sich mit dem Verhältnis zum eigenen Körper auseinandersetzt. Ihre Kolleg:innen bittet sie mit in ihrem "Logbuch" einsehbaren, sehr genauen Anweisungen darum, ihre Videos weiterzuverarbeiten, zu ergänzen, aufzubrechen. Ähnlich Azade Shahmiri, die in ihrer "Kariz-Werkstatt für verlorene, verlassene und vergessene Dinge" tonlose Kurzfilme postet, in denen sie zum Beispiel Glasscheiben übereinanderlegt, und ihre Kolleg:innen auffordert, einen Sound hinzuzufügen, was die Video-Stillleben weiter ins Abstrakte rückt. Eher diskursiven Charakter hat das "Entfremdungs-Picknick" von Abdalla Daif, bei dem sich unter der blauweißkarierten virtuellen Picknickdecke Videodialoge zwischen je zweien der Künstler:innen zu Themen wie Klimawandel, Mobilität, Spiritualität verbergen, die leider (Stand 25. Juli) teilweise nicht ins Englische oder Deutsche übersetzt waren.

sun4 sd 560 uDie Künstlerin Zarif Bakirova © Screenshot

Auch die Videoarbeit der aserbaidschanischen Künstlerin Zarif Bakirova bleibt für alle, die nicht des Azeri mächtig sind, weitgehend unverständlich. Schade, denn Bakirovas Ankündigung, sie könne nur arbeiten, wenn in Baku der richtige Wind weht, klingt interessant. Tatsächlich dauert es dann ein paar Tage, bis sie überhaupt etwas postet – "Finally, windy today. That means my inspiration is booming and I will have a present for you today." Im Video neigen sich Platanen im Wind, Bakirova blendet andere Bilder darüber, aber die Erzählung der Off-Stimme erschließt sich allein aus den Bildern nicht ansatzweise.

Zugänglicher sind die Dreiminutenmanifeste, die Lucy Ellison in ihrem "Gemeinschaftsgarten" bei den Kolleg:innen einsammelt, und für jedes wird eine neue Rübe in ihrem Garten gepflanzt. Während auch Ellison den Kolleg:innen thematische Freiheit lässt und sie sich wahlweise mit Ideen zu Wort melden wie: wie man den Hunger auf der Welt abschaffen könnte, oder mit einem Plädoyer für "more comedy at school", hat Lydia Ziemke sich einen klaren Fokus ausgewählt. Sie will die hier vertretenen Perspektiven anhand der Erfahrungen eines Umbruchsjahres zusammenführen und fragt: "Welche Bedeutung hatte das Jahr 1989 für dich?" Im ersten Video bringt sie eigentlich schon die Multiperspektivität der ganzen "Eight Sunsets" auf den Punkt. In einem Videofenster voller kleiner Fernseher verkündert zunächst ein und derselbe Nachrichtensprecher in allen acht beteiligten Städten den Fall der Berliner Mauer, dann aber legen sich in den anderen Städten schnell eigene Bilder drüber und es wird klar, dass auch dort 1989 als Umbruchsjahr gelten kann, aber mit anderen Bildern und Erfahrungen verbunden wird. Wie diese Bilder und Erfahrungen wiederum alle miteinander zusammenhängen, das zu untersuchen, leitet Ziemke ihre Kolleg:innen an.

sun 560 sd uZeitreise ins Jahr 1989 © Sreenshot

Nicht alle acht Künstler:innen legen ihre Arbeit kollektiv an – wie bei Zarif Bakirova in Baku weht auch bei Amitesh Grover in Dehli ein rauer Wind, eine einsame Fahne flattert und wird von dem indischen Künstler täglich neu beschriftet. Nach und nach entsteht eine Parabel über Kunstfreiheit und die Macht und Rolle von Staatssymbolen wie Nationalflaggen.

Aus alldem zusammen ergibt sich ein globales Panorama der unterschiedlichen Künstler:innenpositionen und der gemeinsamen Themen. Am deutlichsten können die acht sich auf die Klimakrise als gemeinsames Thema einigen, für Abdalla Daif stellt sie "das einzige Thema dar, anhand dessen ein globaler Gesellschaftsvertrag ausgehandelt werden kann". Für Zarif Bakirova hat die Klimakrise, die den Wind in Baku abnehmen lässt, direkte Auswirkungen auf ihre Arbeit als Künstlerin, wenn sie sich in ihrer windstillen Stadt uninspiriert und erschöpft fühlt.

Corona weckt Sehnsucht

Aber natürlich geht es auch noch um eine andere globale Krise, die Pandemie, die für Azade Shahmiri die Sehnsucht nach anderen, nicht erreichbaren Orten verstärkt hat. Besonders dankbar ist sie deshalb für den virtuellen Austausch im Garten, sagt sie im Livestream, kurz bevor in Teheran die Sonne untergeht. Diese Livestream-Sonnenuntergänge heizen das Fernweh, von dem Shahmiri spricht, auch beim Zuschauen noch einmal kräftig an. Den allerschönsten gibt es kurz vor Schluss in Marokko aus dem Zugfenster, auf dem Weg von Marrakesh nach Casablanca wird die orangene Sonne umspielt von der Landschaft, den Hochspannungsleitungen, dem auf und ab hüpfenden Horizont.

sun2 560 sd uSonnenuntergang in Marokko © Screenshot

Mit Mut zur Öffentlichkeit probiert "The Sun Sets Eight Times A Day" aus, wie ein internationaler Künstler:innen-Austausch im Digitalen funktionieren könnte, der sich nicht auf diskursive Formate beschränkt, sondern auch ins Spiel kommt, Atmosphären überträgt. Bisher ist das Netztheater erstaunlicherweise stark in nationalen und/oder kulturellen Grenzen geblieben, obwohl es ja ganz andere Möglichkeiten eröffnet. Hier geht nun eine erste Saat auf – und auch wenn das Publikum nicht im Zentrum steht; wer in diesem Garten seine Neugier pflanzt, der wird ernten, und wenn's nur ein kleiner Videoschnipsel ist wie der, den mir Azade Shahmiri aus Teheran schenkt, nachdem ich ihren Avatar in Youseff Atbanes "Lake of Crisis" vor dem Ertrinken gerettet habe: Ich erhalte als Souvenir meiner Sonnenuntergangs-Weltreise das Video einer kauernden Plastikfigur, die sanft in ein Wasserglas gebettet wird und darin schwimmt wie in einem Rettungsboot.

Noch bis zum 31.7. ist die Plattform online zugänglich, sind die Künstler:innen dort aktiv, können bei ihrer Arbeit beobachtet werden. Am letzten Tag gibt es eine "Closing Session“, Infos über den Telegram-Kanal

 

The Sun Sets Eight Times A Day
Idee und Konzept: Lydia Ziemke/suite42 und Abdalla Daif.
Regie und Performance: Youness Atbane (Marokko), Zarif Bakirova (Aserbaidschan), Amitesh Grover (Indien), Abdalla Daif (Ägypten), Lucy Ellinson (Cymru/Wales, GB), Daniel Hengst (Deutschland), Azade Shahmiri (Iran), Maya Zbib (Libanon), Lydia Ziemke (Deutschland).
Dramaturgie: Amitesh Grover, Daniel Hengst und Lydia Ziemke.
Medienkünstlerische Konzeption und Umsetzung, Programmierung: Daniel Hengst Programmierung und Hosting: Alex Hof
Dramaturgische Übersetzungskonzeption: PANTHEA
Übersetzungsarbeit und -koordination: Raman Khalaf & Crew
(PANTHEA) Produktionsleitung: Tammo Walter/suite42
Eine Produktion von suite42 in Kooperation mit Youness Atbane, Zarif Bakirova, Abdalla Daif, Lucy Ellinson, Amitesh Grover, Daniel Hengst, Azade Shahmiri, Maya Zbib und tak e.V.
21.-31. Juli 2021
eightsuns.online
"The Sun Sets Eight Times A Day“ wird entwickelt im Rahmen
von "dive in. Programm für digitale Interaktionen“ der Kulturstiftung
des Bundes, gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung
für Kultur und Medien (BKM) im Programm NEUSTART
KULTUR.

www.tak-berlin.de
www.suite42.org

 

 

 
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