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Coming of age vs. erwachsenes Zombietum

Sophie Diesselhorst

Freiburg, 29. Juli 2021. Genuines (nur für ein Online-Publikum produziertes) Netztheater ist selten geworden, seit die Theater wieder für Zuschauer:innen öffnen können. Dass es ein Genre ist, das auch ohne Lockdown ein Publikum bei der Stange halten kann, beweist nun eine studentische Theaterproduktion aus Freiburg, wo der "Interessenverband für studentisches Theater" mit der vieldeutigen Abkürzung FIST* Frank Wedekinds "Frühlings Erwachen" als Livestream mit Publikums-Abstimmungstool adaptiert hat. Und zwar kunstvoll und mitreißend.

Spielort ist der Freiburger Club Hans Bunte Areal, in dem laut Selbstauskunft normalerweise "großformatige, meist elektronische Veranstaltungen" stattfinden. Jetzt sind in dem großen dunklen Raum mehrere Schauplätze der Wedekindschen "Kindertragödie" aufgebaut, ein Wohnzimmer, ein Heuboden, ein Wald. Und los geht es werktreu, also alles andere als elektronisch, mit der 14-jährigen Wendla, die von ihrer Mutter darüber belehrt wird, dass ihr "Prinzesschenkleid" nicht mehr die ihrem Alter angemessene Rocklänge hat. Die Sprache ist original Fin de Siècle, die Kostüme historisieren.

Moral-Instanz per Abstimmung

Aus der Gegenwart hinzugefügt wird zunächst nur das Abstimmungstool, das das Publikum zum Kommentieren und manchmal auch zur Richtungsangabe für die weitere Handlung auffordert. Gleich hier in der ersten Szene ploppt die Frage auf "Wie lang sollte Wendlas Kleid sein?". An der Skizze eines Kleides kann man den Rock so lang oder kurz ziehen, wie man möchte. Die Option "so lang, wie Wendla eben möchte" gibt es nicht. Man wird also direkt in die Position einer normierenden Instanz gedrängt.

Fruhlings Erwachen 02 560 u"Erwachsenes Zombietum" © Moritz Bross Medien

Überhaupt wird das Abstimmungstool immer wieder klug eingesetzt und als Mittel mitreflektiert, wenn zum Beispiel ein paar Szenen später Wendla von Melchior verlangt, dass er sie mit einem Stock schlage, weil sie verstehen will, was es bedeutet geschlagen zu werden. "Soll er sie schlagen?" wird das Publikum gefragt, einmal, zweimal, dreimal, antwortet natürlich in konsequent gewalt-ablehnender Standfestigkeit stets mit "Nein!" Genauso, wie Melchior Wendlas Ansinnen ein-, zwei-, dreimal ablehnt, bis er sich so provoziert fühlt, dass er sie doch schlägt. Hier wird also das Abstimmungsergebnis nicht willkürlich unterlaufen, sondern gezielt und als Zuschauerin, die es sich mit Melchior auf der richtigen Seite bequem gemacht hatte, fühlt man sich in flagranti ertappt.

Ausreißen aus der "Kindertragödie"

Die Digitaldramaturgie ist also schonmal ziemlich gelungen – aber kann diesem Stück mit seiner Skandalisierung einer zum Glück eindeutig der Vergangenheit angehörenden rigiden Sexualmoral heute wirklich noch eine Relevanz abgeklopft werden? Eine Zeitlang geht der Livestream in Richtung der gut gemachten, aber ohne hinreichende Begründung am Wedekind klebenden Inszenierung, wenn zu Beginn von Akt 3 alle Erwachsenen vollends zur Karikatur verzerrt werden, die Gruppe der Lehrer genauso manieriert daherkommt wie ihre (von Wedekind erdachten) Namen "Knochenbruch", "Affenschmalz" es suggerieren, schließlich gar zu grinsenden Schaufensterpuppen erstarren. Bleibt's hier also bei jugendlicher Innerlichkeit gegen erwachsenes Zombietum?

Fruhlings Erwachen 04 560 uMelchior, Wendla und unsichtbar: die moralische Instanz per Abstimmung, das Publikum © Moritz Bross Medien

Zum Glück lautet die Antwort nein. Eine "Kindertragödie" ist das Stück im Untertitel bei Wedekind und endet mit zwei Toten und einem Ausreißer. In Freiburg muss nur eine:r sterben und das Ende ist offen für zwei Ausreißer:innen. Und das Stück ist auf einmal eher eine Coming-of-Age- als eine Kinder-Tragödie, denn beim Erwachsenwerden geht es ja nicht nur darum Schuld auf sich zu laden, sondern auch Verantwortung.

vielstimmiger Applaus

Auch an dieser Verabschiedung von Wedekind kurz vor Schluss wirkt das Publikum mit, allerdings eher indirekt – die Inszenierung hält also noch andere Schluss-Varianten bereit. Egal, wie es in der nächsten Vorstellung ausgeht: Das Abstimmungstool wird noch einmal genial eingesetzt, wenn man zum Schlussapplaus um seine Nachrichten an die "Kinder" gebeten wird, die dann live in den Abspann projiziert werden und einen wirklich vielstimmigen Applaus bilden.

Fruhlings Erwachen 01 560 uFin de Siècle Look in der Netzadaption der Wedekindschen "Kindertragödie" © Moritz Bross Medien

Kontextualisiert wird "Frühlings Erwachen – Eine Adaption nach Ihrer Wahl" auch sehr gut, am Anfang durch eine gut verständliche Einführung in die Funktionsweise des Abstimmungstools (für das ein zweites Gerät empfohlen wird, was auch dazu führt, dass man sich während des Geschehens weniger ablenken lassen kann, weil zwei Geräte von der Inszenierung bespielt werden). Den Schluss bildet eine inhaltliche Rahmung mit Facts & Figures zur männergemachten sexistischen Abtreibungsgesetztgebung in Deutschland, zur kontinuierlich hohen jährlichen Anzahl an (meistens unaufgeklärten) Sexualstraftaten. Wie zur Ehrenrettung des vermeintlich verstaubten Theater-Klassikers – die es gar nicht gebraucht hätte, denn die zwei Stunden sind wie im Flug vergangen und haben Wellen geschlagen.

Frühlings Erwachen – Eine Adaption nach Ihrer Wahl
nach Frank Wedekind
Konzept: Robin Haensse, Regie: Robin Haensse, Bernhard Ruchti, Maya Rollberg, Textfassung: Jonas Sahner, Katharina Kohler, Regieassistenz: Katja Jelina, Susanne Neubrand, Dramaturgische Begleitung: Katharina Kohler, Jonas Sahner, Videokonzept & Kamera & Schnitt: Bernhard L. Ruchti, Musik: Bernhard L. Ruchti, Bühne & Kostüm: Katja Jelina, Susanne Neubrand, Licht: Matthias Apweiler, E-Voting: Moritz Bross, Robin Haensse, Nima Hufschmad Nia, Produktionsleitung: Maya Rollberg, Öffentlichkeitsarbeit: Nima Hufschmad Nia, Felix Kainzbauer, Jonas Sahner.
Mit: Julia Haase, Lara Hecht, Paul Reichenbacher, Felix Kainzbauer, Benedict Procter, Rolf Schimmer, Johanna Schorndanner, Michelle Thielsch, Emma Wagener, Michael Wonnerth.
Premiere am 29. Juli 2021
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

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