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Unsterblicher Gorilla des Kapitalismus

von Michael Wolf

Berlin, 31. Juli 2021. Plötzlich zucken sie, gerät Leben in die Kadaver. Ausgetopft sollten sie sein, mausetot, doch jetzt bewegen sie sich. Wiederbelebt von einer Vision, einer besseren Zukunft, stehen sie von den Toten auf, verlassen ihre Vitrinen, ihr Gefängnis, zerstoßen das Schaufenster und vereinigen sich mit dem Publikum. Ein Delfin und ein Rochen, ein Kakadu, ein Affe und ein Kolibri und noch viele weitere Tiere schweben als Projektionen an Decke und Seiten des Zuschauerraums entlang, suchen die Eintracht mit den Menschen, mischen sich unters Volk. 

Wie aus dem Bilderbuch

Es ist eine Utopie, mit der dieser Abend endet. Als solche muss sie vermutlich so naiv wirken, wie aus einem Bilderbuch für Kleinkinder entnommen. Werden in solchen Tiere vermenschlicht, ist es an diesem Abend aber umgekehrt. Die Produktion "Still Life" will dem Menschen seine Menschlichkeit austreiben. Es ist eine Lehrstunde, eine Ermahnung und Bußpredigt. Die Menschen auf der Bühne gehen mit den Menschen per se ins Gericht, geißeln ihr Gewaltverhältnis zur Natur und vulnerablen Gruppen ihrer Art, propagieren einen neuen Zusammenhalt. In grauen Outfits tanzen, stampfen, springen die acht über Bühne, laufen auch mal durcheinander, folgen der Choreografie einer nervösen Gegenwart, die Todesangst vor der nächsten Sekunden verspürt, weil sie ahnt, dass nach ihr eine katastrophale Zukunft beginnt.

still life 1 560 c ute langkafel jpg Choreografie einer nervösen Gegenwart © Lutz Knospe

Hinter dem Publikum steht Marta Górnicka und dirigiert ihren Chor. Denn vor allem brüllen, flüstern, kreischen und singen sie hier, von sehr diversen Gefahren (Klimakrise, Rassismus, fiese Internetfirmen) und einem posthumanistischen Ausweg aus der Misere. Der einzige Fluchtweg aus der drohenden Katastrophe scheint in einem neuen Paradigma zu liegen, das die menschliche mit jeder anderen Existenz verbindet. "The chorus for animals, poeple and all other lives" lautet denn auch der maximal inklusive Untertitel des Stücks.

Menschheit? Überflüssig!

Es ist ein eher ungewöhnlicher Abend zur Eröffnung der neuen Spielzeit am Berliner Maxim Gorki Theater. Hier sucht man seit Beginn der Intendanz Langhoff gerne den Kontakt zum Publikum, spricht die Zuschauer an, buhlt um ihre Sympathie, gibt ihnen zu verstehen, sie gehörten dazu, spielten selbst die Hauptrollen. "Still Life" formuliert dagegen schon durch den Chorkörper eine formal starke Setzung, die keine Bindung aufkommen lässt, stattdessen zu Konzentration verpflichtet, zumal viele Passagen schwer verständlich sind. Die Übertitel helfen über die akustischen Mängel hinweg, nähren aber die Zweifel an Górnickas Text. Dieser ist in neun Songs und Monologe eingeteilt. Die "Digitalen Tyrannen" an der Spitze der "Diktatur des Überwachungskapitalismus" werben um die Gunst ihrer User. Die "überflüssige Menschheit" beklagt, ihr Tod wäre das einzige, was an ihr noch zu gebrauchen sei. Und auch der ausgestopfte Gorilla Bobby, Wappentier des Berliner Zoos, kommt zu Wort: "Ich bin Bobby! Der unsterbliche Gorilla des Kapitalismus, Rassismus, Kolonialismus und Patriachats!"

still life 2 560 c lutz knospeBilder digitaler Tyrannei. © Lutz Knospe

In Zwischenspielen rückt die speziell deutsche Geschichte ins Zentrum des Abends. Da legen sich die Performer fünf Handpuppen – der "Chor der Mütter, die den Holocaust überlebt haben" – auf die Knie, animieren sie auf eine Weise, dass man denkt, sie hätten seit Kindestagen keine Puppen mehr in der Händen gehabt, und geben Beiträge zur Diskussion um die Singularität der Shoah zum Besten: "Es muss laut gesagt werden: Der Mechanismus der Gewalt, der den Holocausts innewohnt, ist immer derselbe. Obwohl diese These zurzeit nicht 'in' ist in Deutschland", heißt es da, oder: "Alles wiederholt sich, und am häufigsten: Auschwitz!"

Von Delfinen und Menschen

Man darf annehmen, dass Górnicka oder zumindest ihr Text hier Stellung bezieht in der aktuellen Debatte, die schon als neuer Historikerstreit bezeichnet wird. Es geht darum, ob die Verbrechen des Nationalsozialismus nicht mehr als einzigartig bezeichnet werden sollten, sondern als ein Ereignis in einer langen Geschichte kolonialer Verbrechen. Man darf darüber hinaus erstens anmerken, dass es mindestens ungeschickt, wenn nicht gar schäbig, ist, diese Aussagen Figuren in den Mund zu legen, die "Mütter, die den Holocaust überlebt haben" heißen, dass es zweitens ästhetisch ziemlich feige ist, diese Sätze an Puppen auszulagern und drittens: Dass dieser im Guten wie im Schlechten absolut harmlose Abend politische wie intellektuelle Schwergewichte wie diese Debatte überhaupt nicht aushält. Und das will er ja eigentlich auch gar nicht, am Ende will er einfach nur seine Delfine mit den Menschen schwimmen lassen. 

 

Still Life
A Chorus for Animals, People and all other Lives
Regie und Libretto: Marta Górnicka, Komposition: Polina Lapkovskaja, Choreografie: Anna Godowska, Bühne: Robert Rumas, Kostüme: Sophia May, Sounddesign: Rafał Ryterski, Video: EXPANDER FILM (Stefan Korsinsky, Lilli Kuschel, Mikko Gaestel), 3D-Video-Animationen: Luis August Krawen, Alexander Pannier, Dramaturgie: Agata Adamiecka-Sitek, Clara Probst, Puppenbau: Atelier Judith Mähler, Übersetzung: Andreas Volk.
Mit: Sandra Bourdonnec, Lindy Larsson Forss, David JongSung Myung, Hila Meckier, Gian Mellone, Vidina Popov, Sesede Terziyan, Rika Weniger
Premiere am 31. Juli 2021
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.gorki.de

 

Kritikenrundschau

Es gehe in dieser Inszenieurng um "Natur, Kolonialismus und die Konservierung von Machtstrukturen, kurz: um eine ziemlich grob zusammen geleimte Generalabrechnung mit der westlichen Zivilisation selbst, die von Hannah Arendt bis Donna Haraway angesagte Denker zitiert", fasst Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (1.8.2021) den Abend zusammen. Die acht Schauspieler:innen ratterten die Thesen des Textes "wie Algorithmen ab" - dies gewinne zunehmend an Rasanz. Doch das finale Urteil der Kritikerin fällt eher enttäuscht aus: Dieses "Manifest für eine offene Gesellschaft" komme nicht wirklich in Fahrt, zudem erschwerten die Mikroports des Ensembles die Verständlichkeit des Textes.

"Will Martha Górnicka provozieren? Warum legt sie en passant einer Puppe Worte in den Mund, die die Singularität der Shoa in Frage stellen? Und weil sie weiß, dass man da stutzig werden kann - erklärt Górnicka im Programmheft, sie wolle über die eurozentrische Perspektive hinaus gehen, (…) wolle das Verhältnis 'des Westens zum Leben als solchem' hinterfragen", so Anke Schaefer vom RBB (1.8.2021). Zum Ende des Abends bemerkt die Kritikerin: "Schönes Schlussbild, farbenfrohe Utopie, aber eine erstaunliche Diskrepanz zum analytischen Ansatz des Stückes. Gelangen wir zu dieser bunten Freiheit, wenn wir überall nur Gewalt sehen und diese Gewalt, alle möglichen Katastrophen, als komplett gleichwertig betrachten? Das darf bezweifelt werden. Insofern: Nicht wirklich stimmig, dieser Abend."

Das Ensemble sei sehr häufig schlecht oder auch gar nicht zu verstehen. "Wenn man die Übertitel nicht hätte, wäre man ziemlich verloren", beklagt André Mumot von Deutschlandfunk Kultur (31.7.2021). Wie hier schlagwortartige Aussagen zu Auschwitz mit solchen zum Naturkundemuseum und Auszügen von Theretiker:innen verbunden würden, hält der Kritiker für "sehr oberflächlich und inhaltlich fast ein bisschen fahrlässig". Der Arbeit schneide Themen an, ohne sie wirklich diskursiv zu bearbeiten.

"Der Kolonialismus und die Vernichtung der Tierwelt, die in Naturkundemuseen ein gedenkendes Nachleben erfahren, werden nachvollziehbar miteinander verknüpft. Die Begriffe Ausbeutung, Ausschluss, Kapitalismus und Westen werden dann aber pauschal gehandhabt. Die Verknüpfung mit der Erfahrung des Holocaust und neuen antisemitischen Anschlägen ist dann auch etwas spekulativ, vielleicht sogar eine Instrumentalisierung", schreibt Katrin Bettina Müller von der taz (2.8.2021).

Eine "Wiederauferstehung der kollektiv atmenden Körper im Chor" hat Gunnar Decker gesehen, einerseits, schreibt er im Neuen Deutschland (2.8.2021). Andererseits: "Manches bei diesem mitunter auch atemlos agierenden Chorstück ist von einem Text bestimmt, in dem man sich sehr viel mehr Fragezeichen als Ausrufezeichen wünschte." Das Programmheft sei "eine Art Handbuch für diesen Abend", so Decker: "Wenn man lange Erklärungen dafür braucht, was man doch selbst sehen und hören kann, was fehlt dann? Der Absprung vom Oberseminar Theaterwissenschaften mit seinen permanent zitierten Schutzgeistern Judith Butler und Giorgio Agamben ins kalte Wasser des eigenen Ausdrucks!"