Wasser und Wahrheit

von Willibald Spatz

Schondorf, 5. August 2021. Das Elle Kollektiv nennt das, was sie produzieren, ein "immersives Open-Air Theaterspektakel". Und immersiv bedeutet in dem Fall, dass man zwar dabei ist, aber dennoch viel verpasst, dass man nicht immer genau weiß, ob das, was man da miterlebt, zum Stück gehört oder eine performative Reaktion eines Zuschauenden ist. Und schließlich bedeutet es auch, dass man selbst irgendwann nicht mehr weiß, ob man noch zuschaut oder schon längst Teil des Spektakels geworden ist.

Seebühne mit Fernseh-Team

Hinter diesem aufwändigen und insgesamt ziemlich großartigen Verwirrspiel stecken Elisabeth-Marie Leistikow und Luis Lüps, die für den Text und die Regie verantwortlich sind, und der Bühnen- und Kostümbildner Louis Panizza. "Das Meditier", das nun Premiere hatte, ist der dritte Teil einer Trilogie, wobei man die anderen Teile nicht kennen muss, um einsteigen zu können.

Meditier1 1000 Yorck Dertinger uSeebühne im Garten © Yorck Dertinger

Schondorf ist ein beinahe absurd idyllischer, touristisch nicht zu überlaufener Ort am Westufer des Ammersees. "Das Meditier" findet auf einem Grundstück mit großem Garten und einem direkten Zugang zum See statt. Zu Beginn heißt es allerdings Warten auf Einlass vor einem die Sicht versperrenden Gebäude. Zu den ratlos Rumstehenden gesellen sich bald eine Reporterin und ein Kameramann von "Ammersee-Kurier-TV". Sie interviewen einzelne, ob sie denn wüssten, was sie da erwarte. Die meisten wissen gar nichts, nur ein paar kennen die vorigen Vorstellungen oder waren bei Proben dabei. Im Grunde wissen sie auch nichts, aber schon jetzt ist klar, dass man am besten seine Ohren überall hat. Eine geifernde Frau vertreibt die Presse schließlich vom Hof.

Skurrile Uferbewohner:innen

Das Publikum darf eintreten und ist zunächst überfordert: Zelte, ein Gewächshaus, Skulpturen, mehrere Schuppen, ein Wohnwagen und überall kostümierte Menschen. Da sind zwei dunkel gekleidete Frauen mit Hauben, die bügeln und nebenzu Sätze raushauen wie "Die Natur spricht zu uns ohne Worte" und "Was löst das bei Ihnen aus, wenn ich das sage?" Kaum hat man sich ein paar Minuten auf sie eingelassen, wird man abgelenkt von einem kichernden jungen Mann, der auf einem Wohnwagen sitzt und liest.

Vor dem Wohnwagen sitzt eine ältere Frau, isst einen Apfel mit dem Messer, erklärt, warum es für sie als "Seeweib" nicht ohne Messer gehe. Sie lädt zu Kaffee und Pfeife, erzählt vom harten Leben als Ammersee-Fischerin – "Ich habe ein ganzes Jahr lang geklotzt" – und gerät in Auseinandersetzungen mit einer Englisch-Lern-CD, weil sie entweder nicht versteht, was da gesagt wird, oder dauernd aufgefordert wird, dasselbe zu tun, was sie gestern schon gemacht hat. Dann ist da noch der freundliche Karsten, der alle anspricht, und der Mann am Stehtisch, der den Rasen saugt.

Meditier3 1000 Yorck Dertinger uSeeprozession © Yorck Dertinger

Es ist zu wenig Zeit, alle diese Figuren kennenzulernen. Denn nun wird das Publikum aufgeteilt in die Zelte. Man landet also zum Beispiel bei einem Forscherpärchen, das von einem unheimlichen Phänomen mitten im See erzählt. Dieser herrlich verquere Blödsinn von schwarzen Löchern, die vor unseren Augen entstehen und Turbulenzen, die anderen Turbulenzen die Energie entziehen, wird uns anschaulich gemacht mit Hilfe von Marshmallows, Nebel und Flüssigkeiten, die in Wasserbassins gebracht und verquirlt werden. Als Zuschauer hat man inzwischen eine alberne Haube auf dem Kopf "zur eigenen Sicherheit" und ein Klemmbrett mit einer zu unterschreibenden Verschwiegenheitserklärung in der Hand.

Kunstvolle Vermischung der Realitäten

Die Aufführung als Ganze beschäftigt sich laut Begleittext mit "Wasser und Wahrheit". Beiden wohne Tiefgründigkeit, Unergründlichkeit und Wandelbarkeit inne. Das tatsächlich Raffinierte am "Meditier" ist, dass man jede einzelne Aktion als einen schön ausgedachten Blödsinn anschauen kann, dann aber immer wieder unerwartete Wahrheits-Momente aufblitzen. Die zwei Forscher*innen nähern sich menschlich an und scheitern aneinander, weil sich der Mensch beim wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn immer selbst im Weg steht.

Meditier4 1000 Yorck Dertinger uDas Meditier und seine Fabelwesen-Freunde © Yorck Dertinger

Natürlich geht es auch noch hinaus aufs Wasser. Man fährt in Tretbooten zu einer hell erleuchteten Metallkonstruktion auf dem See, wo alle wieder zusammenkommen, streiten und am Ende Kanon singen. Zurück an Land versammelt man sich in einem Varieté-Bierzelt, wo sich im Publikum das leibhaftige Meditier sowie zahlreiche andere Fabelwesen tummeln – hier hat sich der Kostümbildner Louis Panizza ausgetobt. Nach diversen Schlussnummern und dem finalen Applaus marschiert aus dem Nichts die örtliche Blasmusik ein und spielt auf. Diese Aufführung endet nie, längst ist sie über den Ammersee hinausgeschwappt und der Rest der Welt nur ein Teil von ihr, was nicht das Schlechteste ist, das ihr jetzt passieren konnte.

Das Meditier
Ein Theaterspektakel über Wasser und Wahrheit in 4 1/2 Akten
Konzept: Elle Kollektiv, Regie: Elisabeth-Marie Leistikow & Luis Lüps, Bühne & Kostüm: Louis Panizza, Text: Elisabeth-Marie Leistikow, Mitarbeit Luis Lüps, Video: André Döbert, Musikarrangement: Bastian Hahn, Produktionsleitung: Evelyne Klunker-Bartelse, Künstlerische Mitarbeit Regie: Monika Ehlscheidt, Künstlerische Mitarbeit Bühne: Jana Boenisch, Künstlerische Mitarbeit Kostüm: Victoria Dietrich, Nicole Reichelt.
Mit: Pauline Fußban, Valentin Erb, Paul Wellenhof, Anna K. Seidel, Zora Klare-Thiessen, Antonia Hölzel, Mara Widmann, Miguel Abrantes Ostrowski, Doris Buchrucker, Marinus Knierim, Elisabeth-Marie Leistikow, Luis Lüps, Valentin Frick, Janòs Fischer, Thomas Hauser, Erwin Kloker, Anton Gruber, André Döbert, Gabriele Fischer, Florentine Panizza.
"Das Meditier" ist der letzte Teil der Trilogie "Die schlafende Vernunft".
Premiere: 5. August 2021
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, keine Pause

www.ellekollektiv.de

 

Kritikenrundschau

Höchst amüsant, findet Armin Greune von der Süddeutschen Zeitung (6.8.2021) dieses "überbordend fantasievolle() Verwirrspiel voller philosophischer Gedankengänge". "Es ließe sich eine ganze Zeitungsseite mit den Ideen füllen, die das ELLE-Team im Meditier Revue passieren lässt."

"(W)as das ELLE Kollektiv mit dem 'Meditier' zaubert, verzaubert", schreibt Susanne Greiner im Kreisboten (Online: 5.8.2021). Es biete jedem ein Gedankenpaket, dass er im Kopf mit nachhause nehmen könne, "verpackt in fantastischen Traumbildern, skurrilen Figuren, einem Theatererlebnis mittendrin".

 

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